Japanisches Design - Wabi Sabi, Shin & Suki

  • Der Einfluss japanischer, von der Zen-Philosophie inspirierter Gestaltungsprinzipien zieht sich wie ein roter Faden durch die Produktgeschichte von Grüne Erde. Jüngstes Beispiel: die Sonder-Edition 2017.
  • Das Bett Asanoha mit Nachtkästchen
    Das Bett Asanoha mit Nachtkästchen
  • Im Zeichen des Hanfblattes

    Asanoha: Man braucht schon etwas Phantasie, um in diesem Ornament auf Anhieb Hanfblätter zu erkennen. Doch das Offensichtliche war nie Ziel japanischen Designs.
    Das regelmäßige, abstrahierte und stilisierte Hanfblatt-Muster Asanoha ist in Japan seit der Heian-Ära (794-1185) bekannt. Es wurde später in der Edo-Zeit (16. Jhdt.) durch die Auftritte eines berühmten Kabuki-Theaterschauspielers in einem Asanoha-gemusterten Kimono stark popularisiert, und in der Folge auf viele andere Alltagsgegenstände übertragen: Tapeten, Stoffe, Innenarchitektur, Raumteiler, Porzellan – und Möbel.
    Das Ornament symbolisiert gesundes, schnelles und kräftiges Wachstum – wie die Hanfpflanze selbst –, und zierte deshalb auch die Kimonos von Neugeborenen. Die Frauen von Kaufleuten trugen es, um den Geschäften ihrer Männer Glück zu bringen. Asanoha ist das in Holz gefräste bzw. in Stoff gewebte Leitmotiv unserer gleichnamigen, aus Bett, Bettkästchen und Kleiderschrank bestehenden, neuen Möbelserie. Damit interpretieren wir dieses traditionelle japanische Ornament formal und in der technischen Umsetzung neu. Auch die alpenländische Holzschnitzerei im Möbelbau erscheint damit in neuem Licht.
  • Weiße Wolken & Beat-Poeten

    • Die Asanoha-Serie ist nicht das erste – und nicht das letzte – Beispiel für den ostasiatischen Einfluss auf unser Möbeldesign. Auch die aktuelle Sonder-Edition 2017 ist davon geprägt. Von Anfang an, also seit 1983, zieht sich diese Inspiration wie ein roter Faden durch die Produktentwicklung von Grüne Erde. In unregelmäßigen zeitlichen Abständen in diesen Faden geknüpfte Knoten stehen für jene Produkte, deren kreative Keimzelle in Fernost zu verorten ist. So war unsere erste, bis heute produzierte Naturmatratze, die Weiße Wolke, von japanischen Baumwollfutons inspiriert. Und ihren Namen verdankt die Matratze den Zeilen des vermutlich im späten 7. oder 8. Jhdt. lebenden chinesischen Dichters Han-Shan: „Meinen Kopf auf eine Weiße Wolke bettend, schlafe ich ein.“
    • Han-Shan war auch ein Vorbild für die Schriftsteller der amerikanischen Beat-Generation Mitte der 1950er-Jahre. Beat-Poeten wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac fanden ihre Lebensphilosophie in den Werken Han-Shans wieder und identifizierten sich mit dessen Kritik am Establishment der spießbürgerlichen Gesellschaft.
      Und war es 1983 nicht auch der Anspruch von Grüne Erde, eine naturgerechte, sozial faire Alternative zum herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystem des bürgerlichen Establishments zu bieten? Deutlichen Einfluss auf die Produktentwicklung des damals noch jungen Unternehmens übte wohl auch das starke persönliche Interesse des Grüne Erde-Gründers Karl Kammerhofer für den Zen-Buddhismus aus.
  • Heiße Bäder & ein schneller Zug

    Ein Produkt der ersten Stunde war 1983 neben der Weißen Wolke auch jenes kleine Teetischchen, das einerseits die Bedeutung des Tees in der japanischen Zen-Philosophie reflektierte, andererseits die damit in Verbindung stehende Tradition kleiner, auf dem Boden stehender Esstische mit einklappbaren Fußgestellen (Kakeban) fortsetzte.
    Bald folgten ein Ladenschrank namens Tansu (Schrank) und das nach den traditionellen japanischen Landgasthöfen benannte Bett Ryokan. Nach dem dort üblichen heißen Bad, dem Onsen, haben wir später einen Handtuchhalter genannt, der uns so schnittig erschien wie der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. Das Betthaupt von Ryokan ist bis heute – so wie die Schiebetüren des Kleiderschrankes Baumkrone – aus eleganten, mit Stoff bespannten Holzrahmen gefertigt: ein Stilelement, das wir Anfang der 1990er-Jahre auf die Leuchten Katsura und Isamu, und vor einigen Jahren auf die Kleiderschränke Kurido (Schiebetür) und Hiraki (Flügeltür) übertrugen. Für beide bieten wir auch eine Bespannung mit Minowashi-Papier an, ein in Japan traditionelles Material für Schiebetüren, Trennwände, Raumteiler und Leuchtenschirme.

    Aber nicht immer zeigt sich der japanische Einfluss auf das Grüne Erde-Möbeldesign so deutlich wie bei Asanoha oder Ryokan. Unsichtbar gelten einige wichtige, dem Geist des Zen entsprungene Gestaltungsprinzipien für alle unsere Möbel: Schlichtheit, zurückhaltende Formgebung, Liebe zur Natur, erstklassiges Material, raffinierte Details, ausgezeichnete handwerkliche Arbeit.
    • Vom Zen bis Alvar Aalto

      Die Entwicklung jenes Stils, den wir heute als klassisch japanisch bezeichnen, reicht bis ins 8. Jhdt. zurück. Ab dem 12. Jhdt. breitete sich dann der Zen-Buddhismus in Japan langsam aus und drängte den bis dahin vorherrschenden chinesischen Einfluss endgültig zurück. Allmählich entstand ein eigener japanischer Stil, der den Geist des Zen offenbart, und sich in Einfachheit und Schönheit des Materials – Holz mit seiner natürlichen Farbe, Struktur, Maserung – ausdrückt: Ideale, die man auch in Grüne Erde-Möbeln erkennen kann.

      Die Schönheit solcher Möbel liegt stets in ihrer funktionsbestimmten Einfachheit. Sie waren und sind im Grunde genommen nichts weiter als langlebige Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Zen-geprägte Gestaltungsprinzipien drangen etwa ab den 1920er-Jahren verstärkt in den Westen vor und inspirierten maßgebliche Designer und Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius, Frank Lloyd Wright, Charles Eames oder Alvar Aalto, der viele schön-schlichte Holzmöbel gestaltete. Sie alle beeinflussten ihrerseits zahlreiche Epigonen – so wie ein ins Wasser geworfener Stein konzentrische Wellen entstehen lässt.
    • Kleiderschrank Hiraki mit Minowashi Papier
      Kleiderschrank Hiraki mit Minowashi Papier
  • Wabi Sabi, Shin & Suki

    • Grüne Erde Kleiderschrank Baumkrone
      Ein Grüne-Erde-Klassiker: der Kleiderschrank Baumkrone
    • Der klassischen japanischen Ästhetik liegen die wörtlich kaum zu übersetzenden zentralen Begriffe Wabi und Sabi zugrunde: Wabi bezeichnet die stille Schönheit, die einer natürlichen Schlichtheit und Gelassenheit innewohnt. Sabi meint die vornehme Würde, die die Dinge mit fortschreitender Zeit annehmen und den Betrachter mit Ehrfurcht erfüllen.
      In Kombination steht Wabi Sabi also für die Wertschätzung einfacher Alltagsgegenstände, die mit den Jahren die Aura ehrwürdigen Alters angenommen haben.

      In diesem Zusammenhang ist „einfach“ keineswegs mit „simpel“ gleichzusetzen. Denn meist sind die einfach scheinenden Dinge am schwersten zu gestalten. Die Japaner haben einen eigenen Begriff für von Einfachheit, Beschränkung, Natürlichkeit, Klarheit und Harmonie geprägte Dinge: Suki bezeichnet Gegenstände, deren einfache Erscheinung ihre Schönheit offenbart, nicht aber die Mühe, die in ihrer Erschaffung steckt. Suki nennt man aber auch die Liebe zu solchen Dingen, die ungekünstelt, klar und elegant sind, die Selbstbeherrschung und Selbstbeschränkung widerspiegeln, und deren Ideenwelt sich bisweilen erst auf den zweiten Blick erschließt.

      Ein weiterer wichtiger Begriff zur Verdeutlichung des auch für Grüne Erde-Möbel geltenden Ästhetikprinzips ist Shin: Er steht für alles von Menschenhand Geschaffene, dem ein Sinn für schmucklose Ordnung innewohnt, etwa eine mit Papier bespannte Schiebetür oder eine durch völlig ebenmäßige Schubladen gegliederte Schrankfront.
  • Tategu-Shokunin & die Almtaler Holztradition

    So wie Schiebetüren oder papierbespannte Rahmen nehmen im japanischen Design auch die Holzverbindungen eine Schlüsselfunktion ein, also die Art und Weise, wie die Einzelteile etwa eines Bettes, Schrankes oder Tisches miteinander verbunden sind.
    In den verblüffend schlichten, gleichzeitig raffinierten, metallfreien, wieder lösbaren Steckverbindungen unserer Möbel erkennt man Parallelen zum alten japanischen Tischlerhandwerk Tategu-Shokunin. Aber wir haben die japanischen Holzverbindungen nicht einfach kopiert, sondern ihr Prinzip à la Grüne Erde interpretiert, blickt doch das oberösterreichische Almtal, unser Ursprung und Mittelpunkt, ebenfalls auf eine jahrhundertelange Tradition der Holzverarbeitung zurück. Und bisweilen sind wir sogar noch strenger als die strengen Tischler aus dem „Land der aufgehenden Sonne“: So etwa verzichten wir auch auf Metallbeschläge und Oberflächenlackierungen.
  • Weniger ist mehr

    Vom japanischen Zen inspiriertes Design bringt Ästhetik und praktischen Nutzen auf einen Nenner. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett: Sie sollen nicht als unberührbare Meisterwerke genialer Designer im Museum erkalten, sondern warme Lebendigkeit vermitteln. Obwohl stilistisch derart geprägte Interieurs immer eine gewisse Modernität ausstrahlen, finden auch Möbel verschiedener Epochen, ja sogar Antiquitäten darin ihren Platz. Und auch eine Synthese aus Ost und West ist möglich, bei der sich das Beste aus zwei Welten zu einem harmonischen Ganzen verbindet: Nippon meets Almtal. Design-Tugenden wie ausgeprägter Sinn für Schlichtheit und Zurückhaltung, auffallend klarer, kraftvoller Stil, Reduktion auf das Wesentliche, Wertschätzung des Materials, fachgerechtes Handwerk: Im 20. Jahrhundert fasste der Architekt und Designer Ludwig Mies van der Rohe diese auch für seine Arbeit geltenden Grundsätze in drei zen-mäßig schlichten, genialen Worten zusammen: „Weniger ist mehr.“