Luxus, Muße, Widerstand – Schlaf in der Moderne

  • Schlaf in der Moderne – John S. Sargent: Lady and Child asleep in a Punt under the Willows
    John S. Sargent: Lady and Child asleep in a Punt under the Willows
  • Die moderne Gesellschaft und ihr seltsames Verhältnis zum Schlaf

    Vor kurzem fiel uns ein Inserat für Schlaftabletten auf. Headline: „Gesunder Schlaf – bessere Performance“. Na bravo! In diesem harmlos scheinenden Slogan spiegelt sich das ganze Elend jenes Optimieren- und Perfektionieren-Denkens wider, das alles im Leben – selbst den Schlaf – der Steigerung der Performance, also der Leistung, unterordnet.
  • Wohin diese Performancesteigerung führt, zeigen die Fakten: In modernen Gesellschaften wie Österreich und Deutschland wird immer effizienter gearbeitet, aber immer schlechter geschlafen. Etwa jeder Zehnte leidet unter einer schwerwiegenden Schlafstörung. Bezeichnend: Die Schlafforschung unterscheidet zwischen etwa 90 verschiedenen Arten von Schlafstörung, aber guten Schlaf gibt es nur einen. Dass zu kurzer bzw. schlechter Schlaf langfristig massive Auswirkungen auf die Gesundheit hat, ist bekannt und nachgewiesen: Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und psychische Leiden haben ihre Ursachen oft auch in schlechtem Schlaf.

    Stress, Überlastung, Schichtarbeit, Überstunden, ständige Erreichbarkeit, digitale Reizüberflutung, fließende Übergänge zwischen Privat- und Berufsleben: Jeder kennt diese schwarze Liste an seelischen und körperlichen Grausamkeiten, die dem Schlaf angetan werden.
    • Schneller schlafen

      Eine Zeitlang lag es unter Managern und anderen unter Leistungsdruck stehenden Menschen im Trend, sich kürzere Schlafzeiten (als von der Natur vorgesehen) anzutrainieren, um wertvolle Zeit für höhere Produktivität zu gewinnen, also die Kunst des schnelleren Schlafens zu erlernen und seine eigene Natur zu überlisten. Gemäß dieser Logik des Nimmermüden und ewig Aktiven sollte man sich konsequenterweise den Rost zum Vorbild nehmen. Wie sang Neil Young 1979: „Rust never sleeps“. – Mach’ es wie der Rost, der niemals schläft, und immer an der Arbeit ist.
    • Franz von Lenbach: Hirtenknabe
      Franz von Lenbach: Hirtenknabe
    • Schlafringe und Weighted Blankets

      Der Markt ist voll mit High Tech-Produkten, die ein intensiveres, effizienteres Schlaferlebnis versprechen, eine Art „Premiumschlaf“: etwa Schlafbälle auf dem Bettkästchen, die das Gehirn stimulieren und beruhigen sollen. Oder Stirnbänder, die den Schlaf mit Hilfe von Schallwellen in ruhige Bahnen lenken. Schlafringe, die man sich an den Finger steckt, geben in der Einschlafphase alle drei Minuten ein Geräusch von sich, das den Tiefschlaf verhindert und auf diese Weise danach besseren Schlaf ermöglichen sollen. „Weighted Blankets“, mit Kunststoffgranulat gefüllte, beschwerte Schlafdecken, schmiegen sich angeblich wie eine Umarmung um den Körper. Solche Decken wiegen etwa 10 % des Körpergewichts, sollen Stress reduzieren, die Entspannung und die Ausschüttung des Schlafhormons Serotonin steigern, die Bewegungen des Körpers im Schlaf minimieren – für tieferen REM-Schlaf.
    • “Die Sorge um den Schlaf ist ein Symptom unserer Gegenwart.”
      Alexei Penzin, Russische Akademie der Wissenschaften
  • Sonderprämie für Ausgeschlafene

    Unternehmen wollen von der leistungssteigernden Wirkung des Schlafes profitieren: Nachdem 2016 in den USA eine Studie des Marktforschungsinstituts Rand erschien, wonach Arbeitsunfälle aufgrund von Schlafmangel einen Schaden von 411 Milliarden Dollar (= 2,28 % des US-Bruttoinlandsprodukts) verursachen, reagierten einige große Firmen prompt – und engagierten Schlaftrainer für ihre Mitarbeiter. Ein bekanntes internationales Personenbeförderungsunternehmen, dessen Fahrer aufgrund von Überlastung nicht selten in ihren Autos auf Parkplätzen schlafen, um durchzuhalten, führte im Rahmen von Anti-Burnout-Programmen Schlafschulungen durch – für seine Büroangestellten! Ein US-Versicherungskonzern entlohnt Mitarbeiter, die sich mindestens 20 Tage hintereinander nachweislich mehr als sieben Stunden pro Nacht ins Kissen schmiegen, mit einer Sonderprämie für Ausgeschlafene. Und der Chef eines großen Online-Versandhandels erzählt in Interviews gern, dass er früher einen Schlafsack ins Büro mitnahm, um ein Mittagsschläfchen zu halten und so auf acht Stunden Schlaf binnen 24 Stunden zu kommen.
  • Wie eine gut geölte Maschine

    Doch wie sehr man sich auch bemüht: Der Schlaf entschlüpft ständig der Kontrolle, führt ein Eigenleben, hat geradezu etwas Anarchisches an sich. Gesellschaftskritische Menschen sehen in der Effizienzsteigerung, Regulierung von und die Kontrolle über das natürliche Phänomen des Schlafs ein typisches Zeichen der Rationalisierung, Perfektionierung und Optimierung des Alltagslebens in Zeiten einer neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. In dieser müsse selbst der Schlaf funktionieren wie eine gut geölte Maschine, und dabei drohe die natürlich-menschliche Dimension verloren zu gehen.

    So etwa entwickelt Alexei Penzin vom Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften in seiner Schrift „Rex Exsomnis“ kritische Gedanken zum Schlaf in unserer Gesellschaft. Seine Grundannahme: Die kapitalistische Moderne bewertet die wache, aktive, produktive Zeit höher und wertvoller als die schlafende, passive, (vermeintlich) unproduktive Phase des Lebens. Der Titel von Penzins Essay ist inspiriert von der Figur des fiktiven Rex Exsomnis, eines wachsamen Königs, der niemals schläft, weil seine Macht sonst enden und die gesellschaftliche Ordnung auseinanderbrechen würde. – Wach sein heißt mächtig sein heißt Kontrolle ausüben.

    Alexei Penzin: „Unsere 24-Stunden-Gesellschaft mit ihren unablässigen Produktions-, Kommunikations- und Konsumhandlungen lässt den Schlaf zu einem problematischen, ungewissen Element unseres Alltags werden, das in einer mobilen und pragmatischen, neoliberalen Gesellschaftsordnung ... als Zeitverschwendung oder Trägheit wahrgenommen wird. Die Sorge um den Schlaf ist ein Symptom unserer Gegenwart.“
  • Die letzte Möglichkeit des Widerstands?

    Wir leben in einer schlaffeindlichen Zeit. Der Alltag vieler Menschen in den westlichen Industrieländern steht unter dem Druck von Produktivität und Effizienz. Wird langer, genussvoller Schlaf vor diesem Hintergrund zum Luxus? Zur Flucht aus und zum Schutz vor dem kapitalistischen Leistungssystem? Zum Wunsch, sich davon abzukoppeln? Zum Rückzug und zur Rettung in die Anonymität des eigenen Ichs? Zum allnächtlichen „Ich bin dann mal weg.“? Schlaf bedeutet für viele Menschen den – nicht selten wohligen – Verlust der ständigen Anteilnahme an der Welt, eine nicht bewusst erlebte, wohl aber unterbewusst erfahrene und wahrgenommene Zeit der Muße.

    Die Hamburger „Zeit“ schrieb im Oktober 2017 unter dem Titel „Bleib liegen“: „Schlaf gilt heute als notwendiges Übel. Er wird verdrängt und wegoptimiert. Tatsächlich ist er eine der letzten Möglichkeiten des Widerstands.“ Ein kühner Gedanke: Schlaf als Zeichen des Protests und der Resistance gegen eine gnadenlose, auf Performance ausgerichtete Gesellschaft. Langschläfer werden zu Guerilleros im Kampf gegen den Turbo-Kapitalismus, und jeder, der länger als sechs Stunden schläft, ist ein Che Guevara – statt der Kalaschnikov in der Hand das Kissen unterm Kopf.
  • Auf ins Nirgendwo!

    Wir sagen: Leisten Sie Widerstand und schlafen Sie! Investieren Sie Ihr gutes Geld aber nicht in Weighted Blankets, Schlafringe oder Wie-schlafe-ich-nur-fünf-Stunden-pro-Nacht-und-steigere-in-den-restlichen-19-Stunden-meine-Perfomance-Ratgeber, sondern in „natürliche Schlafmittel“ – wie etwa eine handgefertigte Naturmatratze, eine Decke aus heimischer Schurwolle oder Bettwäsche aus Bio-Baumwolle. Gesunder Schlaf? Ja, aber nicht für die „bessere Performance“, sondern für mehr Glück und Zufriedenheit im Leben, für Ausgeglichenheit, Entspanntheit und Wohlbefinden! Um noch einmal die „Zeit“ zu zitieren: „Der Schlaf ist eine Übung in Absichtslosigkeit, ein Nicht-Investment, das nirgendwohin führt.“ Also: Üben wir uns in dieser Absichtslosigkeit, genießen wir ohne leistungsorientierte Hintergedanken den Schlaf als solchen, investieren wir so viel wie möglich in dieses Nichts, machen wir uns auf in dieses Nirgendwo. Und zwar so langsam wie möglich.
    • Diskutieren Sie mit! Was erwarten Sie von gutem Schlaf?
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