Märchen – Vom goldenen Glücksfaden

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  • Glück!? Was ist Glück!? – Dafür gibt es viele Definitionen und Geschichten. Hier eine ganz besondere davon:

    Vor langer, langer Zeit, war’s gestern, oder war‘s heut, da lebte einmal ein Bauer. Der mühte sich mit Frau und Kindern mehr schlecht als recht durchs Leben.

    Einmal im Winter war er mit seinem Esel wieder in der Stadt und verkaufte in einer prächtigen Villa Brennholz. Der Reichtum und der Luxus der ihm dort entgegen leuchtete, verschlug ihm schier den Atem.

    »Was macht dein Herr, dass er einen solchen Reichtum hat«, fragte er neugierig einen Diener. »Der!?«, lachte der Diener, »der sitzt auf seinem Canapé, trinkt seinen Tee, raucht seine Pfeife und wartet darauf, dass ihm die Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt!« – »Wie gescheit!«, rief da der Bauer verblüfft, »das ist ein Beruf für den Sohn von meiner Mutter. So will ich‘s künftig auch machen!« Schnell entschlossen kaufte er alles, was er dafür brauchte, und machte sich vergnügt auf den Heimweg.

    Zu Hause erwartete ihn die Frau schon sehnsüchtig. Als er aber das Mitgebrachte auspackte, gefiel ihr das gar nicht: »Tee, eine Pfeife, Tabak!? Das ist doch reine Geldverschwendung!?« – »Ach, Frau, das verstehst du nicht«, lachte der Bauer, »ich setze mich jetzt auf die Ofenbank, trinke in Ruhe meinen Tee, schmauche die Pfeife und warte darauf, dass mir die Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt.«

    Die gute Frau war fassungslos. »Der arme Mann«, sagte sie sich, »jetzt hat ihn die viele Arbeit auch noch um den Verstand gebracht!«

    Draußen graste derweil der Esel. Da kam der Nachbar daher. Der war kein Guter, habgierig und geizig. Er gönnte sich selber nichts und anderen schon gar nicht. Jetzt wollte er bei einer Torfgrube Torfziegel abstechen. »Den Esel leih’ ich mir aus«, sagte er sich, »der soll mir beim Schleppen der schweren Säcke helfen.« Sack für Sack füllte der Nachbar bei der Torfgrube an.

    Er war fast schon fertig, da spürte er unter dem Spaten etwas Hartes. Neugierig grub er weiter. Eine Kiste kam da zum Vorschein. Aus der funkelte ihm ein prächtiger Schatz entgegen. Was für eine Freude!

    Seine Augen leuchteten vor lauter Gier. Geschwind den Torf wieder ausgeleert und hinein mit dem Schatz. Oben drauf noch ein wenig Torf zur Abdeckung. Dass ja niemand etwas sieht von dem Reichtum.

    Aber wenn die Gier gar zu groß wird, dann ist das Unglück nicht weit.

    Plötzlich gab die Torfgrube nach. Lautlos wurde der Nachbar darin begraben. Der Esel stand immer noch schwer beladen da. In der Grube rührte sich nichts mehr. Langsam zottelte er wieder nach Hause. Auch dort lud in keiner ab. »Iahhh! Iahhh!«, klagte er laut. Drinnen saß der Bauer vergnügt auf der Ofenbank und rührte sich nicht vom Fleck. So musste die Bäuerin nachschauen. »Mein Mann ist wirklich ganz und gar verrückt geworden«, klagte sie, »jetzt hat er den Esel mit Torf beladen. Was sollen wir denn damit?!«

    Beim Misthaufen hinterm Haus leerte sie die vollen Torfsäcke aus. Aber was kam da zum Vorschein!

    Fassungslos rief sie ihren Mann. »Schau nur!«, stammelte die Bäuerin ungläubig, »Was für ein Schatz! – Weißt du, was das ist? Weißt du, woher der kommt?« – »Woher er kommt, weiß ich nicht«, lachte der Bauer, »Was es aber ist, das weiß ich schon: So ist es, wenn einem die Schicksalsfrau den goldenen Glücksfaden zuspinnt!«

    Ihr könnt euch denken, wie es weitergegangen ist: Durch den Schatz sind die zwei zu Wohlstand gekommen. Lange und gut haben sie noch gelebt. Glücklich sind sie auch gewesen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie wohl heute noch.

    In diesem Sinne – eine entspannte Weihnacht,
    Helmut Wittmann