Reinhard Kepplinger: “Frei sein und sich in den Spiegel schauen können.”

  • “Frei sein und sich in den Spiegel schauen können.”
  • Ein Gespräch mit Grüne Erde-Geschäftsführer Reinhard Kepplinger zum 30-jährigen Jubiläum des Unternehmens.

    Das Gefühl von Freiheit kann man sogar im Arbeitszimmer des neu umgebauten Hauses von Reinhard Kepplinger am Ufer des Traunsees spüren. Imposante Raumdimensionen, moderne, reduzierte Gestaltung mit ausgewähltem Mobiliar von der Grünen Erde, ein Pianino und eine riesige grüne Pflanze geben viel Raum zum Denken. Nur der rote Kniestuhl vor dem Schreibtisch verrät den „Alternativling“ der frühen 80er-Jahre.

  • Good Times: Sie haben Anfang der 80er-Jahre BWL in Linz studiert. Wie hat sich die Zeit damals für Sie angefühlt?

    Reinhard Kepplinger: Da war ein immenses Freiheitsgefühl auf der Uni, man konnte plötzlich über alles diskutieren. Der Respekt vor formalen Autoritäten aus der Nachkriegszeit war weg, das hat mich fasziniert, weil ich sehr konservativ in einer Kleinstadt aufgewachsen bin. Es wurden völlig neue Ansätze diskutiert, die mich beeindruckt haben. Neben Themen wie Glücksforschung, Wachstumskritik und der ökologischen Problematik entstand ein großes Bedürfnis, auch das eigene Leben zu verändern. Freier zu leben, unabhängiger, aber auch sinnvoller und mehr im Einklang mit der Natur. Damals ist der ökologische Landbau aufgekommen, und ich habe selbst einige Hügelbeete angelegt (lacht), was damals für junge Alternativlinge Kult war. Meine Hügelbeete sind aber meist daran gescheitert, dass ich im Sommer gerne einen Monat weggefahren bin. Das hat das beste Hügelbeet nicht ausgehalten.

    GT: Ging das in Richtung Selbstversorgung?

    RK: Ja. Karl Kammerhofer (Anm.: der Gründer der Grünen Erde) führte damals eine alternative Buchhandlung in Linz. Neben vielen theoretischen Schriften gab es dort auch Handbücher für Selbstversorger. Von „Vom Leben auf dem Lande“, über das Einkochen von Marmelade bis hin zu Bauanleitungen für Hügelbeete. Man wollte selbst unbedingt etwas anderes machen. Bloß nicht in die Fußstapfen der Eltern treten, mit ihren strengen Hierarchien und dem Fokus auf Wohlstand. Für uns ging es um die nächste Stufe in der Bedürfnispyramide, um Selbstverwirklichung und Glück im weitesten Sinn – auch die Arbeit musste sinnvoll sein.

    GT: Die Grüne Erde wurde 1983 von Karl Kammerhofer gegründet, Sie waren fast von Anfang an dabei. Wie passte dieses Lebensgefühl zur Gründung der Firma?

    RK: Ich habe damals mit Kuno Haas (Anm.: Miteigentümer der Grünen Erde) in einer WG gelebt und mit ihm studiert. Wir hatten immer schon den Traum, irgendetwas gemeinsam zu machen. Eine dieser Ideen war, im oberösterreichischen Mühlviertel einen Bauernhof zu pachten, dort als Selbstversorger zu leben und Seminare anzubieten. Gleichzeitig haben wir uns auch politisch engagiert und waren bei der Gründung der ersten grünen Partei, der „Alternativen Liste Österreichs“ dabei. Damals hat jeder aus den gleichen Beweggründen heraus versucht, etwas für sich umzusetzen. Karl Kammerhofer fand seinen Weg 1983 mit der Grünen Erde. Ich wollte nach dem BWL-Studium weder zu Unilever noch zu BMW oder zu Procter, weil mir die Sinnhaftigkeit dabei fehlte. So wollte ich nicht leben.

    GT: Was war Ihnen das Wichtigste im Zusammenhang mit Ihrer beruflichen Tätigkeit?

    RK: Für mich gab es zwei Gründe, bei einer Firma wie der Grünen Erde zu arbeiten. Der erste ist sehr egoistisch: der immense Wunsch nach Freiheit. Ich wollte nie ein „Angestellter“ sein und mir meinen Tagesablauf vorschreiben lassen. Ich wollte nicht wie mein Vater jeden Tag mit Anzug und Krawatte von 8 bis 18 Uhr in die Arbeit gehen. Ich wollte so arbeiten, wie ich es für richtig finde. Der zweite Grund: Es war mir wichtig, in einer Firma zu arbeiten, die ökologisch und sozial fair ist. Ich bin froh, dass ich mich jeden Tag in den Spiegel schauen kann, und mir nicht vorwerfen muss, was aus mir geworden ist. Die Grüne Erde ist ein wirklich tolles Unternehmen und ich bin froh, dass ich dazu meinen Beitrag leisten kann –wohlgemerkt neben den 370 Mitarbeitern.

    GT: Was beschäftigt Sie aktuell außerhalb der Grünen Erde?

    RK: Mich beschüftigt sehr viel: Politik, die soziale Situation und die ökologische Problematik. Aber nicht in dem Sinn, dass ich politisch aktiv bin. Ich kümmere mich neben der Grünen Erde darum, meine beiden Söhne durch das Schulsystem zu begleiten, was gar nicht so einfach ist. Wer mich kennt, der weiß, dass ich kein Workaholic bin. Ich bin auch gerne ein „Brodler“, der Zeit für sich selbst braucht und auch gerne mal nichts tut, segelt, oder auf einen Berg geht.

    GT: Wir haben eingangs über Selbstversorger, Hügelbeete, und „vom Leben auf dem Land“ gesprochen. War das damals cool?

    RK: Ja! Aber das Wort „cool“ hat es nicht gegeben. Es war damals „klass“ oder „lässig“ (lacht). Man wollte zu dieser Gruppe dazugehören, das war Zeitgeist. Wir waren die Alternativos mit Latzhosen und Landschaftspullovern, die Frauen in indischen Spiegelkleidern. Es gab auch bürgerliche Vespa-Fahrer, die fanden uns wiederum uncool. Aber innerhalb unserer Subkultur war es cool: Wow!, der lebt jetzt auf einem Bauernhof. Auch das hat sich auf jeden Fall verändert, ich möchte heute nicht mehr auf einem Bauernhof leben, das stelle ich mir nicht mehr so cool und schon gar nicht so einfach vor.

    GT: Ihr ältester Sohn ist knapp 20. Können Sie Ihre Aufbruchsstimmung damals mit den heutigen jungen Menschen vergleichen?

    RK: Die jungen Menschen leben heute in einer völlig anderen Welt. Sie sind aus meiner Sicht viel realistischer und sehen die Welt eher so, wie sie ist und was man daraus machen kann. Wir hingegen haben die Welt so gesehen, wie sie hätte sein sollen. Heute sind die Jungen in einer Art und Weise grün, die es bei uns nicht gegeben hat, und das mit mehr Selbstverständlichkeit. Ökologischer sind sie also bestimmt, sie wissen auch viel mehr über Ernährung, Technologie und die sozialen Zusammenhänge.

    GT: Was ist Ihnen heutzutage im Leben wichtig?

    RK: Mir persönlich gehen meine Familie, meine Frau und meine Kinder über alles. Danach kommt immer noch das gleiche wie früher: Freiheit, Unabhängigkeit, sich in den Spiegel schauen können, und nicht käuflich oder bestechlich sein, also Nein sagen zu können.

    GT: Wie grün sind Sie privat? Sind Sie einer, der den Alu- Deckel vom Joghurtbecher getrennt wegwirft?

    RK: Ich bin da, wie wahrscheinlich jeder denkende Grüne, ein wenig schizophren. Ich trenne Alu-Deckel und Joghurtbecher, gehe bewusst einkaufen, mache gleichzeitig aber von Zeit zu Zeit eine Fernreise und lebe gerne gut. Gutes Leben heißt im Sinne von „gern in Wohlstand leben“ leider auch, einen relativ großen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen.

    GT: Und hat sich das im Vergleich zu vor 30 Jahren verändert?

    RK: Ja, vor 30 Jahren musste man sich für ein ökologisch gutes Gewissen mehr plagen. Es war noch nicht so einfach, ökologische Lebensmittel zu bekommen, oder andere Dinge ökologisch zu erledigen. Ich habe mich auch verändert, denn heute erkenne ich diese Schizophrenie. Damals war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich, so wie ich lebe, alles richtig mache. Dieser Mangel an Selbstzweifel hat nachgelassen (lacht).

    GT: 30 Jahre Grüne Erde – was waren Ihre schönsten Momente?

    RK: Das waren stolze Augenblicke wie etwa der erste „Katalog des Jahres“ im deutschen Versandhandel oder der Verleih des „Trigos“-Preises (Anm.: Preis für „Unternehmen mit Verantwortung“) in Österreich. Und gewisse Momente in der Produktentwicklung. Der Punkt, an dem ein Produkt einfach passt, und es danach im besten Fall auch noch erfolgreich wird.

    GT: … und Ihre schlimmsten Momente?

    RK: Wenn man jemanden entlassen muss. Zum Glück musste ich das in 28 Jahren nur selten machen, weil ich mich davor gerne gedrückt habe. Da weiß man, dass man den Mitarbeiter verletzt.

    GT: Was macht Sie beruflich stolz?

    RK: Wenn ich höre: Du arbeitest bei der Grünen Erde? Was für eine tolle Firma! Wenn ich euphorische Kundenrückmeldungen lese, oder ein Bergführer in der südlichen Schweiz beim Essen von seiner Weißen Wolke schwärmt. Mir ist die Größe der Grünen Erde oft nur in Zahlen bewusst: 370 Mitarbeiter, 200.000 aktive Kunden, 16 Stores. Die Momente, in denen diese Dimension greifbar wird, beeindrucken mich und machen mich stolz.

    GT: Welche Pläne haben Sie mit der Grünen Erde?

    RK: In den letzten zwei bis drei Jahren wurde mir klar, wie wichtig es ist, von Banken unabhängiger zu werden. Einen ersten wichtigen Schritt haben wir mit dem Test eines Bürgerbeteiligungsmodells gesetzt. Das war ein sensationeller Erfolg und daran können wir zum Glück weiterarbeiten. Damit das Beteiligungsmodell gelingt, und wir die investieren den Kunden nicht enttäuschen, müssen wir noch profitabler werden. Ganz einfach gesprochen mehr Geld verdienen, damit wir die Investitionen selber stemmen können und nicht von Banken abhängig sind.