Kompromisse auf Kosten der Konsumenten? – EU-Bio-Verordnung

  • Gemüsemix abgepackt in einzelne Pakete
  • Das EU-Bio-Siegel und die EU-Öko-Verordnung

    Die EU hat sich auf eine neue Bio-Verordnung geeinigt: Wohin geht die Reise? Seit 2010 gibt es ein offizielles EU-Bio-Siegel. Nur, wenn die Kriterien der EU-Öko-Verordnung erfüllt sind, dürfen Lebensmittel in der EU dieses Siegel tragen und als Bio oder Öko bezeichnet werden. Angesichts der rasant steigenden Umsätze bei Bio-Lebensmitteln ist dieses verbreitete und bekannte Siegel ein mächtiges Zeichen, und bei Herstellern sehr gefragt!
    • Seit März 2014 wird über eine Neuregelung der EU-Öko-Verordnung diskutiert. Die verschiedenen nationalen, wirtschaftlichen Interessen der 28 Staaten sind auch beim Thema Bio schwer unter einen Hut zu bringen. Jetzt gibt es einen Durchbruch – zumindest am Verhandlungstisch. Aber ist der gemeinsame Nenner ein fauler Kompromiss auf Kosten der Konsumenten oder ein Schritt in die richtige Richtung? Wird das EU-Bio-Siegel aufgewertet? Kann man in der EU nun Äpfel mit Äpfeln vergleichen?
    • Die Kritik am EU-Bio-Siegel ist so alt wie das Siegel selbst. Zu niedrig die Standards, zu unterschiedliche Auslegungen, zu viele Sonderregelungen und nicht zuletzt: zu wenige Kontrollen.
    • Ein kurzer Auszug aus der neuen EU-Bio-Verordnung
    • Will man diese Fragen – aus der Sicht der Verbraucher – mit Ja beantworten, ist bemerkenswert, dass Bio-Ware aus Nicht-EU-Ländern in Zukunft ohne Ausnahmen voll und ganz der EU-Öko-Verordnung entsprechen muss. Das stärkt die Position der EU-Bio-Landwirtschaft und gibt den Verbrauchern mehr Sicherheit, dass ein Produkt mit dem EU-Bio-Siegel auch wirklich über die entsprechende Qualität verfügt. Ein entscheidender Schritt ist hier, dass – sowohl in Drittländern als auch innerhalb der EU – die Kontrollen deutlich verschärft werden sollen. Betroffen ist, neben der Überprüfung der Prozesse in den landwirtschaftlichen Betrieben selbst, auch die gesamte Lieferkette. Skandale in der Vergangenheit haben gezeigt, dass gerade hier ein erhöhtes Risiko für Betrug und Täuschung besteht.
    • “Unabhängig von der natürlichen Umgebung, in der ein Apfel in Argentinien reifen mag, drängt sich die Frage auf, ob er bei uns als Bio oder Öko verkauft werden sollte.”
  • Weg mit den Ausnahmeregelungen – der Schwerpunkt der neuen EU-Öko-Verordnung

    Insgesamt ist das Bestreben Ausnahmeregelungen abzubauen, positiv zu bewerten. Vor allem wenn diese logistisch oder organisatorisch begründet waren, konnten Fortschritte erzielt werden. Bislang darf z. B. für den Bio-Anbau konventionelles Saatgut verwendet werden, wenn kein ökologisches Saatgut verfügbar ist. Diese Sonderregelungen sollen nun auslaufen, während parallel dazu Maßnahmen zur verstärkten Bereitstellung und Züchtung von ökologischem Saatgut getroffen werden.
    • Bei anderen Ausnahmeregelungen war eine Einigung schwieriger. So wollte z. B. Finnland beibehalten, dass ein Anbau in Gewächshäusern mit Substraten einer Biozertifizierung nicht im Weg steht. Doch warum sollten in Finnland für Bio andere Regeln gelten? Argumentiert wird hier mit den klimatischen Bedingungen. Die Versorgung mit regionalen Produkten ist in kühleren Ländern naturgemäß aufwendiger. Es kommt die Frage auf: Was ist ökologisch? Geht es letztlich darum – zu welchem Preis auch immer – dem Verbraucher vermeintlich gesündere Lebensmittel anzubieten, oder geht es insgesamt um einen achtsamen Umgang mit der Natur? Anders gesagt: Ist es ökologisch, im Herbst Bio-Tomaten aus Italien nach Norden zu transportieren, oder sollte man ganz auf Tomaten verzichten, oder lieber die Tomaten aus der Region essen, auch wenn sie nicht zertifiziert sind?
    • Die neue EU-Bio-Verordnung tritt voraussichtlich im Jahr 2020 in Kraft und bedarf noch der Zustimmung in den jeweiligen Parlamenten der EU-Mitgliedstaaten. In Anbetracht der ökologischen Herausforderungen, die noch vor uns liegen, erscheinen sechs Jahre vom ersten Entwurf im Jahr 2014 bis zum Inkrafttreten erschreckend lange.
  • Ob sich Bio eher auf den Herstellungsprozess oder das Produkt bezieht, wurde innerhalb der EU noch viel grundlegender diskutiert und erbrachte kein endgültiges Ergebnis. Für Bio-Lebensmittel gelten nach wie vor bei Umweltgiften und Pestiziden die gleichen Grenzwerte wie für alle anderen Lebensmittel in der EU. Der ökologische Landbau bleibt also vorerst – so wie es bisher der Fall ist – als Prozess definiert. Es gibt Kriterien bei Anbau und Verarbeitung, die für das EU-Bio-Siegel erfüllt werden müssen. Dass die Produkte eventuell durch Düngung auf benachbarten Feldern, dennoch erhöhte Schadstoffwerte aufweisen, das darf – so die Argumentation gegen strengere Bio-Grenzwerte – nicht zum Entzug des Bio-Zertifikats führen. Der Öko-Bauer selbst betreibe schließlich ordnungsgemäßen Öko-Landbau. Auch hier hat die Medaille zwei Seiten. Einen Bauern, der den Weg in die ökologische Landwirtschaft beschritten hat, sollte man nicht zurücktreiben in den konventionellen Anbau. Dennoch ist es nicht vertrauensbildend, wenn ein Bio-Produkt theoretisch genauso belastet sein kann wie jedes andere. Theoretisch – denn in der Praxis sind Bio-Produkte nachweislich meist deutlich gesünder!
    • Ab wann ist Bio Bio?

      Aber unabhängig von der natürlichen Umgebung, in der ein Apfel in Argentinien oder eine Birne in Neuseeland reifen mag – es drängt sich die Frage auf, ob sie eingeschweißt in Plastik, nach einem Transport über tausende Kilometer bei uns im Supermarkt tatsächlich als Bio verkauft werden sollten. Skepsis ist berechtigt.
    • Das EU-Bio-Siegel ist ein Kompromiss zwischen 28 Ländern, Wirtschaft, Bauern- und Interessensverbänden. Es bleibt ein wichtiger, gemeinsamer Schritt, die Verschmutzung der Umwelt lässt sich nicht allein innerhalb nationaler Grenzen verhindern. Aber es lohnt sich, über das EU-Bio-Siegel hinaus wachsam zu bleiben, auf die Herkunft der Produkte zu achten und sich über Zertifikate anderer Institutionen wie Demeter, Naturland oder Bioland zu informieren – sie legen oft wesentlich strengere Kriterien an!
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    • Hermine Rohr meint
      BIO Lebensmittel

      Sie haben in "good times" geschrieben, dass bei Bio_Lebensmittel dieselben Pestizidgrenzwerte gelten wie für konventionellen Lebensmitteln. Bedeutet das, dass für Bio-Lm dieselben Pestizide verwendet werden wie für konventionelle landwirtschaftliche Erzeugnisse? An welche Pestizide haben Sie dabei gedacht? Beste Grüße

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      Grüne Erde antwortet

      Sehr geehrte Frau Rohr, vielen Dank für Ihren Kommentar. Die gute Nachricht vorweg: Untersuchungen haben gezeigt, dass Bio-Produkte in der Regel deutlich gesünder und weniger belastet sind als Nicht-Bio-Produkte. Das trotzdem die gleichen Grenzwerte gelten liegt daran, dass nicht das Ergebnis zertifiziert wird, sondern der Prozess. Das heißt, ein Bio-Bauer muss bei der Erzeugung und Verarbeitung seiner Produkte Bio-Standards einhalten. Dazu gehört auch, dass er keine oder nur bestimmte, weniger schädliche Pestizide verwenden darf. Vereinzelt kann es aber vorkommen, dass zum Beispiel wenn ablaufendes Wasser von nicht biologisch bewirtschafteten Feldern auf Bio-Felder fließt oder der Wind Pestizide hinüberweht, Bio-Produkte genauso belastet sein können wie nicht Bio-Produkte. Die Argumentation ist hier, dass der Bio-Bauer ja nach Bio-Standards bewirtschaftet und man ihn nicht für etwas "bestrafen" kann, was nicht in seinem Einflussbereich ist. Liebe Grüße, das Grüne Erde-Team

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