Markt und Moral: Der Wert der Maus

  • “Wissenschaftliche Studie zeigt: marktorientiertes Gewinnstreben lässt moralische Hemmschwellen bedenklich sinken. ”
  • Moralisten haben es schon immer geahnt: Geld verdirbt den Charakter. Dass das Gewinnstreben auf einem von Angebot und Nachfrage beherrschten Markt moralische Hemmschwellen tatsächlich besorgniserregend sinken lässt, haben nun deutsche Wirtschaftsforscher in einer Studie gezeigt. Ergebnis: Der Markt zerstört die Moral. Die Vermutung, „der Markt“ führe zum Verfall moralischer Werte, wird in der Sozialwissenschaft, Ethik und Philosophie schon lange und kontroversiell diskutiert. Bislang gab es aber kaum harte Indizien für diese Vermutung. Diese lieferten vor kurzem die Wirtschaftsforscher Armin Falk von der Universität Bonn und Nora Szech von der Universität Bamberg in einer Studie, die im renommierten Wissenschaftsjournal „Science“ publiziert wurde (Morals and Markets, Science 340, 707 – 2013).
  • 10 Euro oder mausetot

    Die beiden Forscher gingen experimentell der Frage nach, inwieweit Menschen – rund 800 Studenten nahmen am Versuch teil – bereit sind, sich für Geld auf dem Markt unmoralisch zu verhalten. Im konkreten Fall hieß das, für einen Gewinn das Leben von Mäusen zu opfern.

    Im ersten Teil des Experiments wurden die Studenten – allein und unabhängig vom Verhalten anderer – vor die Wahl gestellt, 10 Euro zu bekommen und gleichzeitig den Tod einer Labormaus zuzulassen. Oder auf das Geld zu verzichten und damit das Leben der Maus zu retten. In zweiten Teil der Untersuchung traten die Studenten auf einem „Markt“ als Käufer bzw. Verkäufer von Mäusen auf. Die Käufer hatten 20 Euro zur Verfügung, den Verkäufern wurde eine Maus anvertraut.

    Die Regeln des Marktes:
    1. Geld gibt’s für beide nur, wenn ein Maus-Verkauf gelingt: Der Verkäufer bekommt den ausgehandelten Preis, der Käufer darf den Rest seiner 20 Euro behalten.
    2. Kommt ein Deal zustande, stirbt die Maus.
    Alle Marktteilnehmer hatten die Freiheit, zugunsten der Mäuse auf einen Deal zu verzichten, es herrschte also kein Kauf- bzw. Verkaufszwang.

    Käufer und Verkäufer hatten also die Wahl,

    • sich entweder durch ein abgeschlossenes Geschäft das Geld zu teilen und den Tod einer Maus in Kauf zu nehmen oder
    • den Deal zu verweigern: Dann hätte niemand Geld verdient, aber die Maus wäre am Leben geblieben.
  • Bedenkliche Ergebnisse

    Alle Marktteilnehmer durften anonym miteinander in Kontakt treten, Preise für eine Maus vorschlagen, akzeptieren, ablehnen, miteinander verhandeln.

    Kam ein Deal zustande, erhielt der Verkäufer die ausgehandelte Summe, der Käufer durfte den Rest seiner 20 Euro behalten – und die Maus war tot. Kamen keine weiteren Angebote mehr, war die Verhandlungsrunde vorbei. Insgesamt wurden neun solche Markt- Runden gespielt.

    Die Ergebnisse der Untersuchung stimmen nachdenklich: Im ersten Teil der Studie entschieden sich 45 % der Versuchspersonen – auf sich allein gestellt und ohne Teilnahme am Markt – für die 10 Euro und damit für den Tod einer Maus.
  • Die Moral verfällt

    Im zweiten Teil des Experiments brach die Moral der aktiv ins Marktgeschehen Eingebundenen noch stärker ein: 75 % der Verkäufer waren bereit, ihre Maus für 10 Euro oder weniger in den Tod zu schicken.

    Dazu kam: Der Durchschnittspreis einer Maus in allen Verhandlungsrunden lag bei nur 6,40 Euro und sank von Runde zu Runde.

    Am Ende ließen sich die Verkäufer bereits auf Preise unter 5 Euro ein, nach dem Motto: Besser 5 Euro und eine tote Maus als eine lebende Maus und gar kein Gewinn.
  • Höhere Moral bei Frauen, Vegetariern und Klugen

    Der Fairness halber und um nicht vollends in Kulturpessimismus zu verfallen, sei ergänzt: Es gab auch Studienteilnehmer, die sich dem Mäuse-Markt total verweigerten.

    Frauen gingen seltener auf Deals ein als Männer, Vegetarier seltener als Fleischesser – und retteten damit mehr Mäuseleben. Auch die Klügeren (die Intelligenz der Teilnehmer wurde erhoben) handelten moralischer.

    Können die Ergebnisse dieses Experiments auf „wirkliche“ Märkte übertragen werden? Sind die Menschen tatsächlich so skrupellos, wenn es ums Geld geht? Wie würden die Ergebnisse ausfallen, wenn nicht Mäuse, sondern etwa Katzen oder Hunde betroffen wären?

    Wie auch immer: Es genügen bereteis ein paar „Mäuse“, um die Moral ins Wanken zu bringen.

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