Warum wir fühlen wie wir fühlen

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  • Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal über Gefühle, Natur, Wohnen, Nomadentum, Kinderzimmer und beengte Wohnverhältnisse.

    Interview mit Prof. Kurt Kotrschal, wissenschaftlicher Leiter des Biologicum Almtal (www.biologicum-almtal.at)

    Die Grüne Erde und die Konrad-Lorenz Forschungsstelle haben eine gemeinsame Heimat: das Almtal. Hier fand vom 9.-12. Oktober 2014 das erste «Biologicum Almtal» statt. Das Symposium in Grünau vermittelte einem breiten Publikum Einblick in internationale biologische Spitzenforschung. Zum Jahresthema «Gefühle. Warum wir fühlen wie wir fühlen» referierten und diskutierten WissenschaftlerInnen aus Österreich, Deutschland und den USA.
  • Was haben Gefühle mit Biologie zu tun?
    Gefühle entstehen im Gehirn und zwar in Systemen von Nervenzellen, die wir nahezu unverändert mit vielen anderen Tieren teilen. Gefühle treiben Verhalten und sind wichtiger Hintergrund für die Entscheidungsfindung bei Menschen und bei anderen Tieren. Aber obwohl die Gefühlssysteme stammesgeschichtlich uralt sind, verfügen die gerade eben in der Evolution entstandenen Menschen über die wahrscheinlich reichste Palette an Gefühlen. Darüber sprachen wir im Oktober beim Biologicum Almtal.
    Warum ist das Thema Gefühle wichtig?
    Die wichtigste Basis für ein langes, gesundes und glückliches Leben liegt in einer ausgeglichenen Emotionalität. Da Menschen in jeder Beziehung stark von ihren sozialen Beziehungen und Vernetzungen abhängen, überrascht es nicht, dass eine geborgene, glückliche Kindheit, der passende Platz in der Gesellschaft und eine geglückte Vernetzung mit Partnern und Freunden, unter Umständen auch mit Tieren, zu den wichtigsten Faktoren zählen, ein ausgeglichenes Gefühlsleben zu erreichen.
    Welche Faktoren führen schon in der Kindheit zu einem ausgewogenem Gefühlsleben?
    In der Regel führt eine zuverlässige und sensible Betreuung der Kleinkinder in ihren ersten Lebensjahren zur Fähigkeit, vertrauensvolle Beziehungen zu anderen auch im späteren Leben einzugehen. Seit John Bowlby spricht man in diesem Fall von einer „sicheren Bindung“. In einem gewissen Ausmaß können allerdings bei den sozial überaus anpassungsfähigen Menschen die Versäumnisse der Kindheit später im Leben aufgeholt werden.
    Wie wirkt sich der Aufenthalt in der freien Natur auf die Gefühlslage aus?
    Ein Aufwachsen in Kontakt mit Natur und Tieren fördert die körperliche, geistige, emotionale und soziale Entwicklung. Eine menschengerechte Naturumgebung fördert Entspannung und Wohlbefinden. Menschen scheint eine Art „evolutionäre Ästhetik“ grundgelegt, die in etwa den Feng Shui-Prinzipien entspricht. Park- und gartenähnliche Landschaften mit Freiflächen, Baumgruppen und Wasser sprechen Menschen ganz besonders an.

    Was sagen Sie zu Saint-Exupérys Zitat: „Erst im Wohnen kommt der Mensch zur Erfüllung seines wahren Wesens.“ Oder zu Emersons „Erst baut der Mensch ein Haus, dann formt das Haus den Menschen.“

    Im Wohn- und Lebensbereich tragen Heimtiere, Pflanzen und ästhetisch verarbeitete Materialien wie Holz, Stein und Naturfasergewebe besonders zum Wohlbefinden bei. Unsere eigenen Forschungen zeigen, dass sich das Wesen, die Sensibilität, Selbstsicherheit und soziale Kompetenz von Menschen besonders klar im Umgang mit dem eigenen Hund zeigt. Ähnliches gilt für die Gestaltung von Wohnumgebungen, welche wohl als beste Visitenkarte für die Wesensorientierung von Menschen gelesen werden können. Außen- und Prestigeorientierung etwa, zeigt sich in eher „repräsentativen“ Wohnstilen, während eine Konzentration auf das für das eigene Wohlbefinden Wesentliche, die Verwendung von Naturmaterialien und eine schlichte Ästhetik eine sichere Persönlichkeit ausdrückt, die sich selbstbewusst eine entspannte Wohlfühlatmosphäre schafft, als sichere Basisstation für ein gelingendes Leben in Beziehungen und Beruf.
    Was ist aus Sicht der Biologie besser: Sesshaftigkeit oder Nomadentum?
    Das kommt ganz auf Persönlichkeit und Lebensalter an; in den Menschen ist beides grundgelegt. Während manche Menschen, auch unterstützt durch z. B. Serotonin-Transportergene oder Geburtsreihenfolge das Neue, Unbekannte, Risikoreiche suchen, bleiben andere lieber zu Hause. Diesbezüglich gibt es auch einen (säugetier-typischen) Geschlechterunterschied. Auch die „geborenen Nomaden“ neigen in späteren Lebensabschnitten dazu, Wurzeln zu schlagen und sich eine vertraute Lebens- und Wohnumgebung aufzubauen. Erzwungenes Nomadentum, etwa durch die beruflichen Umstände, kann zu einer Einschränkung des sozialen Netzwerkes und zum Leben in sub-optimalen Lebensräumen führen und damit zu emotionalem Ungleichgewicht.
    Wieviel Platz braucht der Mensch zum Wohnen?
    Eine gewisse Mindestgröße und Möglichkeit, eine individuelle Privatsphäre zu wahren, muss wohl gegeben sein. Die biologischen Anlagen des Menschen erlauben große kulturell bedingte Variationen dieses Themas. Während in sehr sozial und gruppenorientiert ausgerichteten Gesellschaften ein enges Zusammenleben im Familienklan geradezu eine Bedingung für Wohlbefinden darstellt, ist dies in den individualisierten westlichen Gesellschaften anders. Diesbezügliche individuelle soziale Bedürfnisse und Präferenzen werden in der frühen Kindheit sozialisiert. Die Qualität eines Wohnraums manifestiert sich weniger in seiner absoluten Größe, sondern eher in seiner Ausgestaltung, welche die individuellen Grundbedürfnisse erfüllen muss, zu denen vor allem auch die Regulierung von Nähe und Distanz zu den Mitbewohnern zählt.
    Machen beengte Wohnverhältnisse aggressiv
    Das kann sein, hängt aber auch von der Qualität der Sozialbeziehungen der Nutzer ab. Wenn – aus welchem Grund auch immer – ein individuelles Rückzugsbedürfnis nicht befriedigt werden kann, entstehen daraus Konflikte. Für gute Wohnverhältnisse ist nicht die absolute Fläche entscheidend, sondern neben Gliederung und menschengerechter Ausgestaltung natürlich auch die soziale Kompetenz/Erwartungshaltung der Bewohner. Generell muss ein sozial und emotional funktionierender Wohnraum wohl – über den Daumen – so viel soziale Nähe wie möglich und so viel Rückzug wie nötig erlauben.
    Brauchen Kinder ein Kinderzimmer für sich selbst?
    Kinder brauchen beides; sie benötigen soziale Geborgenheit, aber auch Rückzugsmöglichkeiten. Ob vor der Pubertät jedes Kind sein eigenes Zimmer benötigt, ist diskutierbar; zu frühe Vereinzelung von Kindern, vor allem in der Nacht, kann durchaus Ängste fördern und damit die Entwicklung einer sicheren Persönlichkeit beeinträchtigen. Mit Einsetzen der Pubertät ist aber ein eigenes Zimmer optimal, allerdings mit in der Familie besprochenen sozialen „Nutzungsregeln“ versehen, wie es sie ja auch für den Gebrauch elektronischer Medien geben muss.
  • Univ. Prof. Dr. Kurt Kotrschal

    Kurt Kotrschal ist Professor für Verhaltensbiologie an der Universität Wien. Seit Juli 1990 leitet er als Nachfolger von Konrad Lorenz die Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal. Kotrschal hat das Wolf Science Center mitbegründet, das zuerst in Grünau im Almtal angesiedelt war und sich seit 2009 in Ernstbrunn befindet. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Biologicum Almtal.