Bier, Schuhe, Möbel – Crowdfunding

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  • Was bewegt Menschen, ihr Geld jenseits des Bankensystems in Ideen und Visionen zu investieren?
    4 Beispiele für erfolgreiches Crowdfunding
  • Fall 1: Brew Dog.

    2007 hatten die jungen Schotten James Watt und Martin Dickie genug vom langweiligen Industriebier, gründeten in einem Dorf bei Aberdeen ihre eigene kleine Brauerei „Brew Dog“ und interpretieren klassische britische Bier-Sorten wie Ale, Stout und India Pale Ale neu, frech, phantasievoll. Keine Bank wollte diesen Verrückten Geld geben, schon gar nicht mitten in der Wirtschaftskrise. Also gingen sie ans Finanzieren ebenso unorthodox heran wie ans Brauen und starteten ihr „Anti Business Business Model“: Im ersten Jahr kauften 1.329 Biertrinker spontan online Anteile des „Brauhundes“. 2011 waren es bereits 6.567 Geldgeber, und 2013 hatte 14.568 Leute aus 22 Ländern insgesamt über 8 Mio Euro in die schrägen Jungs an den Braukesseln investiert.
  • Fall 2: Protonet.

    Dem 34-jährigen Ali Jelveh, Gründer des Hamburger Server-Herstellers „Protonet“, gelang es im Vorjahr, für sein junges Kleinunternehmen binnen sechs Tagen bei 1.800 privaten Investoren drei Millionen Euro an Einlagen zu sammeln: Europas bis dato schnellste Crowdfunding-Kampagne.
  • Fall 3: Waldviertler.

    2012 wurde Heinrich „Heini“ Staudinger, Geschäftsführer der Waldviertler Schuhwerkstatt, zur „Staatsaffäre“ in Österreich und erregte internationale Aufmerksamkeit. Er bekam infolge der „Basel II- bzw. III-Abkommen“, die den Banken sehr enge Grenzen bei der Kreditvergabe setzen, von seiner Hausbank kein Geld mehr. Gemäß seinem Firmengrundsatz Nr. 1 – Scheiß di ned au!* – lieh sich Staudinger, wie schon einmal zuvor, im Rahmen eines Crowdfundings Geld von Freunden und Kunden. Diesmal aber verklagte ihn prompt die Finanzmarktaufsicht FMA, weil Kredite nur eine Angelegenheit von Banken sein dürfen.

    „Die FMA findet diese Projekte nicht so super. Ich jedoch vertraue auf die Demokratie, in der es keine höhere Instanz gibt als das Volk. Das Volk hat ein Recht und die Pflicht, selber aktiv zu werden. Wir wollen … eine gesunde Erde, wir wollen die Wende. JETZT!“, zeigt sich Heini Staudinger streitbar. Heute gilt er als Pionier der bankenunabhängigen Unternehmensfinanzierung in Österreich.

  • Fall 4: Grüne Erde.

    So ähnlich wie Staudingers Waldviertler Schuhwerkstatt ging es auch der Grünen Erde. Nach dem großen Crash 2008 war es für Klein- und Mittelbetriebe sehr schwierig geworden, sich von den Banken Geld für Investitionen zu leihen. Die Forderungen zur Kreditbesicherung wurden immer höher und unverschämter, Rohstoffe, Halb- und Fertigwaren als Besicherung nicht mehr akzeptiert. Die Banken legten dem Unternehmen sogar die Verpfändung der wertvollen Marke „Grüne Erde“ nahe, wollten Verfügungsgewalt über Kundenadressen und empfahlen den Verkauf von Unternehmensanteilen an internationale Investmentfonds.

    So entschloss man sich für ein alternatives, rechtlich „wasserdichtes“ Finanzierungsmodell: Von Mai 2013 bis heute fanden sich mehr als 1.100 Kunden und Sympathisanten bereit, der Grünen Erde Darlehen in Höhe von insgesamt über 7,6 Millionen Euro (gegen derzeit 4 % Zinsen) zu gewähren. Das Unternehmen hat de facto seine Unabhängigkeit von den Banken erreicht.

  • Nicht die Zinsen zählen, sondern Ideen

    Warum geben Menschen einer Brauerei in Schottland, einem Server-Produzent in Hamburg, einer Schuhfabrik im Waldviertel und einem Öko-Unternehmen im oberösterreichischen Almtal Geld? Offenbar vertrauen sie den Produkten und den Menschen, die dahinter stehen. Und es geht ihnen weniger um Zinsen und schnellen Gewinn. Vielmehr geht es ihnen um eine Vision, eine Idee, eine bessere Welt, eine Hoffnung, eine Geschichte, an der sie teilhaben wollen, um Alternativen zum bestehenden Finanz- und Wirtschaftssystem, um Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Emanzipation. Dass ethische Werte den Geldgebern meist wichtiger sind als die Rendite, kann Grüne Erde-Geschäftsführer Kuno Haas aus persönlicher Erfahrung bestätigen: „Ein Kunde investierte 50.000,– Euro, wollte dafür selbst aber keine Zinsen, sondern meinte: Spenden Sie die 4 % lieber für einen guten Zweck.“

    Eine Kundin war bereit, 200.000,– Euro in das Öko-Projekt Grüne Erde zu investieren – was ihrer gesamten Barschaft entsprach. Nachdem ihr Haas erklärt hatte, diese Verantwortung würde ihn um den Schlaf bringen, einigte man sich auf bescheidenere 20.000,–.

    Eine Kundin aus Wien sagte nach der Präsentation des Finanzierungsmodells zu Haas: „Nachdem ich erfahren habe, dass Sie gelernter Tischler sind, habe ich mich spontan entschieden, Ihrer Firma 5.000,– Euro Darlehen zu geben.“

    Letztes, bezeichnendes Beispiel: Eine Kundin hatte den Rat ihres Steuerberaters, nicht bei Grüne Erde zu investieren, in den Wind geschlagen, statt dessen ihrem Bauchgefühl vertraut – und ein Darlehen gezeichnet.

  • “Der Erfolg unseres Crowdfunding-Modells ist auch ein massives Zeichen von Selbstbestimmung und unserer Verbundenheit mit den Kunden.”
    Grüne Erde-Geschäftsführer Reinhard Kepplinger
  • Das Unternehmen war von Anfang an auf das Vertrauen der Kunden gebaut: Die Banken standen vor 30 Jahren der „verrückten“ Geschäftsidee – Matratzen aus Naturfasern handwerklich in Österreich zu fertigen – sehr skeptisch gegenüber. Kepplinger: „Wir wählten daher damals ein Finanzierungsmodell, das im Handwerk seit Jahrhunderten üblich gewesen war: Vorauszahlung durch die Kunden. 1983 vertrauten uns viele Gleichgesinnte, Freunde und Bekannte aus der Ökologie-Bewegung, unterstützten unser Vorhaben und waren bereit, Anzahlungen auf Matratzen und Betten zu leisten. Mit diesen Darlehen konnten wir Material einkaufen, um die Produkte zu fertigen. Hätten uns die Kunden damals nicht vertraut, gäbe es heute die Grüne Erde nicht.“ Und das wär’ ewig schade.
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    • Johanna meint
      Möbel

      Super Beitrag! Ich habe passend zum Thema einen interessanten Blogbeitrag gefunden.. Wer eine Checkliste für den Nachhaltigen Möbelkauf sucht => http://www.sittingwood.de/blog/item/13-checkliste-fuer-den-nachhaltigen-moebelkauf.html

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