Urban Gardening – Ein Plätzchen zum Aufblühen

  • Das Grün im Grau: Liebevoll angelegte Gärten bereichern unsere Städte. Neben seltenen Gemüse- und Kräutersorten wächst und gedeiht dort auch der soziale Zusammenhalt.

    Das endlose Brummen der Autos ist hinter den Hecken schnell vergessen, wo die Natur mitten in der Stadt ein Zuhause gefunden hat. Bereits vor über 200 Jahren entstand die Idee kleiner Gärten in bewohnten Gebieten. Zweifellos steigern sie bis heute die Lebensqualität in großen Städten – und nicht nur die der Gärtner. Sie lockern das Stadtbild auf, und als grüne Windschneisen sorgen sie insbesondere an heißen Tagen für ein frisches und angenehmes Klima. Aber was passiert eigentlich in Kleingartenanlagen und Gemeinschaftsgärten? Sitzen dort hinter akkurat geschnittenen Thujen schweigende Menschen mit Campingstühlen auf millimetergenau getrimmtem Rasen, das Gartentor bewacht von einem grimmigen Gartenzwerg, der mit einem Spaten bewaffnet ist?

    Angelika Feiner vom Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde lächelt bei diesen nicht mehr zeitgemäßen Vorstellungen.
  • “Mag sein dass es einmal so gewesen ist. Heute ist die Welt der Kleingärten abwechslungsreicher, ein Ort der Begegnung, voller Leben und Entfaltungsmöglichkeiten. Man hat erkannt, dass sie gerade im städtischen Umfeld noch viel mehr sind als ein Rückzugsort in ein kleines, eigenes Stückchen Grün. Wenn man sie richtig nutzt, dann sind sie extrem wertvoll für die Gesundheit, das Wohlbefinden, für die Gemeinschaft im Allgemeinen.”
  • Ein Großteil der Vereine engagiert sich inzwischen weit über die Grenzen der Kleingartenanlagen hinaus. Es bestehen enge Verbindungen zu sozialen Einrichtungen, Schulen oder Kindergärten, so dass in partnerschaftlicher Zusammenarbeit vielseitige, kreative und gemeinnützige Projekte umgesetzt werden. Die Entwicklung vom privaten Rückzugsort zum sozialen Erlebnis ist auch daran zu erkennen, dass von vornherein immer mehr Gemeinschaftsgärten ins Leben gerufen werden. Der Zusammenhalt bis hin zur Integration von Randgruppen und die Verständigung zwischen Kulturen und Generationen sind nicht mehr nur Begleiterscheinungen des Gärtnerns, sondern ausdrückliches Ziel.
  • Was die Kleinen im Garten lernen können

    „Vieles, was eigentlich selbstverständlich sein sollte“, antwortet Angelika Feiner. „Kinder wissen zwar heute, wie man ein Smartphone bedient, aber wie die Pommes auf ihren Teller kommen, können sie oft nur bis zur Gefriertruhe im Supermarkt zurückverfolgen.“ Viele Vereine stellen Kindergärten und Schulen ihre Gärten für Erlebnisse in und mit der Natur zur Verfügung.
  • “Etwas selber anzupflanzen, zu sehen, wie es wächst, das Ernten, es von der Erde zu befreien, daran zu riechen und es schließlich ganz frisch zu essen – das schafft einen ganz anderen Bezug zu unseren Lebensmitteln und ein Verständnis für ihren Wert. Den Rhythmus der Jahreszeiten oder die Wahrnehmung von Überlebens- und Anpassungsstrategien der Natur – das kann man im normalen Schulunterricht nicht erleben.”
    so Angelika Feiner
  • Darüber hinaus fördert das gemeinschaftliche Gärtnern die sozialen Kompetenzen und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kinder und Jugendlichen. Gemeinsam an etwas zu arbeiten ist eine wichtige Erfahrung, die im Zeitalter von Fernseher und Computerspielen manchmal zu kurz kommt. Draußen Herumtollen und auf Bäume Klettern ist auch für die motorische Entwicklung nicht zu unterschätzen.

    „Konzepte für pädagogisch wertvolle und spaßige Gartenprojekte gibt es inzwischen viele“, berichtet Angelika Feiner. „Bei manchen Landesverbänden können sogar schon fertige Unterrichtsmaterialien und Projektmappen angefordert werden.“

  • Gärtnern ist gesellig

    Aber nicht nur für die junge Generation sind die Gärten ein Paradies, auch immer mehr Seniorinnen und Senioren haben daran ihre Freude. „Für ältere Menschen“, so Angelika Feiner, „hat die Gartenarbeit gleich zwei große Vorteile. Bewegung im Freien ist gesund und hält fit. Sowohl die Koordination als auch die Konzentrationsfähigkeit verbessert sich merklich. Außerdem kommt man bei der gemeinsamen Arbeit schnell mit anderen Menschen ins Gespräch, weil Gärtnern an sich ein sehr reichhaltiges und vielseitiges Thema ist.“

    Die integrative Wirkung der gemeinsamen Gartenarbeit ist auch bei anderen Gruppen zu beobachten, die an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden. Ein schönes Beispiel hierfür sind Gärten, die von den Tafeln (Organisationen, die Nahrungsmittel an Bedürftige verteilen) gepachtet und Langzeitarbeitslosen zur Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt werden. Das Anpflanzen von eigenem Obst und Gemüse gibt den Betroffenen wieder eine sinnvolle Aufgabe, sie übernehmen Verantwortung und sind wieder ein mitwirkender Teil einer Gemeinschaft. Ganz nebenbei wird dadurch, trotz der oft sehr niedrigen Einkünfte, die Ernährung wieder deutlich gesünder und abwechslungsreicher.

  • Garantiert biologisch, grenzenlos kreativ

    Frisch geerntetes Obst, Gemüse und Kräuter sind besonders reich an Vitaminen, Mineralien und sekundären Pflanzenstoffen. „Das bekommt man so auch nicht in einem Bio-Supermarkt“, sagt Angelika Feiner, „und man hat die Sicherheit, dass es auch wirklich unbehandelt ist.“ Ohnehin ist es ein Irrtum zu glauben, dass man bei uns alles kaufen kann.

    „Viele Stadtgärtner haben große Freude daran, ungewöhnliche Sorten anzubauen, die man normalerweise nicht bekommen kann“ erzählt Angelika Feiner, „zum Beispiel die Tomatensorte Tigerella oder Schlangenzucchini.“

    Aber nicht nur das Gärtnern selbst bietet Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung. Auch beim Bau von Lauben, Brunnen, Wasserbecken, Pergolen, Rosengittern, Wegen, Terrassen oder auch Nistplätzen, Vogelhäusern und Insektenhotels sind die Phantasie und der Einfallsreichtum grenzenlos. „Manchmal werden dabei die Vorschriften und Bestimmungen sehr großzügig interpretiert“, bemerkt Angelika Feiner, „aber alles in allem ist es eine schöne Bereicherung.“ Genauso wie der eine oder andere Gartenzwerg, der eben doch noch immer irgendwie dazugehört.
  • Über die Natur zurück ins Leben

    „Was an Gartenarbeit Spaß macht?“ Angelika Feiner zuckt mit den Schultern. „Das kann man nicht so einfach beschreiben, das muss man erleben. Wenn man gestresst ist von der Arbeit oder ein bisschen traurig und antriebslos, dann geht man ein paar Stunden in den Garten, an die frische Luft. Man pflegt in guter Gesellschaft die Beete, baut oder bastelt etwas und schon bald fühlt man sich wieder besser.“

    Diese positiven Effekte auf die Seele werden zunehmend auch von Kliniken, Seniorenheimen und sozialen Einrichtungen erkannt und genutzt. Therapiegärten tragen dazu bei, Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout zurück in ein normales Leben zu helfen. „Die Verbindung aus körperlicher Betätigung in der Natur und dem Anregen der Sinne hat eine heilsame Wirkung“, so Angelika Feiner. „Und das Gemeinschaftserlebnis hilft, Ängste im Kontakt mit anderen Menschen abzubauen und das Selbstwertempfinden zu steigern. Letztlich spielt hier auch die Ernte eine Rolle, das Gefühl, etwas aus eigener Kraft geschafft und erreicht zu haben.“

  • Ein Ort der Begegnung

    „Dass es unterschiedliche Projekte und Konzepte gibt“, so Angelika Feiner, „heißt aber nicht, dass unterschiedliche Menschen in verschiedene Gärten sortiert werden. Natürlich gibt es das, aber normalerweise sind Kleingärten und Gemeinschaftsgärten ein Ort der Begegnung, wo alle willkommen sind.“

    In den Städten gibt es auch interkulturelle Gärten, die einen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen leisten, oder Generationen-Gärten, wo jung und alt zusammenkommen und ihre Erfahrungen und Erlebnisse austauschen. Aber meistens trifft man einfach auf eine mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Menschen, die zunächst einmal eines gemeinsam haben: Spaß am Garten und Gärtnern. „Dass es heute eine solche Vielfalt an Projekten, Kooperationen und Partnerschaften gibt, ist in erster Linie dem Engagement von begeisterten Gärtnern zu verdanken“, so Angelika Feiner.

  • “Jeder ist eingeladen mitzumachen, es auszuprobieren und vielleicht auch eine gute Idee einzubringen.”
  • Mit beiden Händen in feuchte Erde greifen

    Die Möglichkeiten sind überall sehr vielfältig, auch wenn die Voraussetzungen zum Teil recht unterschiedlich sind. In manchen Städten ist die Nachfrage nach Kleingärten so hoch, dass die Wartezeiten sehr lange sind. In anderen Städten braucht es jede helfende Hand, um die Flächen zu erhalten und zu pflegen. „Aber man muss ja nicht immer gleich ein Projekt ins Leben rufen oder einen Garten pachten“, findet Angelika Feiner. „Einfach mal mitmachen, mit den Händen in die schwarze, feuchte Erde greifen und die Gemeinschaft erleben.“

    Ob und wie sehr sich jemand einbringen möchte, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. „Aber“, findet Angelika Feiner, „es ist natürlich sehr schade, wenn jemand Lust verspürt und dann nicht irgendwo einen Einstieg findet.“ Eine gute Informations- und Organisationsstruktur ist vorhanden, von der europäischen Ebene über die einzelnen Landesverbände bis hin zu den Vereinen in den Gemeinden.

    „Wir freuen uns über jeden, der sich für Gärten und fürs Gärtnern interessiert, und helfen natürlich immer gerne“, verspricht Angelika Feiner. Ein Blick hinter die Hecken lohnt sich auf jeden Fall, denn vielleicht wartet dort, wo man eigentlich den grimmigen Gartenzwerg vermutet, etwas völlig anderes: ein Plätzchen zum Aufblühen.
  • Angelika Feiner

    Bundesverband Deutscher Gartenfreunde
    Die Gartenexpertin ist Fachberaterin beim Bayerischen Landesverband für Kleingärten und Mitglied des Presseausschusses des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde.
    www.l-b-k.de
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