Leindotter aus den Himmeln

  • “Regional, biologisch, handwerklich-bäuerlich: Die Geschichte dieses Öls ist »idealtypisch« für das Denken von Grüne Erde. ”
  • Das niederösterreichische Weinviertel, 30 km nördlich von Wien: prachtvolles, üppiges Agrarland, weite Ebenen, da und dort ein Wäldchen, sanfte, kaum 400 m hohe Kuppen, kleine, gepflegte, bäuerlich geprägte, heute aber tagsüber von den Arbeitspendlern verlassene Straßendörfer, »wo die Welt noch in Ordnung ist«, viele Wiener ihre Wochenendhäusern haben, die konservative ÖVP Wahlergebnisse von 70 % und mehr einfährt und so mancher Silo des Raiffeisen-Lagerhauskonzerns höher als die Dorfkirche ist.
  • Eine kleine Schar von nicht einmal zehn Bauern

    Am Dorfrand von Oberkreuzstetten stehen wir mitten in einem Feld, dessen uralter Flurname Programm zu sein scheint: »In Himmeln«. Es ist Anfang Juni und der Leindotter blüht, Bienen, Schmetterlinge, Käfer und Hummeln sorgen für die Bestäubung, kein Verkehrslärm weit und breit, das einzige »moderne« Geräusch ist das gleichmäßige Tuckern eines Traktors, hoch oben kreist ein Bussard. Unten auf dem Boden und mitten drin in seinem »Element«: Herbert Zimmermann, jener Mann, der Grüne Erde mit Leindotteröl für Kosmetika beliefert. Er bewirtschaftet einen Hof mit 90 Hektar – hier im Weinviertel ein Mittelbetrieb – und bebaut davon derzeit rund zwölf Hektar mit Leindotter. »Aber«, so Zimmermann, »es wird jedes Jahr mehr, das Interesse an Leindotteröl nimmt langsam zu.«

    2005 hat er mit dem Anbau dieser seltenen Ölfrucht begonnen, als erster Bauer im Weinviertel: »Es war damals schwierig, überhaupt Saatgut dafür zu bekommen.« Er gehört zur immer noch kleinen Schar von nicht einmal zehn Landwirten in ganz Österreich, die Leindotter pflanzen und selbst Öl daraus pressen. Zimmermann, ein sportlicher, drahtiger, braungebrannter Mann mit kräftigem Händedruck, der als Landwirt naturgemäß viel Zeit in der frischen Luft verbringt, entspricht so gar nicht dem gängigen Cliché eines Weinviertler Bauern.

    Er ist ein »Spätberufener«: Absolvent einer Elektronik-HTL, lange Jahre in der Software-Entwicklung eines Weltkonzerns tätig, entschloss er sich erst vor zwölf Jahren, den Hof der Familie zu übernehmen, war als Bio-Kontrollor tätig und stellte auch den eigenen Hof konsequent auf biologische Bewirtschaftung um. Er kombininiert modernes Denken und umweltbewusste, ökologiegerechte Landwirtschaft, hat sich in einer interessanten Marktnische eingenistet und sich auf hochwertige Ölsaaten spezialisiert – neben Leindotter produziert er etwa auch Sonnenblumen und Ölkürbisse.

    Zimmermann betreibt seine Traktoren mit Bio-Diesel, und das Holz für die Biomasse-Heizung des Hofes stammt selbstredend aus der näheren Umgebung.
  • Im genetischen Ur-Zustand

    Leindotter war lange Zeit in Vergessenheit geraten, für große Lebensmittel- und Saatgutkonzerne wirtschaftlich uninteressant und wurde daher züchterisch und genetisch nicht bearbeitet. So blieb die Pflanze weitgehend in ihrem genetischen Ur-Zustand. »Sie ist ideal für die Bio-Landwirtschaft, sehr robust und genügsam, stellt keine besonderen Ansprüche an den Boden, ist sehr unkompliziert im Umgang, braucht keinen Dünger, ist wenig anfällig für Krankheiten, Schädlinge oder Trockenstress. Auch in sehr regenarmen Jahren haben wir deutlich weniger Ausfälle als etwa bei hochgezüchtetem Weizen«, so Herbert Zimmermann.

    Der etwa 60 cm hohe Leindotter verdankt seinen Namen einerseits einer irrtümlich angenommenen Verwandtschaft mit Lein (Flachs), andererseits seinen dunkelgelben Blüten. Die Pflanze gedeiht zwar als Monofrucht, wird häufig aber zur Unterdrückung von Unkräutern in Kombination etwa mit Luzernen, Blatterbsen, Wildhafer oder Wicken kultiviert. »In diesem Fall ernten wir alles gemeinsam in einem Arbeitsgang und trennen dann die einzelnen Saaten aufgrund ihrer unterschiedlichen Korngröße mit Sieben.«

    Auf dem Bio-Hof in Oberkreuzstetten werden die Leindottersamen kalt und schonend gepresst: 30 bis 35° C haben sich als ideal erwiesen. Herbert Zimmermann – tatkräftig unterstützt von seinem Vater Josef (»Bepsch«) – verarbeitet mit seiner klein dimensionierten Presse maximal rund 300 kg Samen pro Tag. Das Öl muss sich dann 14 Tage lang in den Bottichen »setzen« – die Schwebestoffe sinken zu Boden. Schließlich wird das Leindotteröl durch einen Papierfilter geseiht und von Hand abgefüllt – das ist alles!

    »Wenn Leindotter in Reinkultur gepflanzt wird, liegt der Ertrag bei etwa 800 bis 1.000 kg Samen pro Hektar, bei Mischkulturen bei rund 300 kg pro Hektar«, erläutert Herbert Zimmermann. »Die Ölausbeute liegt bei etwa 25 %.« Auf einem Hektar (10.000 m2) Ackerboden »wachsen« demnach zwischen 70 und 250 Liter Leindotteröl.
    Die arbeitsintensive Bio-Landwirtschaft, die aufwändige Handarbeit, die geringen Produktionsmengen, die wertvollen Inhaltsstoffe: Ein kostbares Öl wie dieses hat seinen Preis. Noch dazu, wenn es aus den »Himmeln« kommt.