Färben mit Pflanzen

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  • Rudolf Fritsch und seine Tochter Lisa haben die uralte Technik des Färbens mit natürlichen Rohstoffen wiederbelebt. Ihre Färberei in Wien ist die einzige weit und breit, die hochprofessionell und in gewerblichem Maßstab mit Naturfarben arbeitet.

    Die 70 m lange und 50 cm breite Stoffbahn zeigt die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahr 1066. Der berühmte, vor rund 950 Jahren geschaffene „Teppich von Bayeux“ ist über und über mit bunten Wollgarnen bestickt, die ihre phantastischen Rot-, Braun-, Gelb- und Blautöne natürlichen Farbstoffen verdanken. Was im Mittelalter Standard war – das Färben mit Pflanzen wie Krapp, Wau und Färberwaid – ist heute eine exotische, beinahe alchemistische Kunst, die wohl keiner so beherrscht wie Rudolf Fritsch.

    Der Wiener hatte die kleine Färberei seines Vaters 1976 übernommen. Seine erste Begegnung mit Naturfarben vor etwa zehn Jahren war eher zufällig:
  • “Eigentlich wollte ich auf einer Alm im Allgäu nur eine gebrauchte Zentrifuge kaufen und stieß dabei auch auf pflanzlich gefärbte Schurwolle. Dort habe ich gesehen, was mit Naturfarben möglich ist.”
  • Fritsch war spontan begeistert, vertiefte sich ins Thema und begann, im eigenen Betrieb zu experimentieren. „Am Anfang wusste man nie so genau, was herauskommt.“ Nach einem Jahrzehnt intensiver Entwicklungsarbeit aber gibt es heute wohl kaum jemanden, der sich mit Pflanzenfarben besser auskennt als Fritsch. Sein Unternehmen ist das einzige im deutschsprachigen Raum, welches das Färben mit natürlichen Rohstoffen hochprofessionell und im gewerblichen Maßstab betreibt.

    „Denn“, so Fritsch, „es ist ein großer Unterschied, ob man mit Naturfarben hin und wieder zuhause ein T-Shirt oder ein paar Wollsocken im Bottich färbt und sich über jedes Farbergebnis freut – oder ob man Hunderte von Garnspulen und meterlange Stoffbahnen gleichmäßig und reproduzierbar färben muss.“

  • Gefärbt wird nach Rezept

    Die wichtigsten Rohstoffe für natürliche Farben sind wie eh und je Krappwurzel (Färberröte) – für zart-erdige bis feurig-kräftige Rottöne; Wau (Reseda) für zitroniges bis goldiges Gelb; Catechu, das Kernholz einer Akazien-Art, für helle bis dunkle Brauntöne; und schließlich Färberwaid, aus dem der blaue Farbstoff Indigo gewonnen wird.

    Gefärbt wird nach Rezepten. Tausende davon haben sich bei Rudolf Fritsch inzwischen angesammelt. Viele davon wurden in nächtelanger Arbeit hart erarbeitet, begleitet von Fehlversuchen. „Was glauben Sie, was ich alles verwerfen musste!“ Vor allem in der Anfangszeit war er manchmal nahe daran, alles hinzuschmeissen. Um Rat fragen konnte er keinen, es gab ja niemanden, der sich so intensiv mit dem Thema beschäftigte wie er. Und durch die chemische Färberei war seit dem 19. Jahrhundert das alte Wissen und Know-how der Pflanzenfärber nach und nach verloren gegangen. Am ehesten half es, in uralten Rezepten nachzulesen. „Aber wenn ein guter Färber seine Rezepte nicht aufgeschrieben, sondern mit ins Grab genommen hat, war dieses Wissen für alle Zeit verschwunden.“

  • Rudolf Fritsch und seine zwölf Mitarbeiter färben Garne und Stoffbahnen in großen Edelstahlbottichen bzw. torpedoartigen Röhren. Das dazugehörende technische Spezial-Equipment zur Perfektionierung des Färbeergebnisses hat der gelernte Maschinenbauer selbst entwickelt und nach seinen Anforderungen bauen lassen: „So etwas gibt’s ja nicht serienfertig.“

    Während man in der konventionellen, chemischen Färberei, die mit standardisierten Farben und Verfahren arbeitet, den Färbeprozess quasi per Knopfdruck steuern und kontrollieren kann, ist das bei Naturfarben entschieden anders: Viele verschiedene Faktoren wirken sich auf das Färbeergebnis aus: Temperatur, Luftfeuchte, pH-Wert, Art und Qualität der Faser. Baumwolle, Wolle oder Seide reagieren unterschiedlich auf ein- und dieselbe Farbe. Selbst die regionale Herkunft der Naturfasern hat Einfluss auf das Färbeergebnis.

    Das natürliche Färben ist ein komplexer Vorgang. Um den Farbstoff auf der Faser zu fixieren, die Farbechtheit zu verbessern oder Farbtöne zu nuancieren, müssen die Garne mit natürlichen Stoffen wie etwa Weinstein, Alaun, Tannin oder Eisensulfat vor- und/oder nachgebeizt werden. Je nach Art und Menge des Farbstoffes und der Beizen können mit ein- und demselben Farbstoff viele unterschiedliche Farbnuancen erzielt werden. Bei natürlichen Farben muss man wissen, wie welche Faser mit welchem Farbstoff und welcher Beize reagiert. Alle Faktoren multiplizieren sich miteinander. Die genaue Vorgehensweise dazu steht in keinem Lehrbuch, dafür braucht man viel Erfahrung. So ist etwa das zweistufige Färben mit Zwischenbeizen und anschließendem Überfärben in einem zweiten Bad so etwas wie die eingeflogene Liegepirouette mit doppeltem Rückwärtssalto beim Eiskunstlauf. Fritsch beherrscht sie perfekt.
  • Egal: gleichmäßig, nicht gleichgültig

    Der natürliche Farbstoff – pulverig oder flüssig – wird in einer Konzentration von 0,5 bis 20 % in einer wasserlöslichen Form, der „Küpe“ bzw. „Flotte“ an die Faser gebracht. Wichtig: „Man muss die Farbe ganz vorsichtig dosieren, damit das Ergebnis egal ist.“ Wenn der Färber „egal“ sagt, meint er nicht „gleichgültig“, sondern die gleichmäßige Durchfärbung der Fasern.

    Neben der „Egalität“ ist vor allem die Waschechtheit der Farbe ein Thema: Pflanzengefärbte Baumwolle müsse sich bei 60° problemlos waschen lassen. Die größte Herausforderung sei aber die Lichtechtheit, die man im Laufe der Jahre nun gut in den Griff bekommen habe, so Fritsch. Er färbt etwa insgesamt 300 Tonnen Garn und Gewebe pro Jahr, davon allerdings nur einen kleinen Teil mit Pflanzenfarben. Denn, bei allen Fortschritten und Erfolgen:

  • “Von der Pflanzenfärberei allein könnten wir wirtschaftlich nicht leben. Wir haben viel Zeit und Geld in die Entwicklung investiert, und der Markt ist noch klein.”
  • Konventionelle, auf Masse ausgelegte Textilhandelsketten haben zu wenig Vertrauen in die natürliche Art des Färbens oder scheuen die höheren Kosten: Synthetische Farben kosten 5,– bis 35,– Euro pro kg, Pflanzenfarben hingegen etwa 120,– bis 390,–. Dabei macht die Naturfarbe maximal 5 % der Produktionskosten aus. Aber: Wenn Textilien als billige Wegwerfartikel kalkuliert werden, geht es um jeden Cent.

    „Die Pflanzenfärberei insgesamt steckt noch in den Kinderschuhen“, so Fritsch. Er ist daher froh, Partner wie die Grüne Erde zu haben, die dazu beitragen, ein Bewusstsein für das natürliche Färben zu schaffen, deren Kunden aufgeschlossen sind und natürlicher Bekleidung hohe Wertschätzung entgegenbringen.

    „Man braucht einen langen Atem“, sagt Fritsch: Dass dieser nicht ausgeht, dafür sorgt seine quirlige Tochter Lisa, die den von ihm eingeschlagenen Weg der Pflanzenfärbung fortsetzt. „Ich will ja auch einmal in Pension gehen können“, sagt der 60-Jährige verschmitzt. Lisa Fritsch ist auch als Designerin einer eigenen Kollektion tätig.

    Vater und Tochter Fritsch gehen flexibel auf die Wünsche der Kunden ein, entwickeln gemeinsam Produkte mit ihnen. So etwa übernehmen sie den Garneinkauf, das pflanzliche Färben im eigenen Betrieb, organisieren das Stricken, Weben und Konfektionieren in Partnerbetrieben maximal 150 km von der Färberei entfernt.

  • “Unser Standort hier in Österreich und die regionale Produktion sind uns sehr wichtig.”
  • Womit wir wieder beim „Teppich von Bayeux“ wären: Auch dessen Leinen und Schurwolle stammten aus regionaler Produktion in der Normandie. Amüsantes Detail: Die synthetisch gefärbten Garne, die im späten 19. Jahrhundert zur Reparatur des historischen Wandbehangs verwendet wurden, sind heute stärker ausgeblichen als die alten, naturgefärbten Garne.

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