Ökologisch leben

  • ... aber ich komme so selten dazu - Über den Anspruch, ökologisch korrekt leben zu wollen und ein besserer Mensch zu werden.
  • “Wir wären gut anstatt so roh, doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.”
    Bert Brecht in der "Dreigroschenoper
  • Dieses Gefühl kennt wohl jeder von uns, der ernsthaft versucht, ökologisch möglichst korrekt zu leben – und dabei gegen die "Verhältnisse“ ankämpft, zu denen auch und nicht zuletzt der innere Schweinehund zählt, der niemals schläft.

    Ist das überhaupt zu schaffen: ökologisch korrekt zu leben? Soll man verzichten – auf Fernreisen, auf Billigkleidung, aufs Autofahren? Soll man Kompensation leisten – für Interkontinentalflüge? Ist ein ökologisches Leben ein Luxusprojekt für Wohlhabende? Was tun sozial Schwache? Wenn man sich nicht alles gleichzeitig leisten kann – Bio-Kleidung, Öko-Möbel, Bio-Lebensmittel – soll man selektionieren? Wenn ja, wie entscheidet man sich?
  • Es gibt kein Zurück mehr

    Gibt man "ökologisch korrekt leben“ in eine bekannte Online-Suchmaschine ein, bekommt man 376.000 Treffer. Es gibt zig Ratgeber – etwa "100 Punkte Tag für Tag“ von Thomas Weber – und unzählige praktische Beispiele: mehr Bio-Lebensmittel und T-Shirts aus Öko-Baumwolle kaufen, weniger Fleisch essen, sein Geld "ethischen“ und "grünen“ Banken und Versicherungen anvertrauen, die ihre Gewinne in Umwelt- und Sozialprojekte investieren.

    Oder: Wegwerfwindeln durch waschbare ersetzen, seltener fliegen, kurze Strecken mit dem Fahrrad fahren statt mit dem Auto, längere Strecken mit der Bahn, ein E-Bike statt einem Mofa benutzen, auf Öko-Strom umsteigen, sich ein "sauberes“ Mobiltelefon zulegen, sein Haus aus Holz bauen und mit Stroh dämmen, mit Sonnenenergie heizen ...

    Es gibt Hunderte von Möglichkeiten, ein für die Umwelt erträglicherer Mensch zu werden, aber, schreibt die Journalistin Annabel Wahba über ihren Selbstversuch, ein Jahr lang ökologisch korrekt zu leben (ZEIT online, 24.1.2013):
  • “Wenn man einmal angefangen hat mit dem ethisch korrekten Leben, gibt es kein Zurück mehr. Es ist, als habe man eine Parallelwelt der Gutmenschen betreten, in der hinter jeder Tür, die man öffnet, eine weitere liegt.”
    Journalistin Annabel Wahba
  • Schluss mit Ausreden

    Wahba nennt ein krasses, aber gar nicht so abwegiges Beispiel: "Das Telefon läutet und stellt mich vor die nächste Entscheidung: Darf ich eine Einladung zum Essen in ein ökologisches Wirtshaus annehmen, wenn ich dazu in ein Auto einsteigen muss? Ich finde: nein. Und sage ab.“ Wer sonst von uns wäre wirklich so konsequent? Hand hoch!

    Wie man es auch dreht und wendet, eine wichtige grundlegende Erkenntnis dabei ist: Für ein (ökologisch) besseres Leben muss man den geschützten Bereich der Bequemlichkeit verlassen, seinen Hintern hochbekommen von der Couch der Ausreden. Man muss aufhören, den Establishment Blues zu singen, aufhören, auf hohem Niveau zu jammern. Damit rechnen, dass hinter einer Gehirnwindung auch das verpönte Wort "selektiver Verzicht“ lauern könnte, sobald man tiefer in sich hineinhört.
  • Jeder kleine Schritt zählt

    Ökologische Korrektheit am Beispiel Ernährung und Lebensmittel: "Verbringe zwei geschlagene Stunden im Bio-Supermarkt, weil ich jeden Artikel auf ökologische Gesichtspunkte und Zutaten überprüfe – und bin anschließend noch verwirrter als zuvor“, schreibt Violetta Simon in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel "Ökologisch korrekte Ernährung. Versuch, eine weiße Weste zu kaufen“ (Süddeutsche online, 5.3.2014).

    Was also tun? Kommt die Bio-Ananas nur mit viel Kerosin zu uns, sollten wir dann vielleicht besser konventionelle Äpfel aus der Region essen?

    "Am besten wählt man sich zunächst einen Leitstern aus, also einen Aspekt, der am wichtigsten ist. Vielen zum Beispiel ist Bio sympathisch, sie haben aber Bedenken, wenn die Produkte in Plastik verpackt sind oder von weit her kommen. Aber man darf da auch mal gnädig mit sich sein. Natürlich ist es ideal, wenn ich beim Bio-Bauern um die Ecke kaufe, was gerade Saison hat, aber das ist nicht für alle machbar. Der Mittelweg ist besser, als wenn die Verbraucher es vor lauter Überforderung ganz lassen. Jeder kleine Schritt zählt“, meint dazu Britta Klein vom aid infodienst Ernährung, Landwirtschaft Verbraucherschutz e. V. (Süddeutsche online).
  • Der Autokauf hat den größten Einfluss

    Großen Einfluss auf den persönlichen ökologischen Fußabdruck hat die individuelle Mobilität. Vor kurzem sagte der ehemalige kalifornische Umweltminister James Strock in Zusammenhang mit dem Abgas-Skandal bei Volkswagen und die heftige Reaktion darauf in den USA etwas sehr Interessantes:
  • “Die gesamten Marketingaktivitäten (von VW, Anm. d. Red.) beim Diesel waren darauf ausgelegt, wie sauber er ist. Das war ein großer Teil ihres Werbeversprechens ... Aus Sicht des US-Verbrauchers ist es ja so: Den größten Einfluss, den er auf die Umwelt im täglichen Leben hat, ist der Autokauf. Diese Verbraucher wurden von Volkswagen betrogen.”
    Umweltminister James Strock, DIE ZEIT Nr. 39. vom 15.9.2016)
  • Wenn sich aber nun sogar der als sauber gepriesene Diesel als schmutzig erweist: Was bleibt dann, wenn man, wie die meisten von uns, auf das Auto nicht vollkommen verzichten kann oder will? Eine Möglichkeit ist das Elektroauto. Es gibt zwar schon für den Durchschnittsbürger leistbare Elektro-Kleinwägen (ab ca. € 20.000; zwei solcher Modelle sind bei Grüne Erde in Betrieb), doch relativ geringe Reichweiten, noch nicht flächendeckende Möglichkeiten des Stromtankens und im Vergleich zu konventionell angetriebenen Autos höhere Kaufpreise stehen einer weiten Verbreitung von E-Mobilen noch im Weg. Derzeit beträgt ihr Anteil in Deutschland und Österreich zwischen 0,5 und 1 %. Fazit: Wer E-Auto fährt, handelt ökologisch korrekt, muss aber auch objektive "Nachteile“ in Kauf nehmen. Der innere Schweinehund meldet sich mit leisem Knurren.
  • Kompensation leisten

    Wie weit soll man also gehen mit dem ökologisch korrekten Leben? Den Wochenend-Trip nach London oder Lissabon absagen, weil das Fliegen schlecht ist für die persönlichen Öko-Bilanz? Natürlich ist es für die Umwelt besser, weniger zu fliegen. Aber wenn doch, können Passagiere das Prinzip der Kompensation nutzen, um ihre persönliche CO2-Bilanz aufzubessern. Bei Organisationen wie atmosfair.de kann man nach Buchung eines Fluges Geld einzahlen. Die Beiträge werden verwendet, um erneuerbare Energien auszubauen und Klimaschutzprojekte zu unterstützen. Solche Organisationen wollen CO2 insgesamt einsparen, betonen aber gleichzeitig, dass Kompensation nur die zweitbeste Lösung ist – nach dem Vermeiden.
  • Strengere Maßstäbe für Öko-Produkte

    Oft sind Produkte, die ein gutes Gewissen versprechen, teurer als konventionell erzeugte. Warum?
  • “Bei bestimmten Grundnahrungsmitteln bestehen eher geringe Preisunterschiede zwischen konventionellen und Bio-Produkten, etwa bei Nudeln, Kartoffeln, Karotten oder Milch. Wir haben vor einiger Zeit die Preise von Lebensmitteln aus 85 Tests ausgewertet und dabei festgestellt, dass Bio-Lebensmittel im Schnitt 30 bis 50 % teurer waren als die konventionelle Konkurrenz. Vor allem Bio-Fleisch kostete deutlich mehr. Der höhere Preis ist die Folge einer aufwendigeren Produktion. Die Bio-Hersteller verzichten etwa in der Landwirtschaft auf chemisch-synthetisch hergestellte Pestizide und mineralischen Kunststoffdünger.

    Gentechnik ist tabu und bei der Verarbeitung von Lebensmitteln müssen die Produzenten von Bio-Lebensmitteln mit weniger Zusatzstoffen auskommen. Es gibt aber auch Preisunterschiede zwischen Bio-Produkten, die nur das EU-Bio-Siegel tragen, und solchen, auf denen zusätzlich noch das Siegel eines Anbauverbandes wie Demeter oder Bioland ist. Die Hersteller unterliegen dann strengeren Maßstäben, was die Produktion zum Teil teurer macht.”
    Ina Bockholt von der Stiftung Warentest, Süddeutsche online
  • Im Prinzip gilt das Gleiche für alle ökologisch korrekt und sozial fair gefertigten Produkte, wie etwa Bekleidung, Heimtextilien, Möbel, Matratzen etc. Und, nach wie vor ein unhaltbarer Zustand: Konventionell hergestellte Produkte sind (auch) deshalb billiger, weil in ihren Preisen die wahren ökologischen und sozialen Folgekosten nicht einkalkuliert sind.
  • Kleine Schritte, keine Revolution

    Eines ist klar: Den Big Bang oder die allein selig machende Golden Rule für ein ökologisch korrektes Leben gibt es nicht. Und: Ein durch und durch ökologisch korrektes Leben ist praktisch unmöglich. An einer derart hoch gelegten Latte kann man nur scheitern, weshalb man sich realistische, tatsächlich erreichbare Ziele stecken sollte, um nicht vor der Unerreichbarkeit des ganz ganz großen Ziels zu kapitulieren. Man kennt das Problem aus der Sozialwissenschaft: Haben Menschen das Gefühl, eine wichtige, sozial erwünschte Norm sei praktisch unerreichbar, sind sie ratlos, wissen nicht weiter, geben auf.

    In Bezug auf ökologisch und ethisch korrekt gilt: Das große Ziel wird in ganz kleinen Schritten erreicht, nicht durch Revolution. Und es sind tatsächlich viele kleine Schritte notwendig auf dem Weg zu einem Ideal, das wahrscheinlich nie zu 100 % erreicht werden kann. Es gilt, Prioritäten zu setzen, im Kleinen zu beginnen. Und es ist wichtig, sich einzugestehen: Man ist zur Inkonsequenz verurteilt. Zu Kompromissen gezwungen. Auf den Mittelweg angewiesen. Aber der ist viel besser, als sich gar nicht zu bewegen.

    Ja, zwischen persönlichem Wohlbefinden und ökologischem Wohlverhalten liegt oft ein schmaler Grat, auf dem man balanciert. Denn: Ökologisch korrekt leben möchte wohl jeder, aber wie schon der österreichische Dramatiker Ödön von Horváth so treffend sagte: "Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“
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