Über den Traum, nicht schlafen zu müssen

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  • Kürzere Wartezeiten, schnellere Verbindungen, effizientere Prozesse, direktere Kommunikationswege, höhere Taktung, besseres Zeitmanagement, ständige Erreichbarkeit. Die Ressource Mensch droht ihr Limit zu erreichen. Oder sind da nicht noch ungenutzte Kapazitäten für Karriere und Bruttoinlandsprodukt, die wir Nacht für Nacht ungenutzt verstreichen lassen?
  • Schlafoptimierung ist ein dehnbarer, interpretierbarer Begriff. Wahrscheinlich ist jeder irgendwie dafür, aber stellt sich auch jeder das Gleiche darunter vor? Sicherlich gab es Zeiten, da war es eindeutig – den Schlaf optimieren heißt, ihn zu verbessern. Tief und fest soll er sein, ruhig und entspannt, am besten mit einem wunderbaren Traum, erholsam, ohne Schnarchen, ergonomisch perfekt, in einem stillen, dunklen, wohltemperierten Raum. Und morgens, wenn man ausgeschlafen hat, erwacht man ganz von alleine mit den ersten Sonnenstrahlen und dem Zwitschern der Vögel. Ja, so könnte optimierter Schlaf aussehen.

    Es könnte aber auch sein, dass um 00.37 die Armbanduhr vibriert, als Zeichen zum sofortigen Schlafengehen. Der Puls und eine Messung der Hirnströme haben ergeben, dass genau jetzt die Wahrscheinlichkeit am größten ist, schnell und ohne Zeitverlust in einen besonders erholsamen Powerschlaf zu fallen. Um 03:46 Uhr stellt das System den Übergang vom Tiefschlaf in einen weniger effizienten, leichteren und damit nicht sinnvollen Schlaf fest und leitet mit gezielten kleinen Stromstößen einen schockartigen Weckvorgang ein, der jegliches Bedürfnis garantiert verhindert, vielleicht doch noch ein paar Minuten zu schlummern.

    Vielleicht ist die erste Variante von Schlafoptimierung ein wenig romantisch, die zweite ist aber alles andere als reine Phantasie. Sie beschreibt einen tatsächlich bestehenden Trend, den Wunsch nach einer vermeintlich besseren, vollständigeren Nutzung von Lebenszeit – und das nicht mal in seiner Extremform. Denn Schlafoptimierung in diesem Sinn hat letztlich das Ziel, den Schlaf abzuschaffen.
  • Wer hat den Schlaf in Frage gestellt?

    Die Defense Advanced Research Projects Agency, kurz Darpa, ist eine Forschungsagentur, die dem Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten unterstellt ist. Gegründet wurde sie als Reaktion auf den sogenannten Sputnik-Schock 1957. Mit dem Start des weltweit ersten künstlichen Erdsatelliten hat die Sowjetunion gezeigt, dass sie technologisch in der Raumfahrt – und den damit verbunden militärischen Aspekten – mit den USA mindestens auf Augenhöhe agiert. Die Aufgabe der Darpa war und ist es, „Investments in bahnbrechende Technologien für die nationale Sicherheit“ zu machen.

    Zu einem solchen Investment gehören seit ein paar Jahren auch Forschungen über einen kleinen Singvogel mit dem Namen Dachsammer. Aber die Darpa hat nicht etwa ihre Liebe zur Natur entdeckt. Nein, man verspricht sich von dem 18 cm großen Tierchen tatsächlich einen Beitrag zur nationalen Sicherheit.
    • Die Dachsammer kommt mehrere Tage ohne Schlaf aus – eine Fähigkeit, mit der sich die Kampfkraft eines Soldaten um täglich sechs bis acht Stunden steigern lässt.
    • Das Ende vom friedlichen Schlaf

      Dass es für den Soldaten Zeiten geben mag, in die ein gemütliches Nickerchen nicht richtig hineinpasst, kann vielleicht auch ein überzeugter Pazifist noch versuchen zu verstehen. Das Streben nach optimiertem Schlaf, im Sinne von weniger Schlaf, stößt aber ganz allgemein auf ein wachsendes Interesse – und nicht nur bei Menschen in Spitzenpositionen. Unser Leben hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem beschleunigt, die Möglichkeiten Dinge zu tun oder zu erleben haben sich vervielfacht, die Erwartungen sind größer geworden, Strukturen und Rhythmus gehen verloren.

      Anders ausgedrückt: Man kann sich immer verbessern, man soll sich weiterentwickeln, man kann jederzeit mit irgendjemandem in sozialen Netzwerken kommunizieren, es kommt immer ein Film, man kann überall hin in den Urlaub fahren, man ist schlicht und ergreifend einfach nie fertig. Könnte man auf Schlaf verzichten, würde bis zu einem Drittel an erlebbarer, nutzbarer Zeit hinzukommen. Aber kann das überhaupt funktionieren, und wenn ja, welche Folgen hätte das?
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  • Schlucken, Schniefen, Rauchen

    So ganz neu ist der Kampf gegen den Schlaf ja nun auch wieder nicht. Fast jeder wehrt sich hin und wieder mit bescheidenen Mitteln gegen die Macht der Müdigkeit. Die Tasse Kaffee ist sicher die verbreitetste unter den meist recht nutzlosen Möglichkeiten. Auch Cola, Energy Drinks, grüner Tee, Schokolade oder Guarana werden immer wieder herangezogen, um ein bisschen wacher zu machen. Daneben gibt es leider auch noch scheinbar wirkungsvollere, aber illegale und vor allem gesundheitsschädliche Mittel. Drogen wie Koks, Ecstasy, LSD oder Crystal Meth putschen auf und halten oft über Tage wach – mit allen fatalen Folgen. Verbreitet sind diese Substanzen nicht etwa nur in der Party-Szene. Häufig sind es Menschen mit hoher Arbeitsbelastung, von Spitzenmanagern bis zu Studenten, die so ihre Leistungsfähigkeit steigern wollen und in die Abhängigkeit rutschen.
  • Immer schön im Rhythmus bleiben

    Andere versuchen, ihre Schlafzeiten zu minimieren, indem sie sich sogenannte polyphasische Schlafmuster antrainieren. Normalerweise schlafen Erwachsene nachts sechs bis acht Stunden am Stück – vielleicht gönnt sich der eine oder andere auch ein kleines Mittagsschläfchen. Bei polyphasischen Mustern wird der Schlaf in mehrere kleine Einheiten über den Tag verteilt. Ziel ist es, kurz, aber öfter und effizienter zu schlafen. Das erfordert einiges an Disziplin, denn zunächst braucht es eine im wahrsten Sinne des Wortes ermüdende Trainingsphase. Auch nach der Eingewöhnungszeit ist der Schlafrhythmus unbedingt einzuhalten, da es sonst schnell zur völligen Erschöpfung kommt. Die sogenannte Uberman Methode verlangt zum Beispiel exakt alle vier Stunden genau 20 Minuten Schlaf. Über den Tag verteilt sind das insgesamt nur zwei Stunden. Wer sich also für polyphasischen Schlaf entscheidet, muss sein Leben konsequent nach einem festgelegten Rhythmus ausrichten, und genau zu diesen Zeiten ein Plätzchen für seine Schlafeinheiten finden.
  • Alles nur Kopfsache

    Zurück zur Dachsammer, dem unermüdlichen kleinen Singvogel. Mit den Forschungen an ihr erreicht die Suche nach zusätzlicher Zeit durch kürzeren Schlaf eine neue Dimension. Letztlich geht es darum, herauszufinden, wie ein Organismus funktionieren muss, damit er wenig Schlaf braucht. Der Ansatz zielt also darauf ab, das Geheimnis des Schlafs selbst zu entschlüsseln, die Vorgänge in unserem Gehirn zu verstehen. Je mehr man darüber weiß, desto besser wird man das Schlafbedürfnis, die chemischen und neurologischen Prozesse in unseren Köpfen und Körpern steuern und kontrollieren können – mit Medikamenten, bestimmten Schlafrhythmen und technischen Hilfsmitteln. Es ist die Suche nach einem Schalter im Kopf, mit dem sich der Schlaf nach Belieben abschalten lässt.
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  • Und was bringt das wirklich?

    Bislang absolut gar nichts. Ein mehr an Zeit ist nicht zu erkennen, schon gar kein daraus resultierender wirtschaftlicher Nutzen durch eine leistungsfähigere Gesellschaft. Während man sich auf der einen Seite bemüht, den Schlaf als eine Verschwendung von Ressourcen zu verkaufen, zeichnen die meisten Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler ein völlig anderes Bild. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin zum Beispiel beziffert alleine für Deutschland den volkswirtschaftlichen Schaden durch Schlafstörungen – also durch schlechten, zu wenig oder sogar gar keinen Schlaf – auf fast 30 Milliarden Euro jährlich. Wie auch immer diese Zahl im Detail ermittelt wurde, sie lässt sich durch viele Argumente und Faktoren glaubhaft stützen.

    Im Schlaf erneuern sich die Zellen, der Stoffwechsel wird reguliert, das Immunsystem sammelt Kraft und auch das Gehirn nutzt die Zeit ohne äußere Reize, um Informationen zu verarbeiten. Sinkende Leistungsfähigkeit und Unkonzentriertheit sind also nur die offensichtlichen Folgen von Schlafmangel. Hinzu kommen eine deutlich höhere Anfälligkeit für Krankheiten, ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Burnout oder Essstörungen, und nicht zuletzt beschleunigt sich auch das Altern von Körper und Geist. Ein ausreichender und erholsamer Schlaf ist also eine unverzichtbare Voraussetzung für ein gesundes und glückliches Leben. Auch und gerade, wer viel arbeitet und Verantwortung trägt, braucht seine natürlichen Ruhezeiten. Wer möchte sich schon von einem Piloten fliegen, oder von einem Arzt operieren lassen, der nur alle vier Stunden 20 Minuten schläft?
  • Und wenn die Wissenschaft es möglich macht?

    Sicherlich, vieles haben Forschung und Wissenschaft hervorgebracht, woran niemand geglaubt hat. Bei weitem nicht alles muss man jedoch als einen Gewinn für die Menschheit empfinden. Spätestens mit einigen spektakulären wie erschreckenden Erfolgen in der Genforschung ist die Diskussion entbrannt, ob man wirklich alles tun muss, was man tun kann. Wenn man der Dachsammer das Geheimnis ihrer Wachsamkeit tatsächlich entlockt und einen Weg findet, es auf den Menschen zu übertragen – was würde das eigentlich bedeuten? Wie würde die Welt aussehen? Sind die Städte dann Tag und Nacht ruhelos? Haben Geschäfte und Restaurants immer geöffnet, weil es keinen Rhythmus, keine Uhrzeiten, keine Essenszeiten und keine festen Arbeitszeiten mehr gibt? Ist man nie mehr nachts am Strand alleine, wacht man nicht mehr gemeinsam auf, gibt es keine Schlafzimmer mehr und keine Hotels?

    Der Schlaf wäre, selbst wenn wir nicht mit ihm auch unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden opfern würden, ein unersetzlicher Verlust. Wir brauchen ihn auch als Rückzugsort, für unsere Privatsphäre, für unsere Träume und für viele schöne Momente beim Einschlafen und Aufwachen. Er ist in einer temporeichen Welt eine Bastion der Ruhe, auf die wir achten sollten. Natürlich mag man sich die eine oder andere Nacht um die Ohren schlagen, aber wer möchte ernsthaft ganz darauf verzichten loszulassen, zu entspannen und zu genießen? „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein“, hat Johann Wolfgang von Goethe einst formuliert. Vielleicht entdeckt ja auch so mancher, der sich mit polphasischen Schlafmustern selbst als Ressource ausgebeutet hat, sein Schlafzimmer wieder und stellt erleichtert fest: „Hier bin ich Mensch, hier schlaf ich ein“.