Dort oben verschwinden die Sterne, hier unten da leuchten wir

  • Einst wehrte man sich mit Fackeln und Kerzen gegen die Finsternis. Heute beherrscht elektrisches Licht die Nacht. So sehr, dass die Dunkelheit verloren geht – und mit ihr ein Stück Lebensqualität.
  • Seit Urzeiten streben wir Menschen nach Licht. Es gibt uns Sicherheit, macht uns flexibel, steht für Wohlstand und modernes Leben. Mit der Finsternis hingegen verbinden wir das Unheimliche, Unsichere, Gefährliche. Wir können unsere Umgebung nicht mehr wahrnehmen, fühlen uns unwohl und fürchten uns vielleicht sogar.

    Aber die Dunkelheit bringt noch etwas anderes mit sich, und zwar gerade weil wir unsere Umgebung nicht mehr wahrnehmen können: Ruhe, die Befreiung und Abschirmung von unzähligen Reizen, die ständig auf uns einprasseln. Nur in der Dunkelheit können wir wirklich abschalten, loslassen. Sie gibt uns einen natürlichen Rhythmus, eine Zeit, in der wir gut schlafen, uns ausruhen können. Und letztlich schenkt sie uns den Anblick eines wunderbaren Sternenhimmels. Wenn die Nacht tiefschwarz ist, können wir sogar die Milchstraße erkennen, und die Sterne reichen so weit hinunter, dass sie am Horizont beinahe – so scheint es – die Erde berühren.

    Zumindest war das früher einmal so. Heute legt man sich beim Campen nachts ins Gras, schaut in den Himmel und stellt fest, dass unser Firmament löchrig geworden ist. Die Sterne sind verblasst oder verschwunden. Was stattdessen leuchtet, sind Straßenlaternen, Reklameschilder, Autoscheinwerfer und die unzähligen Lichter in den Häusern der großen Städte. Wenn jemand von einem fantastischen Himmelszelt spricht, dann erzählt er in der Regel von seinem Urlaub, fernab von dicht besiedelten Gebieten in Europa, wo die Dunkelheit oft mit Licht verschmutzt ist.
  • Sehnsucht nach finsteren Zeiten

    In Fachkreisen zweifelt niemand daran, dass der Verlust der Dunkelheit schädliche Auswirkungen hat. So wie unter Lärm und Abgasen leiden die Natur und unsere Gesundheit auch unter ständiger Beleuchtung. Wie stark die Folgen sind und noch sein werden, wird in seiner ganzen Bandbreite gerade erst erforscht. Tatsache ist, dass es seit jeher der Wechsel zwischen Tag und Nacht ist, der für Menschen, Tiere und Pflanzen den Rhythmus des Lebens vorgibt.

    Für das Überleben vieler Tierarten, gerade bei nachtaktiven Tieren, ist die Dunkelheit unverzichtbar. Sie werden durch künstliche Lichtquellen irritiert und fehlgeleitet, mit oft tödlichen Folgen. Das betrifft zum Beispiel Zugvögel, Fledermäuse oder frisch geschlüpfte Meeresschildkröten, die auf der Suche nach dem Meer in die Richtung beleuchteter Hotels krabbeln.

    Auch für uns Menschen kommt mit der Dunkelheit längst nicht mehr ganz selbstverständlich die Zeit der Ruhe. Das Licht gibt uns die Freiheit zu entscheiden, was wir wann machen – wie lange wir arbeiten, lesen, wachbleiben, kurzum: Wir entscheiden selbst, wann es hell ist, müssen aber immer öfter aktiv dafür sorgen, dass es auch dunkel ist. Displays und Bildschirme leuchten in unsere Gesichter, manchmal fällt das Licht von Straßenlaternen, Reklametafeln oder vorbeifahrenden Autos bis in unsere Schlafzimmer. Unser Rhythmus geht verloren, und darunter leidet auch unsere Gesundheit. Nur langsam entwickelt sich ein Bewusstsein dafür, dass für unsere Lebensqualität die Dunkelheit genauso wichtig ist wie das Licht.
  • Was nur die Dunkelheit ans Licht bringt

    Zur Lebensqualität gehört auch ein wunderbarer Sternenhimmel, in seiner ganzen Pracht und Fülle, wie ihn nur die Dunkelheit ans Licht bringt. Und es geht dabei um viel mehr als die – zugegeben – sehr wichtigen, romantisch schönen Momente nachts unter freiem Himmel. Denn so wie die kleinen Schildkröten und die Zugvögel haben einst auch wir Menschen die Sterne gebraucht, um unser Ziel zu finden. Seefahrer, Wissenschaftler, Märchenerzähler, Wahrsager, Träumer – für jeden von uns steht etwas in den Sternen. Die Konstellationen am Himmel ziehen uns bis heute in ihren Bann: Horoskope, unsere Sternzeichen, die magische, unerklärliche und unergründliche Unendlichkeit des Weltalls.

    Mit dem Verblassen und Verschwinden des Sternenhimmels geht nach und nach auch ein Stück Identität und Kultur, ein Stück Faszination, der Raum für Phantasie, Mythen und Geschichten verloren. Besser, wir finden nie heraus, wie es sich auf den Menschen auswirkt, wenn das Firmament hinter künstlichem Licht verschwunden ist!
  • Sind die Sterne noch zu retten?

    Natürlich wird der Mensch nicht zurückkehren in die Zeiten vor der Erfindung der Glühbirne. Aber ein gestärktes Bewusstsein, dass Lichtverschmutzung die Lebensqualität einschränkt, kann gemeinsam mit den heutigen Erkenntnissen und Technologien die Sterne wieder sichtbarer machen.

    Viele nächtliche Lichtquellen sind gar nicht notwendig, leisten keinen Beitrag zur Sicherheit und verbrauchen darüber hinaus noch sinnlos Energie. Andere Lichtquellen können bezüglich ihrer Intensität, Leuchtdauer und Strahlrichtung optimiert werden. Bislang hat sich allerdings die Entwicklung des Lichtes nicht an den Fragen der Lichtverschmutzung orientiert – es sollte vielmehr möglichst hell sein, ästhetisch aussehen und gute Farbwiedergabeeigenschaften aufweisen.

    Mit einer Umorientierung ließen sich dicht besiedelte Gebiete wieder deutlich verdunkeln, ohne dass dadurch ein spürbarer Nachteil für die Bevölkerung entsteht. Im Gegenteil – der eine oder andere Stern über den großen Städten würde neu geboren werden. Der österreichische Dramatiker, Schauspieler und Opernsänger Johann Nepomuk Nestroy hat schon vor dem großen Durchbruch des elektrischen Lichts die Vorteile der Dunkelheit erkannt:
  • “Ich find ́, jede Beleuchtung ist unangenehm. Wenn man jemanden haßt, ist man froh, wenn man ihn nicht sieht; wozu die Beleuchtung? Wenn man jemanden liebt, ist man froh, wenn einen d ́andern Leut ́nicht sehn; wozu die Beleuchtung? Die übrige, gleichgültige Welt nimmt sich im Halbdunkel noch am erträglichsten aus; wozu also die Beleuchtung?”
    Johann Nepomuk Nestroy
  • Tipps für ein dunkles Schlafzimmer und einen besseren Schlaf