Hypnos

  • Selbst 80 Jahre medizinische Forschung, Traumdeutung und Hirnstromanalysen konnten ihm seine letzten Geheimnisse nicht entreißen. Er ist und bleibt ein Mythos: der Schlaf. Selbst über seinen eigentlichen Zweck – Warum schlafen wir? – wissen wir erstaunlich wenig. Sicher scheint: Der Schlaf ist nötig, damit sich Körper, Geist und Seele regenerieren können. Und dass ausreichend langer, genussvoller Schlaf mit allgemeinem Wohlbefinden, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Gesundheit und Lebensfreude einhergeht.
  • Menschenseele & Naturseele

    Eine sehr schöne, poetische Beschreibung, was Schlaf denn überhaupt sei, gelang dem Münchener Arzt Philipp Franz von Walther (1782-1849): „Der Schlaf ist eine Hingebung des egoistischen Seyns in das allgemeine Leben des Naturgeistes, ein Zusammenfließen der besonderen Seele des Menschen mit der allgemeinen Naturseele.“ In von Walthers Worten spüren wir deutlich die Schwingungen der Epoche der Romantik – mit ihrem starken Bezug zur Natur. Auch wir von der Grünen Erde meinen, dass im Schlaf die Seele des Menschen und jene der Natur zusammenfließen. Denn obwohl wir seit 30 Jahren Matratzen, Betten, Decken und Kissen aus Naturmaterialien und gemäß anatomisch-medizinischen Erkenntnissen fertigen, stehen für uns nicht die technischen Aspekte des Schlafs im Vordergrund. Diese Produkte sind nicht das Ziel als solches, sondern allenfalls Mittel, um das Ziel natürlichen, erholsamen und gesunden Schlaf zu erreichen.
  • Geborgen im Kosmos, eins mit der Natur

    Wir glauben, dass der Schlaf auch durch noch so viele messbare Werte wie etwa Elastizität und Saugvermögen von Materialien bzw. die Analyse von Hirnströmen oder Herzrhythmen nicht umfassend zu begreifen ist. Vielmehr betrachten wir den Schlaf – weit über das Technische, das Messbare hinausgehend als etwas Ganzheitliches, als stilles seelisch-sinnliches Erlebnis, als Zustand der inneren Geborgenheit, als Daseins- form des Menschen in Harmonie mit sich selbst, mit der Natur und – ja, nennen wir es so – mit dem Kosmos. Oder eben als „Zusammenfließen der Menschen – mit der Naturseele“. Unsere nach wie vor lebendige Vorstellung vom Schlaf als Verbindung zwischen Mensch und Natur, Irdischem und Überirdischem, Physik und Metaphysik, zwischen dieser Welt und einer anderen Welt, wurzelt in uralten Geschichten, in Mythen. Was die europäische Kultur betrifft, sind diese Geschichten noch heute stark von der Mythologie des antiken Griechenland geprägt, wo viele Grundlagen des westlichen Denkens gelegt wurden.
  • Zwei Brüder: Schlaf und Tod

    Um die Welt zu erklären, behalfen sich die Griechen damit, Erscheinungen des alltäglichen Lebens und der Natur zu personifizieren, in starken, prägnanten, poetischen Bildern und Geschichten darzustellen, die für jedermann leicht zu verstehen waren. So wurde auch der Schlaf von einer Person verkörpert, ja sogar von einer Gottheit – Hypnos. Dessen Herkunft liegt wahrhaftig im Dunklen: Er ist vaterlos, seine Mutter Nyx, die Göttin der Nacht, entstammt dem Chaos und wohnt im finstersten Teil der Unterwelt, dem Tartaros.

    Hypnos, der Schlaf, hat einen Zwillingsbruder: Thanatos, den Tod. Die altgriechische Betrachtungsweise von Schlaf und Tod als nahe Verwandte lebt bis heute fort, etwa beim euphemistischen Gebrauch des Wortes „entschlafen“ für „sterben“. Die enge Beziehung zwischen Tod und Schlaf finden wir auch beim griechischen Gelehrten Plutarch: Für ihn bietet der Schlaf die einzige Möglichkeit für die Seele, sich vorübergehend vom Körper zu befreien, bis sie dann im Tod ganz entweicht. Plutarch prögt die Vorstellung vom Tod als ewigem Schlaf.

    Hypnos‘ Schwester Philotes verkörpert die Liebeslust. Weitere Geschwister, die Oneiroi, symbolisieren die Träume. Auch Hypnos’ Sohn, Morpheus, ist ein Gott der Träume – und noch immer lebendig in der poetischen Redewendung „ruhen in Morpheus’ Armen“.
  • Die Knie werden weich, die Sinne schwinden

    So hat das komplexe Geschehen des Schlafes verkörpert durch die Verwandtschaftsverhältnisse des griechischen Götter-Universums seine innere Logik. Die Konstellation zeigt, dass bereits in der Antike eine enge Beziehung zwischen Nacht, Schlaf, Tod, Liebe, Sexualität und Träumen hergestellt wurde. Die wichtigste Fähigkeit des Hypnos ist, die Kräfte und Sinne schwinden zu lassen. Dem Einschlafenden lösen sich die Glieder, die Knie werden weich (im antiken Griechenland waren die Knie der Sitz der Lebenskraft!): eine vorwissenschaftliche poetische Umschreibung dessen, was wir heute als Abfall des Muskeltonus’ beim Einschlafen kennen. Die „hypnotische“ Fähigkeit, die Kräfte schwinden zu lassen, spiegelt sich in der Herkunft des Wortes„Schlaf“ wider: Das altgermanische „slaf“ bedeutete soviel wie schlapp, schlaff, matt werden.
  • … vor der Höhle wächst Mohn

    In seinen „Metamorphosen“ schreibt der römische Dichter Ovid über Hypnos:
  • “Seine Macht erstreckt sich über Götter, Menschen und Tiere. Seine Aufgabe besteht darin, still die Welt zu durchstreifen und den Menschen für kurze Zeit alle Sorgen und Schmerzen zu nehmen. Seine Wohnung ist eine Höhle, vor der es keine Tiere gibt, die Lärm machen könnten. Unter der Höhle entspringt Lehte, der Fluss des Vergessens, vor der Höhle wächst Mohn.”
  • In Ovids poetischer Beschreibung sind alle wichtigen Funktionen des Schlafes erkennbar, die ihm auch heute von der Wissenschaft zugeschrieben werden: der Schlaf als etwas Naturgegebenes, Unwiderstehliches, dessen Macht sich Menschen und Tiere, ja sogar Götter nicht entziehen können. Der Schlaf tritt still auf, als Befreier von Sorge und Schmerz. Er gewährt Schutz und Sicherheit (Höhle, keine lauten, wilden Tiere). Schließlich: Der Schlaf baut Stress ab und entlastet die Seele, denn das Wasser der Lethe bringt Vergessen und beruhigt die Gedanken. Auch Schlafmittel sind in der klassischen Mythologie bereits erlaubt: Vor der Höhle des Hypnos wächst eine schon im Altertum als beruhigend bekannte pflanzliche Droge – der Schlafmohn. Die Mohnkapsel ist das Symbol des Traumgottes Morpheus, nach dem das aus Mohn gewonnene Opiat Morphin benannt ist. Die alten Schlaf-Mythen wirken bis heute und faszinieren uns nach wie vor, und trotz Schlaflabor, Hirnstromanalysen und Freuds Traumdeutung sind wir weit davon entfernt, Hypnos‘ Macht brechen und ihm seine letzten Geheimnisse entreißen zu können. Aber: Wollen wir das überhaupt?