Der „Foachtl”

  • “In der Polstermöbel Werkstätte von Grüne Erde entstehen aus wertvollen Naturmaterialien in reiner Handarbeit Sofas in einer Qualität, die sie einmal zu Erbstücken werden lässt. Denn auf jedes, selbst von außen nicht mehr sichtbare Detail wird bei der Fertigung größter Wert gelegt.”
  • Wären da nicht ein paar „moderne“ Dinge wie ein Radio, einige mit Druckluft betriebene Handwerkzeuge und eine kleine automatische Arbeitsbühne, wähnte man sich in einer Polstermöbelmanifaktur des späten 19. Jahrhunderts. Garnspulen, Kordeln, Nadeln, Scheren, Spezialmesser und ein Hammer liegen griffbereit, aber das wichtigste Werkzeug des Möbeltapezierers ist ohnehin die Hand. Schauplatz: die Grüne Erde Polster möbelwerkstätte im oberösterreichischen Almtal.

    Hier werden alle Sofas, Fauteuils, Hocker und Lounge Chairs von einigen wenigen Spezialisten gepolstert und tapeziert in reiner Handarbeit. Das braucht seine Zeit: Vom aufwändigen Lounge Chair Sediamo können höchstens drei pro Tag gefertigt werden, von einem einfachen Hocker bis zu zehn Stück, von einem großen Ecksofa manchmal nur eines. „Wir arbeiten nicht auf Lager, jedes Polstermöbel ist eine individuelle Einzelanfertigung für den jeweiligen Kunden“, sagt Gerhard Sandheigl. Der Tapezierermeister ist seit 2004 bei Grüne Erde und leitet die Möbeltapeziererei.

  • Viele schnelle, geschickte Handgriffe

    Die Holzgestelle nackte, dürre Gestalten die hier in Reih’ und Glied aufgestellt darauf warten, unter den Händen der Polsterer und Tapezierer zu hochwertigen Polstermöbeln zu werden, stammen aus der Grüne Erde-Tischlerei in Kärnten: aufwändig und solide aus Holz (keine Spanplatten!) gebaut und mit jahrzehntelanger Lebensdauer ausgestattet

    Jetzt treten Sandheigl und sein Team in Aktion. Zunächst werden die Polstermaterialien Naturlatex, Kokoslatex, Schurwollvlies und Schurwollfilz sorgfältig und exakt zugeschnitten. Beim folgenden Polstern kommen zuerst die Latex- und Kokoslatexteile auf den hölzernen Unterbau. Auf die horizontalen Sitzflächen werden sie bloß aufgelegt, auf den vertikalen Flächen aufgeklebt mit einem gesundheitlich und ökologisch unbedenklichen Latexkleber auf Wasserbasis. Dann folgt das Schurwollvlies, dessen Enden, Ränder und Zipfel mit zahllosen schnellen, geschickten Handgriffen sauber in den Ecken, Fälzen, Beugen und Spalten des Holzcorpus und der zuvor aufgebrachten Polstermaterialien verstaut werden, bis alles eine kompakte Form angenommen hat.

  • „Umwindeln“

    Sandheigls Kollegin Andrea Köhl, auch sie gelernte Tapeziererin und Möbelpolsterin, vernäht die offenen Schnittkanten des Vlieses mit einer gebogenen Tapezierernadel.

    „Umwindeln“ heißt dieser Arbeitsabschnitt. Jetzt steht das Möbelstückbei unserem Besuch der Swinging Chair Sediamo da wie ein kuscheliges Schaf, über und über bedeckt mit weißer Schurwolle, fertig zum Beziehen.

  • Wie ein enger Taucheranzug

    Zuschnitt und Nähen der Bezüge werden in der Schneiderei Tür an Tür mit der Polster eierledigt. Da die Bezüge aus Schurwollgewebe am fertigen Sofa wie angegossen sitzen müssen, sind sie exakt und sehr knapp geschneidert. So bleibt dem Tapezierer nicht viel Spielraum beim Beziehen, ein Arbeitsschritt, der den Laien ein wenig an das Anziehen eines sehr engen Taucheranzuges erinnert: X-mal muss Sandheigl da und dort zupfen und ziehen, einmal von oben, einmal von unten in den Corpus greifen, sich dabei die Arme kunstvoll verrenken, oft blind ertasten, wo welches Zipfelchen Stoff am besten zu erwischen und in welche Richtung zu trimmen ist.
  • Faltenfrei und schön prall gepolstert

    Die Reihenfolge, in der die Sofateile (Armlehnen, Sitzfläche, Rückenlehne etc.) bezogen werden, ist für die spätere Passform des Bezuges entscheidend. Denn bei einer falschen Reihenfolge würde sich der Tapezierer den Zugriff auf bestimmte Stoffteile und die Erreichbarkeit bestimmter Ecken des Sofacorpus’ vorzeitig selbst verbauen. Das Möbeltapezieren erfordert also nicht nur geschickte Hände, sondern auch logisches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen.

    Dazu kommt: Obwohl alle Bezüge aus Schurwolle gewebt sind, fühlen sich doch nicht alle gleich an. Der eine ist ein wenig elastischer, der andere etwas kompakter, jeder muss individuell behandelt werden. Es liegt buchstäblich in der Hand des Tapezierers, mit den unterschiedlichen Materialeigenschaften zurecht zu kommen. „Wie auch immer: Am Schluss muss das Ganze immer gut aussehen“, so Sandheigl.

    „Gut aussehen“ heißt: Der Bezug ist rundherum straff gespannt, keine Falte ist zu sehen, die Polsterung fühlt sich schön prall an, die Nähte laufen exakt entlang von Kanten und Rändern.
  • Nähen wie ein Chirurg

    Der Bezug wird an der Unterseite des Holzcorpus’ sorgfältig festgetackert früher wurde das mit dem Hammer und winzig kleinen Tapezierernägeln gemacht, aber der dabei entstehende Zeitaufwand wäre heute nicht mehr zu bezahlen.

    Zum Schluss deckt der Tapezierer die bis dahin offene Unterseite des Polstermöbelgestells mit Baumwoll-Mollino ab. Dabei versteckt er die Metallklammern unter einer geschickt gelegten Kordelnaht ein optisch perfekter Abschluss, der den Lounge Chair auch von unten gut aussehen lässt. Dann leimt Sandheigl noch die hölzernen Schaukelkufen an den Corpus.

    Die letzten 20 cm des Bezuges werden von Hand zugenäht: Mit atemberaubender Schnellig- und Sicherheit legt Andrea Köhl chirurgengleich mittels „Matratzenstich“ eine blitzsaubere Naht hin: „Die hält ewig“ – und von außen ist kein Faden sichtbar.

    Damit auch die Ecken perfekt ausgepolstert sind, sticht Sandheigl mit einer furchteinflößend langen „Durchstechnadel“ durch den Bezug ins Füllmaterial, um mit häkelartigen Bewegungen das darunter liegende Schurwollvlies aufzulockern und in Form zu bringen. „Vorziehen“ heißt dieser Arbeitsschritt, der ebenso magisch erscheint wie das mehrmalige feste Klopfen mit den Handflächen auf die Polsterung, das wie ein Trommel-Ritual anmutet und so wirkt, als gebe der Handwerker dem Werkstück etwas von seinem Arbeitsgeist mit auf den Weg.

  • Können und Erfahrung – der „Foachtl“

    Bis das Mäbelstück fertig ist, wird es zigmal auf der Arbeitsbühne gedreht, gekippt und gewendet, tausende einzelne Handgriffe werden getan, jeder sitzt perfekt, nahezu blind. „Man muss für diese Arbeit viel Fingerspitzengefühl haben“, sagt Sandheigl mit spürbarem Handwerkerstolz. Dabei kommt einem der im oberösterreichischen Almtal für „Können und Erfahrung im Handwerk“ gebräuchliche Mundartbegriff in den Sinn: der „Foachtl“.

    Nun steht es da, das fertige Polstermöbel: durch und durch Handarbeit, durch und durch Qualität. „Die Reklamationen, die wir pro Jahr haben, kann man an einer Hand abzählen“, so Gerhard Sandheigl. Und mit Handarbeit kennt er sich ja aus.