Karl Kammerhofer: “Ich hatte zwar keine Chance, aber ich nutzte sie!”

  • Anlässlich des 30-jährigen Firmenjubiläums:
    Grüne Erde-Gründer Karl Kammerhofer im Gespräch.
  • Good Times: Anfang der 80er-Jahre haben Sie als Verkaufsingenieur bei der VOEST (Anm. d. Redaktion: die VOEST ALPINE ist ein internationaler Konzern, der Stahlprodukte fertigt) in Linz gearbeitet und waren bei der Gründung der Vorgängerpartei der Grünen engagiert. War das ein Widerspruch?

    Karl Kammerhofer: Ich habe in der VOEST den Lebensunterhalt für meine Familie verdient, wollte aber aus politischen und ökologischen Gründen von der VOEST weg. Ich bin ein leidenschaftlicher Marketing-Mensch und wollte den Beweis erbringen, dass es möglich ist, mit den richtigen Methoden qualitativ hochwertige, ökologische Produkte zu erzeugen – als Art Gegenbeweis zum schrumpeligen Bio-Apfel. Damals führte ich parallel zur VOEST mit Freunden einen alternativen Buchversand mit einer dazugehörigen Zeitschrift: „Die Zeitung für Zweitbuchbesitzer“. Wir machten mit diesem Buchversand zwar erhebliche Verluste, schufen aber gleichzeitig einen Kundenstock von 7.000 Zeitschriften- Abonnenten.
    Ein Freund, Reinhold Kudris, hat sich damals mit dem aktiven Träumen befasst und dazu eine Futonmatratze entwickelt. Zugleich hat er sich mit Sonnenfleckenforschung befasst. Eines Tages fragte er mich, ob ich seine Futons gegen Provision produzieren könnte, da die Sonnenfleckenforschung für ihn zu zeitintensiv wurde. Das war für meine Frau Gabriela und mich eine wunderbare Option. Wir haben damals mit unseren zwei Kindern sowohl in Linz als auch in einem ganz kleinen Haus in Scharnstein gelebt. Wir hatten zwar kein Geld, aber die innere Bereitschaft, neue wirtschaftliche Wege zu beschreiten.

    GT: Welche Ambitionen steckten hinter der Gründung der Grünen Erde?

    KK: Wir waren beseelt von der Aufgabe, neue libertäre, anarchistische Wege des Wirtschaftens und der Mitarbeiterführung zu entwickeln. Wir haben den 7.000 Kunden des alternativen Buchladens ein handgeschriebenes, dann gedrucktes A3-Blatt geschickt mit dem Hinweis, dass wir mit der Produktion einer Naturmatratze namens „Weiße Wolke“ beginnen können, wenn wir entsprechende Aufträge mit Vorauszahlung erhalten. Das Echo war überwältigend. Wir bekamen sofort 250.000 Schilling an Aufträgen und konnten somit loslegen. Die Vorauszahlungen waren auch die Voraussetzung unseres Wachstums. Im ersten Jahr hatten wir einen Umsatz von einigen 100.000 Schilling, im zweiten schon ein paar Millionen, nach 10 Jahren 100 Millionen und eine breite Produktpalette von weit über tausend Positionen mit rund hundert MitarbeiterInnen. Das waren natürlich aberwitzige Zuwachsraten.

    GT: Wie würden Sie Ihre tiefste Überzeugung definieren?

    KK: Das sage ich mit George Orwell: „Das größte Glück für die größte Anzahl.“ Ich schließe da Tiere und Pflanzen mit ein, das entspricht meinem holistischen Weltbild.

    GT: Wie weit haben Sie sich durch diese 10 Jahre Grüne Erde Ihrer Vision von einem besseren Leben für alle Menschen angenähert?

    KK: Ich habe den Nachweis erbracht, dass es möglich ist, ökologische Produkte sinnvoll zu vermarkten. Ich konnte Arbeitsplätze mit einem entsprechenden Arbeitsklima schaffen und eine Produktion mit ökologischen Grundmaterialien aufbauen. Nur neue kooperative Formen des Zusammenarbeitens – mit Mitarbeitern und Lieferanten – zu finden, habe ich nicht geschafft.

    GT: Sind Sie stolz, dass Sie die Grüne Erde gegründet haben?

    KK: Stolz ist da nicht wirklich die passende Kategorie – ich bin froh.

    GT: Was waren Ihre schönsten Momente bei der Grünen Erde?

    KK: Die Reaktion meiner Kunden – das war im weitesten Sinn wie eine große, wechselseitige Liebeserklärung.

    GT: Wenn Sie heute die Grüne Erde sehen, was denken Sie?

    KK: Ich finde das Image sehr gut. Es hat sich der Zeit angepasst und die Produkte sind begehrenswert. Auch wenn sie den Ruf haben, zu teuer zu sein. Ich kenne die Kalkulation, ich weiß, dass es keine großen Spannen gibt.

    GT: Was ist Ihr Lieblingsprodukt von Grüne Erde?

    KK: Das Lavendelkissen (lächelt). Das war eines der ersten Produkte. Damals ist bei der Matratzenfertigung einiges an Stoffverschnitt übrig geblieben, daher haben wir beschlossen, etwas daraus zu nähen. So etwas mochte ich immer schon: Ich habe einen Nachteil und nütze diesen als Vorteil.

    GT: Mit einem selbst gegründeten Unternehmen ist man emotional stark verbunden. Fällt es da schwer, loszulassen?

    KK: Nein, generell nicht. Da bin ich Buddhist: Das Festhalten ist ein Verursacher von Leiden. Ich hatte nach zehn Jahren Grüne Erde angefangen, mich selbst zu kopieren und war nicht mehr authentisch. Es war einfach an der Zeit, wieder etwas Neues anzufangen.

    GT: War Ihnen wichtig, was danach mit der Firma passiert?

    KK: Ja sehr. Ich hatte die Möglichkeit, das Unternehmen an einen Großindustriellen zu verkaufen. Ich hätte die Grüne Erde also deutlich teurer verkaufen können. Mir war es aber lieber, dass die Firma so weitergeführt wird, wie ich das wollte.

    GT: Wie ökologisch sind Sie privat? Sind Sie einer, der den Alu-Deckel vom Joghurtbecher getrennt wegwirft?

    KK: Ich mache normale Mülltrennung und achte beim Einkauf auf Müllvermeidung, aus praktischen Gründen – damit ich nicht zu viel zu entsorgen habe. Früher war ich noch bewusster, was Ernährung anbelangt. Wir haben uns makrobiotisch ernährt, bis mein Sohn im Alter von drei Jahren zu den Nachbarn gegangen ist, um ein Blatt Wurst zu erbetteln. Dabei war er ein schüchternes Kind. Da haben meine Frau und ich gewusst: Wir haben einen Fehler gemacht und wurden offener.

    GT: Was tun Sie aktuell, um die Welt zu retten?

    KK: Das tue ich nicht und habe ich auch nie getan. Ich bin Buddhist – ich möchte Handlungen setzen, die gut für mich sind und gut für die anderen.