Der Spion in meiner Tasche

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  • Das Handy erlaubt eine völlig neue Form der Überwachung. Sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen nutzen die technischen Möglichkeiten schamlos aus, findet Gastautor Tobias Schrödel.
  • Ach, war das schön. Damals, als Kind, wenn du zu spät vom Bolzplatz nach Hause gekommen bist, hat dir die Mutter die Ohren langgezogen, Stubenarrest ausgesprochen und geschrien: „Du Rotzlöffel! Ich habe dir schon tausendmal gesagt, um sechs bist du zu Hause ... und jetzt ist es schon wieder sieben durch!“ Die Kinder heute kennen das Gefühl von roten Ohren und Ausgehverbot gar nicht mehr. Heutzutage wird der Filius – dank „Find my mobile/iPhone“ – pünktlich um 18:01 geortet, und wenn sich das Smartphone mit dem Kinde noch nicht nach Hause bewegt, auch gleich noch angerufen und an die Uhrzeit erinnert. Big Mother is watching you – wann immer Mama will.

    Die Ortungsfunktion von Mobiltelefonen ist mittlerweile in unserer Gesellschaft fest integriert. Notorische Raser nutzen Blitzer-Warn-Apps, um teuren Fotos zu entgehen. Junge Erwachsene lotst das Smartphone nachts um 1 Uhr von der Disco zur nächsten offenen Dönerbude. Helikoptereltern lassen ihre minderjährige Brut nie aus den Augen, ganz bequem vom Schreibtisch und rechtlich kaum zu beanstanden – aber ab 14 Jahren mindestens moralisch fragwürdig.

    Ganz anders sieht es aus, wenn Arbeitgeber ihre Mitarbeiter überwachen. Das ist verboten – und plötzlich schwindet die Akzeptanz der Ortung, weil wir von dieser keinen Vorteil für uns selbst erfahren. Zumindest wenn wir der Angestellte sind.
  • Schattenwährung Daten

    In den letzten Jahren haben sich unsere Daten, also Informationen über uns, zu einer Schattenwährung entwickelt. Dazu gehört auch, wo wir sind und waren – und auch, wann das war. Aggregiert von vielen Menschen ist das eine durchaus interessante Information für Standortentscheidungen von Fastfood-Restaurants und Supermärkten. Oder für die Dönerbude, die gegen einen kleinen Obolus dafür Sorge tragen kann, dass die Party-App nachts nur den Weg zu ihrem Drehspieß anzeigt und die Konkurrenz ausblendet.

    Wir bezahlen ohne zu überlegen mit Informationen für Dienste, die scheinbar kostenfrei sind und die uns vermeintlich Nutzen bringen. WhatsApp und Facebook dürften die zwei bekanntesten sein, die zwar nichts kosten, aber keinesfalls kostenlos sind.
  • Vermeintliche Kontrolle

    Sollen wir aber ohne spürbare Gegenleistung unsere Daten abgeben, schreien wir Europäer sehr gerne und sehr laut gleich nach dem Datenschutz. Noch viel lauter schreien wir, wenn ungefragt Informationen von uns erhoben werden – ganz egal, ob wir die gleichen Infos bereits in diversen anderen Apps selbst eingegeben und dank seitenlanger AGBs auch längst an dutzende Sub-Unternehmen verschenkt haben. Psychologisch ist es uns sehr wichtig, zu glauben, wir würden noch selbst entscheiden, wer was über uns wissen darf. Die Realität sieht längst anders aus.
  • Spione aus dem Internet

    Im Internet lassen sich Spionageprogramme kaufen wie Schuhe. Lauffähig sind sie auf nahezu allen Smartphonetypen. Die Zahlungsmöglichkeiten PayPal, Visa, Mastercard und American Express signalisieren deutlich, dass die Nachfrage dafür nicht nur aus dunklen Ecken kommt. Für 350 Dollar gibt es ein Jahr vollen Zugriff auf das Handy einer fremden Person. Die Message auf der Webseite ist klar.
  • “Wenn Du in einer festen Beziehung bist, Verantwortung für ein Kind hast oder Vorgesetzter bist, dann HAST DU EIN RECHT, DIE WAHRHEIT ZU KENNEN. Spioniere ihr Telefon aus!”
  • Wie beim Online-Schuhkauf kann sich jeder in fünf Klicks den Zugriff auf das Smartphone des Partners erkaufen und damit gleich gegen mehrere Paragraphen des Strafgesetzbuches verstoßen. Den 24/7-Support gibt es gleich dazu, falls es Schwierigkeiten bei der Installation gibt. Ab dann weiß der „Partner“ nicht nur, wo sein Opfer ist: Er bekommt jede SMS in Kopie, hat Zugriff auf alle Fotos und erfährt auch, wer wann anruft oder angerufen wird. Ruft er selbst das kompromittierte Handy von einer vorher festgelegten Nummer an, klingelt es nicht und lässt das Display aus. Es hebt aber ab und wird so zur Wanze. Die metergenaue Ortung mittels GPS gehört natürlich auch zum Repertoire der Spionage-Software. Und wer dann noch wissen will, wie es da aussieht, der löst heimlich die Kamera aus – ohne auffälligen Blitz, versteht sich.
  • Heimlicher Begleiter beim Einkauf

    Aber selbst ohne Spionage-App lassen sich unsere Handys ganz famos nutzen. Einzelhändler können heute schon mit Antennen die Signalstärke und eine eindeutige „Gerätenummer“ der Handys ihrer Kunden empfangen. Das machen die Mobilfunkmasten der Provider auch – nur im großen Stil. Das ist eine Standardfunktion, damit mobiles Telefonieren überhaupt funktioniert. Sitzt so eine kleine Antenne an jedem Regal, dann sind die Wege der Kunden im Geschäft kein Geheimnis mehr. Dann weiß der Ladenbesitzer auch, welches Smartphone mit seinem Besitzer wie lange an welchem Regal verweilt und an welchen Produkten die Kunden tendenziell eher vorbeilaufen. Klingt sinnvoll und gar nicht problematisch?

    Spätestens, wenn Ihr Handy das stärkste Signal an der Kasse anzeigt und Sie auch nur einmal mit Karte bezahlen, ist klar, wer Sie sind – und ab dann auch rückwirkend, was Sie jemals gekauft haben, selbst wenn Sie bar bezahlen.

    So ein „Warenkorb-Profil“ lässt dann auch Rückschlüsse zu. Die Supermarktkette „Target“ verschickte nach der Auswertung des Kaufverhaltens seiner Kunden persönliche Werbung – perfekt zugeschnitten und mit persönlicher Anrede. Ein Vater beschwerte sich daraufhin, warum seine minderjährige Tochter mit Angeboten für Babyzubehör zugeschüttet werde. Tatsächlich wusste der Supermarkt schon vor ihm, dass er bald Großvater wird – weil die Tochter für Schwangere typische Mengen an Watte und Bodylotion kaufte, sie es ihm aber noch nicht gebeichtet hat. Ob der frischgebackene Opa die Message verstanden hat oder seinen Enkel auch mit dem Smartphone orten will, wenn sich dieser mal verspätet, ist nicht bekannt.
    • Gewinnspiel

      Wir verlosen unter allen Einsendungen bis 31. März mit dem Betreff „Handy“ fünf signierte Exemplare des Buches „Ich glaube, es hackt“ von Tobias Schrödel.

      Einsendungen entweder per Post an Grüne Erde,
      Redaktion goodtimes, Hauptstraße 9,
      A-4644 Scharnstein oder per Mail an
      gewinnspiel@grueneerde.com

      Ich glaube, es hackt

      Tobias Schrödel
      Verlag Springer, Softcover, 372 Seiten,
      ISBN: 978-3-658-04245-5
    • Tobias Schrödel

      Der Münchner IT-Experte und Kabarettist erklärt auf unterhaltsame und verständliche Weise Sicherheitslücken und hackt sich bei seinen Vorträgen live in Computer, Handys und Programme.

      www.sichere.it
  • Fotos: Fotolia, Yi-Ji Lu
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    • Sabine meint

      Ich installieren nur die Apps die ich unbedingt brauche. Apps die Zufgriff auf alle möglichen Funktionen des Handys verlangen, versuche ich zu vermeiden.

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    • Kornelia meint
      "Internet" "Apps " Fluch oder Segen?

      Schwer zu sagen,das digitale Zeitalter hat uns schon verhaftet....ob man möchte oder nicht,selbst die Anmeldung, Elternabende, wichtige Infos usw. sind im Kindergarten Schule ohne Internetadresse nicht möglich,per Post wird man regelmäßig vergessen.

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    • Ulla meint
      "Handy"

      Ein junger Mann schaute mich neulich neidisch an, als ich mein Handy aus der Tasche zog, es einschaltete (!) und telefonierte. "Das ist ja voll retro!" Ich will nicht Anrufe beantworten müssen, wenn ich nicht daheim bin. Darum: Anrufweiterschaltung auf den Anrufbeantworter meines Festnetzanschlusses. Ich brauche keine Apps. Ich höre am Telefon keine Musik. Und zum Fotografieren benutze ich einen Fotoapparat. Und: Meine Pre-Paid-Karte verhindert, dass der Verlust zu groß wird, wenn doch mal ein Unbefugter mein mobiles Telefon in die Finger kriegt. Voll retro. Aber praktisch.

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    • Eva Dölle meint
      Handy

      ich möchte nicht geortet werden und besitze daher bis jetzt nur ein "veraltetes" Handy. Allerdings fühle ich mich öfter von der Allgemeinheit fast schon ausgeschlossen, da nur ich kein bequemes "whats app" habe.

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    • Tanja meint
      Handy & Gesundheitsaspekt

      Ich persönlich verwende mein Handy nur zum Telefonieren, smsen und Musik hören...verwende kein Internet oder Apps und dergleichen darauf :-)...die Ortungsmöglichkeit über das Handy hat aber auch Pluspunkte, wenn ein Unfall passiert ist und man schwer verletzt ist, besteht die Möglichkiet weltweit über 1. Hilfe Apps mit Ortungsfunktion gefunden zu werden und entsprechend Hilfe zu bekommen, die lebensrettend sein kann! Datenspionage erfolgt ja leider nicht nur über das Handy...möchte noch einen anderen Aspekt der Handynutzung hier in die Diskussion einbringen...Handynutzung und die Enstehung von Gehirntumoren...gibt derzeit eine interessante Doku im Kino: "Thank you for calling" http://www.cineplexx.at/film/thank-you-for-calling/ ... Alles im Leben hat Vor-und Nachteile...

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    • Beatrix meint
      die dosis...

      alles kann nützlich und Fluch zugleich sein... die Dosis machts und der Umgang damit! GPS am Handy kann ich zumindest ausschalten und das Handy auch oft.... dass schon zuviele Masten rundherum sind stört mich mehr und dass jedes Hotelzimmer mit W-Lan durchflutet ist, auch. Da fehlt dann die Wahlmöglichkeit!

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    • Alexandra Kaul meint
      Buchtip

      Super Buchtip - vielen Dank! Insgesamt schon erschreckend!

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    • Reinhard T. Molcik meint
      Datenschutz

      Ich habe als staatlich geprüfter Berufsdetektiv, der seinen Fokus auf Verbrechen gegen die Umwelt und Menschenrechte legt, kann ich den Beitrag von Tobias Schrödel aus zwei Betrachtungswinkel nur bestätigen! Wer die Möglichkeiten kennt, kann sie in punktueller Form zur Durchsetzung legitimer Ziele zum Wohle unserer Mutter Erde und ihrer Geschöpfe nutzen, sich andererseits einer breitbandigen "präventiven" Überwachung durch Staat und Nachrichtendienste entziehen. Das Sammeln hilfreicher Informationen und der Schutz vor illegitimer Ausspähung ist für uns Öko-Detektive von green-eye investigations, unsere Klienten und unsere schutzwürdigen Interessen von höchster Priorität! Wie immer gibt es zwei Seiten der Medaille - eine Abwägung der Rechtsgüter ist in jedem einzelnen Fall stets aufs Neue vorzunehmen! Reinhard T. Molcik, green-eye investigations, Graz

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    • Silvia meint
      Mein Handy kann mich ausspionieren

      Ich habe nur einen stationären Apple macintosh auf meinem Schreibtisch stehen, kommuniziere von dort aus per mail, u. mein Handy liegt daneben, das ich kaum benutze. Also könnte ich wie der Italiener in der Werbung sagen: "Isch HABE gar kein Handy...!

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