Warum ich fünf Jahre ohne Geld lebte

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  • Raphael Fellmer ist per Anhalter von Holland nach Mexiko gereist, hat Lebensmittel aus Mülltonnen gerettet, ist Mitgründer von foodsharing.de und hat yunity gegründet. In seinem Gastkommentar erklärt er, welche Inspirationen er durch seinen fünfjährigen Geldstreik gewonnen hat.
  • Glaubst Du, alles in der Welt ist perfekt, oder würdest Du gerne etwas ändern? Ich glaube, jeder würde gerne etwas verändern – oft wissen wir nur nicht, wo wir anfangen sollen. Aber wir wissen, dass, wenn alle Menschen auf der Erde einen europäischen Lebensstil annehmen würden, wir mindestens drei weitere Planeten bräuchten, wir uns aber alle eine Welt in Frieden und ohne Leid und Hunger wünschen.

    2010 begann ich, ohne Geld von Holland nach Mexiko zu trampen. Zusammen mit zwei Freunden ging es durch Europa und Marokko auf die Kanarischen Inseln, wo uns ein Segelboot bis nach Brasilien mitnahm. Meine Frau Nieves schloss sich uns in Guyana an, und nach elf Monaten erreichten wir Mexiko.
  • Lebensmittel retten und teilen

    Nach 15 Monaten per Anhalter waren wir nach Europa zurückgekehrt, weil wir ein Kind erwarteten, das größte Geschenk des Lebens! Nach der geldfreien Reise begann ich in Berlin meinen Geldstreik, und wir zog in eine ungenutzte Souterrain-Wohnung. Mein Essen holte ich aus Mülltonnen, in denen Unmengen von bestens erhaltenen Lebensmitteln schlummerten. Nach Jahren des Tonnentauchens überzeugte ich eine Berliner Biosupermarktkette, die abgeschriebenen Waren vor der Tonne bewahren und abholen zu dürfen. Weltweit werden über ein Drittel der produzierten Lebensmittel verschwendet. Wir wollten zeigen, dass jeder etwas dagegen unternehmen kann und wie einfach es ist, den persönlichen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

    Dank des Geldstreikes bekam ich viel Medieninteresse und durfte an vielen Konferenzen teilnehmen und Vorträge halten. Dabei begegnete ich Raphael Wintrich, einem Genie und talentierten Programmierer. Wir träumten gemeinsam von einer Welt, in der Geld keine Rolle spielt und alle Menschen ihre Fähigkeiten bedingungslos einbringen und teilen. Kurz darauf saßen wir beide am gleichen Schreibtisch, und während ich mein Buch „Glücklich ohne Geld!” schrieb, programmierte Raphael eine Plattform, die der Lebensmittelretten-Bewegung Flügel verlieh. Zusätzlich baute Raphael noch das Essenteilen von foodsharing ein, und wir fusionierten alles unter dem Namen foodsharing.de.

    Knapp vier Jahre später hat foodsharing über 110.000 NutzerInnen, 14.000 sogenannte „Foodsaver”, die regelmäßig bei über 2.300 Kooperationsbetrieben wie Supermärkten, Bäckereien, Restaurants usw. Lebensmittel retten und verteilen. Dank 600.000 Stunden ehrenamtlichen Engagements konnten bei 250.000 Abholungen bereits 3,5 Millionen Kilo Lebensmittel gerettet werden!
    • Bedingungsloses Geben und Empfangen

      Wir bekamen unser zweites Kind und blieben 2015 erfolglos bei der Suche nach einem passenden und dauerhaften Ort zum Wohnen für uns als Familie. Nach fünfeinhalb Jahren habe ich meinen Geldstreik beendet.

      Was ich am meisten von dieser sehr lehrreichen und inspirierenden Zeit mitgenommen habe, ist, bescheiden und dankbar zu sein für Familie, Freunde, in Frieden leben zu können und für das Privileg, das tun zu dürfen, was ich liebe und wofür mein Herz schlägt. Diese besondere Erfahrung des bedingungslosen Gebens und Empfangens, des von Erwartungen losgelösten Schenkens wollte ich mehr Menschen ermöglichen.
    • Raphael Fellmer

      Der gebürtige Berliner lebte von 2010 bis 2015 im Geldstreik, um mehr Bewusstsein für die Verantwortung zu schaffen, die wir alle für Hunger, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung tragen.

      www.raphaelfellmer.de
  • Ich wollte zeigen, dass wir alle den Wandel leben können, den wir auf der Welt sehen möchten, und insbesondere wie dies mit bewusstem Konsum möglich ist, beispielsweise mit lokalen, pflanzlichen Bio-Lebensmitteln, Reisen per Zug, Second-Hand-Kleidern und der Maxime „Weniger ist Mehr”, also dem Kauf nur von Dingen, die wir wirklich benötigen.
  • Eine Plattform für eine bessere Welt

    Viele Menschen glauben, dass wir die Welt nicht verändern können, aber die Wahrheit ist, wenn wir uns ändern, verändern wir die Welt! Nach Jahren des Träumens habe ich vor fünf Monaten zusammen mit einem internationalen Team das Fundament für yunity gelegt: einer werbefreien, nicht-kommerziellen Open Source Plattform des Rettens und Teilens. yunity wird Menschen helfen, ihre Vision von einer besseren Welt in die Tat umzusetzen. Wir werden nicht nur die Werkzeuge und das Wissen der Lebensmittelretten-Community teilen, um die foodsharing-Erfolgsgeschichte global zu machen, sondern das Retten und Teilen auf alle vorhandenen Ressourcen ausweiten, die von Firmen, Organisationen oder Personen nicht genutzt oder weggeschmissen werden.

    yunity wird vorhandene Sharing-Ideen und Communities in einer einzigartigen Plattform vereinen und neue Interessensgemeinschaften entstehen lassen, damit den Menschen der Einstieg und das Verbinden mit den unendlich vielen Graswurzelbewegungen und Initiativen des Wandels erleichtert wird. Außerdem wird es möglich sein, öffentliche Fruchtbäume, Bücherkisten, Fair-Teiler, WLAN usw. zu kartographieren bzw. kostenfreie Aktivitäten wie Yogaunterricht oder Sprachentandem anzubieten und die eigene Couch, den Garten oder das Fahrrad zu teilen. Dabei suchen wir weiterhin nach leidenschaftlichen ProgrammiererInnen, DesignerInnen und anderen, die mit ihren Fähikgeiten zu yunity beitragen wollen.
  • Gewinnspiel

    Wir verlosen unter allen Einsendungen bis 31. Juli 2016 mit dem Betreff „Geld“ drei signierte Exemplare des Buches „Glücklich ohne Geld “ von Raphael Fellmer.
  • Einsendungen entweder per Post an Grüne Erde, Redaktion goodtimes, Hauptstraße 9,
    A-4644 Scharnstein
    oder per Mail an gewinnspiel@grueneerde.com

    Glücklich ohne Geld
    Raphael Fellmer
    Redline Verlag, Softcover,
    224 Seiten,
    ISBN: 978-3-86881-505-4
  • Foto: Valeri Koort