Über eine kleine Tuchfabrik mit großer Tradition

  • Einst galt das Städtchen Tirschenreuth in der Oberpfalz, nahe der Grenze zur Tschechischen Republik, als Tuchmacherstadt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung erarbeitete sich in der Blütezeit der Stadt – um 1850 – im Textilgewerbe ihren Lebensunterhalt. Heute könnte man sagen: Von dieser Tradition ist nichts mehr übrig, wäre da nicht die Tuchfabrik der Gebrüder Mehler.
  • Naturstoffe der Tuchfabrik Mehler
    Naturstoffe der Tuchfabrik Mehler
  • Sie besteht bereits seit 1644, ist genauso lange in Familienbesitz und damit Deutschlands ältester Textilbetrieb – überhaupt gehört sie zu den 30 ältesten Industrieunternehmen des Landes. Entsprechend traditionell fühlt sich auch der Empfang in der Tuchfabrik an – alte Gemäuer, schöne schwere Balken aus Holz, an der Wand die früheren Generationen der Unternehmensleitung und ein Papstwappen. „Das“, so Paulus Mehler, „habe ich kürzlich auf dem Dachboden gefunden und gedacht, ich hänge es mal wieder hin.“
    Er führt die Geschäfte der Tuchfabrik gemeinsam mit Ludwig Mehler bereits in 11. Generation und strahlt eine tiefe Überzeugung aus für das, was er tut. Um mit uns über die Tuchmacherei, die Textilbranche, Traditionen und Unternehmertum zu reden, hat er sich sehr viel Zeit genommen – und natürlich auch, um uns die Fabrik zu zeigen.
  • Mit Herz und Haltung

    Immer wieder hat die Familie Mehler über die Jahrhunderte hinweg mit Innovationsgeist, Beständigkeit, einem guten Familiensinn, Haltung und Traditionsbewusstsein Krisen und Veränderungen in der Textilbranche gemeistert – und es waren viele.
    Unter anderen die Automatisierung und Optimierung der Arbeitsprozesse, das Aufkommen günstiger Konkurrenz im In- und Ausland und auch die Zwangsschließung im Jahr 1942 wegen Kritik am Naziregime. In jüngster Vergangenheit kann die Tuchfabrik auf viele erfolgreiche Jahre zurückblicken, wobei, so Paulus Mehler, „es schon auch einmal den Gedanken gegeben hat, das Ganze aufzulösen, aber man hat ja auch eine Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber.“
  • Tradition braucht Innovation

    Wir beginnen unseren Rundgang dort, wo die Rohware angeliefert wird und folgen den Produktionsschritten bis zum fertigen Produkt. In den Hallen erwarten uns große Maschinen, traditionell wirkt hier nur noch ein Gebäude aus roten Ziegeln. Unternehmerischer Mut und Weitsicht, geschickte Innovationen sowie kontinuierliche und konsequente Modernisierung sind die Geschichten, die hier spürbar sind und entscheidend waren für das Fortbestehen und den Erfolg. „Wir können ja nicht in Tradition untergehen“, so Paulus Mehler.

    Hinter der Tuchfabrik findet sich ein Biotop, es gibt keinen Platz mehr sich auszubreiten. „Eigentlich“, sagt Paulus Mehler, „können wir uns nur noch den eigenen Hof zubauen.“ Im Jahr 2005 wurde die hochmoderne, aber insolvente Streichgarnspinnerei in Forst/Lausitz erworben, eine gute Ergänzung und räumliche Entlastung. Dabei ist Wachstum eigentlich gar nicht das Ziel des Unternehmens. „Wir setzen auf Beständigkeit“, so Paulus Mehler, „auf gute, dauerhafte Kundenbeziehungen.“
    • Ein Betriebsgebäude der Tuchfabrik Mehler
      Ein Betriebsgebäude der Tuchfabrik Mehler
      Bei allen Innovationen und Neuerungen – die lange Tradition ist noch immer spürbar und sichtbar.
    • Weberei Tuchfabrik Mehler
      Grüne Erde Partner: die Tuchfabrik Mehler
      Durch die Verkreuzung von Längs- und Querfäden werden in der Weberei textile Flächen hergestellt.
    • Stofflager der Tuchfabrik Mehler
      Das Stofflager des Grüne Erde Partners
      Große Vielfalt, Flexibilität und schnelle Lieferung zeichnen die Tuchfabrik in Tirschenreuth aus.
  • Geringe Volumen als große Stärke

    Produktionen im großen Stil, saisonale Mode und Massenware – das ist ohnehin nicht der Markt der kleinen Tuchfabrik in Tirschenreuth. „So ein Kleidungsstück“, wundert sich Paulus Mehler, „dass muss gefertigt werden, muss transportiert werden, dann muss es in den Verkauf, jeder will daran verdienen, und dann geht es für ein paar Euro über den Tisch – ich verstehe gar nicht, wie das geht“.

    Die Stärken seines Unternehmens liegen ganz woanders: kleine Mengen in hoher Qualität zu liefern, zuverlässig und schnell. „Wir machen alles“ versichert er, „wir sind uns für nichts zu schade, nichts ist uns zu klein.“ Es sind die Nischen, die den größten Anteil am heutigen Erfolg der Tuchfabrik haben, etwa Lodenstoffe für Trachten und Uniformen, Jagdbekleidung, Ökotextilien oder auch spezielle Anfertigungen wie Felle für Tourenski, die in eine Richtung gleiten und in die andere bremsen müssen.
    • Damit der Funke nicht überspringt

      Im Hochregallager, das erst 2011 neu gebaut wurde, hält Paulus Mehler kurz inne. „Wenn man schnell spricht“, sagt er, „merkt man, dass die Luft dünner ist.“ Der Sauerstoffgehalt wird hier künstlich abgesenkt, damit ein Funke gar nicht erst entstehen kann. Unzählige Stoffe sind hier eingelagert, wo genau welcher liegt, weiß heute nur noch der Computer. Auf Wunsch lässt er sie vollautomatisch von Staplern aus dem entsprechenden Regalfach holen und bringt sie zur Übergabestelle, die Mitarbeiter selbst müssen und können den Lagerbereich gar nicht mehr betreten.
      „Früher lag hier was rum und da was rum“, erzählt Paulus Mehler, „und ständig haben alle irgendwas gesucht.“ Das moderne logistische Herzstück ist eine wichtige und notwendige Innovation für das traditionsreiche Unternehmen.
    • Die Brüder Mehler
      Grüne Erde Partner – Geschäftsführer Mehler
      Paulus und Ludwig Mehler führen seit 1998 mit großem Erfolg die Geschäfte der Tuchfabrik in Tirschenreuth.
    • Über die Nische hinaus

      Eine beständige und gute Partnerschaft der Mehler Tuchfabrik besteht auch mit Grüne Erde. Bereits seit 16 Jahren werden aus Tirschenreuth Bezugsstoffe für die Produktion von Möbeln ins Almtal geliefert. Sie erfüllen die hohen Anforderungen an Design, Qualität und Nachhaltigkeit bestens und auch in ihrer Philosophie passen beide Unternehmen gut zusammen. Auch wenn eines Tages vielleicht einmal langlebige, zeitlos schöne und nachhaltige Möbel kein Nischenprodukt mehr sein sollten, wird die Zusammenarbeit mit der Tuchfabrik in Tirschenreuth ganz sicher weitergehen.

  • Fotos: Rahim Arnold, Grüne Erde