Des Reisens Wert - Sanfter Tourismus

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  • Abenteuer, Erholung, Sonne und Strand, das Erfüllen von Träumen, Selbstfindung oder das Kennenlernen anderer Kulturen – es gibt viele Gründe für eine Reise und ebenso viele Möglichkeiten. Reisen ist ein Massenphänomen, ein Wirtschaftszweig, für manche Region der Erde eine unverzichtbare Einnahmequelle und doch oft auch eine Gefahr für Natur und Mensch. Ein Gespräch mit dem Weltreisenden Volkmar Baurecker.
  • Im Urlaub – das ist die Idee von Urlaub – sollte alles anders sein. Die Arbeit ist weit weg, man hat Zeit für sich und die Familie, unternimmt Dinge, die man sonst nicht tut, die Seele baumelt, der Geist kommt zur Ruhe und man lässt sich von einer spannenden, unbekannten Umgebung inspirieren. Eines bleibt aber gleich: die eigene Haltung. Immer mehr Menschen wollen ökologisch verantwortungsvoll, sozial gerecht, qualitätsbewusst und sinnlich leben – und reisen.
  • “Eine Reise wird besser in Freunden als in Meilen gemessen.”
    Tim Cahill
  • Volkmar Baurecker hat viel von der Welt gesehen – sein ökologischer Fußabdruck ist dabei beeindruckend sanft. Im August 2008 – im Alter von 68 Jahren – startete er vom Mühlviertel aus seine längste Reise nach Gran Canaria, wo er vier Monate auf einer Finca arbeitete, dann mit dem Segelboot quer über den Atlantik, weiter nach Trinidad, Venezuela, Kolumbien und Panama, zu den Galapagos-Inseln, nach Tahiti, Neuseeland über Singapur, Thailand, Laos, China und von Peking mit der Eisenbahn über Moskau Richtung Heimat. Das letzte Stück nach Linz legte er auf der Donau zurück.

    Fast vier Jahre war er unterwegs, per Anhalter oder wie es unter Seglern heißt, „Hand gegen Koje“ – günstiges Mitsegeln gegen aktives Mithelfen und Mitarbeiten an Bord. Wo ihn das Meer nicht getragen hat, bediente er sich öffentlicher Verkehrsmittel. Fliegen versucht Volkmar zu vermeiden, aus ökologischen Gründen, aber auch, weil es nicht zu seiner Vorstellung von Reisen passt. Immer gelingt das leider nicht, denn, wie er sagt, ein bisschen sind wir schon „zwangsaeroplanisiert“, weil so mancher Ort anders gar nicht zu erreichen ist.
      • Es geht auch nicht darum, eine bestimmte Art des Reisens moralisch abzulehnen. Volkmar hat für sich das freie, selbstbestimmte Reisen als Ideal entdeckt. „Fliegen ist eine Möglichkeit, aber alles muss in einem Verhältnis zueinander stehen. Die Erfahrungen, die man machen möchte, die Zeit, die man hat und der Aufwand, den man betreibt.“ Wie bei anderen Themen wie Ernährung und Kleidung werden auch beim Reisen das Nachhaltige, Faire und die Qualität immer wichtiger – aber was genau ist darunter zu verstehen?
      • “Früher zeichnete man auf Reisen, um sich erinnern zu können, wo man war. Heute filmt man auf Reisen, um zu erfahren, wo man gewesen ist.”
        Albert Camus, Philosoph
      • Heute hat Reisen oft eine hohe Geschwindigkeit. Relative kurze Zeiträume werden in für uns exotischen Ländern verbracht und oft, so Volkmar, „bemühen sich die Einheimischen vor Ort, für Touristen Verhältnisse zu schaffen, die diese von daheim gewohnt sind – so kommt man gar nicht wirklich weg“. Fremde Kulturen und Sehenswürdigkeiten werden konsumiert wie Fastfood, alles ist bereit, geregelt und schnell erledigt. Es bleibt wenig Zeit zum Nachdenken, für die besonderen Erlebnisse. Verhaltensweisen und auch das Tempo und die Muster von zuhause werden mitgenommen. Am Ende reicht es gerade um zu sagen, ich bin dort gewesen.

        Plant man seine Reise – zumindest teilweise – selbst und bereitet sich gezielt darauf vor, hat man schon von vornherein für sich ein größeres Bewusstsein und eine Wertschätzung für das geschaffen, was man tut. „Nicht organisiert zu werden, sich so zu bewegen wie die Einheimischen, zu Fuß oder mit dem Bus, das ist mir wichtig“, so Volkmar, „denn dann lerne ich Leute kennen, die nicht so sind wie ich.“ Er nimmt auch für seine kleineren Reisen innerhalb von Österreich oder Deutschland immer am liebsten die öffentlichen Verkehrsmittel – aus ökologischen Gründen, aber vor allem auch, weil man einfach viel erlebt.
      • “Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.”
        Hans Magnus Enzensberger
      • Das natürliche und ortsübliche Bewegen in der Umgebung, die man bereist, hat auch noch einen weiteren Aspekt, der viel mit Fairness und Nachhaltigkeit zu tun hat: Die Erlöse aus dem Tourismus kommen direkt bei der Bevölkerung an. Bei All-inclusiv-Angeboten schöpfen Reisunternehmen meist den größten Teil der Gewinne ab – sogar Nahrungsmittel und Getränke werden oft aus Industrieländern importiert. Lokale Supermärkte, die Restaurants und Bars im Ort oder auch Taxifahrer ziehen den Kürzeren. Eine Entwicklung, die übrigens durch die zunehmend beliebten Kreuzfahrten auf die Spitze getrieben wird: Übernachtung, Essen, Unterhaltung und sogar Shopping finden beinahe vollständig auf den Ozeanriesen statt – die Gewinne landen also in den Taschen der Betreiber. Nur wenige Cent, die bei den Landgängen ausgegeben werde, kommen den Menschen vor Ort zugute – sie und ihre Heimat sind praktisch nur Anlass und Kulisse der Reise.
      • “Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt.”
        Johann Wolfgang von Goethe
      • Ihre Qualität bekommt eine Reise für Volkmar nicht durch Luxus, die Entfernung oder durch die Besonderheit des Reiseziels – ohnehin lebt Reisen für ihn vom Unterwegssein, nicht vom Ankommen. Er sagt, „das Schöne am Reisen ist – was ich für sinnvoll und nützlich halte – man muss ganz präsent sein. Du musst im Augenblick sein, wachsam. Dann kann man jemandem wirklich begegnen, den Menschen, der Natur, dem Meer.“ Wer im Kopf noch zuhause ist oder schon bei der nächsten Sehenswürdigkeit, verpasst viele kleine wertvolle Erlebnisse und Erfahrungen.
      • “Eines Tages wirst Du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die Du immer wolltest.”
        Paulo Coelho
      • Der Oberösterreicher Volkmar Baurecker segelte über den Atlantik und Mittelamerika bis nach Tahiti und Neuseeland zurück.
      • Will auf Reisen den Menschen respektvoll begegnen: Volkmar Baurecker.
      • „Die Bewegung des Wassers war für mich wie eine Meditation.“ Volkmar Baurecker
  • Natürlich braucht es sehr viel Zeit, wenn man fremde Kulturen wirklich kennenlernen und mit den Menschen in Dialog treten möchte – Zeit, die nicht jeder hat. Verständlich, dass man, auch wenn man nur wenige Urlaubstage hat, ab und zu hinaus möchte, in die große weite Welt. „Sicher“, gibt Volkmar zu denken, „aber wir vergessen oft, dass wenige Kilometer reichen, wenn man aus seinem gewohnten Umfeld heraustreten möchte.“ Er selbst war früher – als er noch berufstätig war – meist auf einem nahegelegenen Bauernhof und geht bis heute gerne im Mühlviertel wandern.

    Dennoch glaubt er nicht, dass man bis zur Pension warten muss, um sich den Traum einer nachhaltigen und wertvollen Reise in ferne Länder zu erfüllen. „Ich bin aus besten Händen weggefahren“ erzählt er, „aber ich habe mir gesagt, ich tue das jetzt. Es gibt immer Gründe zu bleiben.“ Zeit ist eben etwas, was wir investieren müssen, freiräumen, schaffen. Viele Menschen fühlen sich heute nicht mehr so sehr von der Karriere gefesselt, nehmen sich eine Auszeit und erkennen den Wert einer größeren, längeren Reise.
  • “Desto weiter ich reise, desto näher komme ich an mich heran.”
    Andrew McCarthy
  • Das Reisen selbst ist und bleibt für Volkmar eine Lebenserfahrung, auf die man nicht verzichten sollte. Es gibt einem die Chance „das Denken und Fühlen in Einklang zu bringen“. Die, wie er es nennt „geografische Versetzung“ kann sehr viel bewirken, verändern und vielleicht sogar heilen. Alte Glaubensmuster werden in Frage gestellt, über das Reisegepäck lernt man zwischen Ballast, Notwendigkeit und Werten zu unterscheiden – und auch über eigene Bedürfnisse, den eigenen Charakter und die Persönlichkeit erfährt man sehr viel. Reisen – als Tätigkeit und als Thema – beschäftigt Volkmar nach wie vor sehr. Wenn er nicht selbst unterwegs ist, unterhält er sich gerne mit anderen Reisenden über ihre Erfahrungen, zum Beispiel in Reise! Reise! – seiner Radiosendung bei Radio FRO (Freier Rundfunk Oberösterreich). „Selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Reisen und Wandern, individuelles Reisen und genussvolles, meditatives Reisen“ sind dabei immer im Fokus:„Wie respektvoll begegnen wir den anderen Menschen, der Landschaft, der Natur, der Kultur? Wie achtsam gehen wir um mit Energie und Rohstoffen, wenn wir uns fortbewegen?“ Schließlich wollen wir doch alle nach Hause kommen und guten Gewissens sagen können: Es war die Reise wert.
  • Foto: Fotolia
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    • Veronika Victoria meint
      Geomantisch-intuitives Kraftort-Reisen

      Ich freu mich über euren Beitrag zum Thema "sanftes Reisen" Schon seit dem Jahr 2000 lade ich Gruppen ein mit mir besondere Orte - besonders achtsam zu erkunden! Es ist so eine Erfüllung auf so vielen Ebenen - und ein tiefes Eintauchen in Besonderheiten eines Ortes, die beim "normalen" Reisen nicht zugänglich werden! Wie eine Liebesbeziehung. Demnächst gehts nach Venedig, und im Oktober wieder nach Malta. Und grade schreibe ich gemeinsam mit einem Kollegen an einem Buch über die "7 heiligen Berge von...", achtsam erkunden. Hier mehr über meine Reisen lesen. http://liebeskultur.com/reisen/kraftort-venedig/ Herzliche Grüße Veronika

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    • Silvia Lehmann meint
      Meinung zum Thema reisen

      Durch einen sehr schweren Autounfall vor 22 Jahren kann/will ich gar nicht mehr weit verreisen, das im Grunde am umweltfreundlichsten ist: Man erzeugt keinerlei Schadstoffe durch Fortbewegung!

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