• Foto: Rahim Arnold
  • Umdenken statt nachbessern



  • Ein gemeinsames Ziel erreicht man am besten, indem man Lösungen und Wege aufzeigt, Sorgen und Ängste nimmt, Engagement anerkennt, sich traut in Visionen zu denken, Potenziale ausschöpft und andere begeistert. Für den Klima- und Umweltschutz bedeutet das: Wir brauchen einen Kulturwandel!



    • Die einen halten den Klimawandel für die größte Herausforderung unserer Zeit, die anderen halten ihn für eine Lüge. Die beiden Lager teilt aber vielleicht gar nicht in erster Linie die Frage, ob sich die Erde nun wirklich erwärmt oder nicht, sondern vielmehr eine grundsätzliche Bereitschaft, am eigenen Lebensstil etwas zu verändern – oder eben nicht. Denn, was uns der Klimawandel unmissverständlich sagt, ist: So können wir nicht weitermachen. Aber was heißt das in der Konsequenz? Ein Verlust an Lebensqualität? Höhere Benzinpreise? Weniger reisen? Kürzertreten? Verzichten? Einschränken?
    • Als Gesellschaft ein ökologisches, sinnhaftes Leben zu führen – und das ist das Ziel, an dem wir arbeiten sollten – ist etwas Erstrebenswertes, Wunderbares, Bereicherndes. Wir sollten größer, lauter und mutiger denken, Chancen und Möglichkeiten erkennen und nutzen, Dinge entschlossen und ganzheitlich angehen, uns nicht damit zufriedengeben, für eineschlechte Lösung eine etwas weniger schlechte Lösung zu finden. Wir sollten nicht bloß „nachbessern“, sondern umdenken. Und je konsequenter und vorausschauender wir umdenken und uns auf echte Veränderungen einlassen, desto mehr werden wir feststellen, wie viel Lebensqualität wir dadurch gewinnen, zum Beispiel durch intelligenten Individualverkehr, flächendeckende Verpackungslösungen oder bewusste Ernährung.

    • Neue Autos, alte Probleme

      Beim Abwägen zwischen persönlicher Freiheit und ökologischem Verhalten ist der Individualverkehr immer ein sensibles Thema. Zunehmend nachdrücklich werden Elektroautos und Wasserstoff- Lkws als zukunftsfähige, vermeintlich klimaneutrale Lösungen angepriesen. Kaufprämien und Steuererleichterungen machen es attraktiv, das aktuelle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor durch ein Elektroauto zu ersetzen – leiser, ein bisschen komfortabler, nicht selten auch ein wenig größer, bequemer zum Einsteigen und natürlich umweltfreundlicher!

      Aber müssen diese Autos nicht trotzdem mit großem Aufwand produziert werden? Stehen sie nicht trotzdem auf versiegelten Flächen, verstopfen die Straßen, verparken Radwege, Gehsteige, Feuerwehrzufahrten? Und sind sie nicht trotzdem am Ende Schrott, der – insbesondere die Batterien – aufwendig wiederverwertet und aufbereitet werden muss? Der Lebensraum, den wir uns durch unsere Autos nehmen, wird immer größer. Die Dichte an Fahrzeugen pro Einwohner wächst stetig. In der Euro-Zone lag sie bei den Pkws im Jahr 2015 bei etwa 480 Kraftfahrzeugen pro 1.000 Einwohner! Ein Golf, ein „Volkswagen“, war 1974 einen halben Meter kürzer, als er das heute ist! Und in wirtschaftlich aufstrebenden Ländern fängt die individuelle Mobilität gerade erst an, sich zu entwickeln. In China kamen 2015 auf 1.000 Einwohner nur ca. 70 Pkws, in Indien sogar nur wenig über 20 Pkws. Eine bedenkliche Vorstellung, dass diese bevölkerungsreichen Länder sich dem europäischen Niveau angleichen werden!
      Und dennoch könnte Autofahren sogar noch attraktiver werden. Mitte 2021 sollen in Deutschland die rechtlichen Grundlagen geschaffen werden, dass ein Fahrzeug, zumindest auf der Autobahn und bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h, eigenständig fahren darf – also im Stau oder bei zähfließendem Verkehr. Eine Entwicklung, die erst am Anfang steht. Perspektivisch könnte das bedeuten, man fährt mit dem eigenen Pkw vor der Haustüre los, auf der Autobahn übernimmt die Technik das Steuer, man selbst liest, arbeitet, schläft. Der Verkehr mit selbstfahrenden, miteinander vernetzten Autos führt voraussichtlich sogar zu weniger Staus auf den Autobahnen. Der nächste Schritt – wenn wir technisch und rechtlich soweit sind – wäre dann, dass man direkt am Zielort aussteigen kann und das Fahrzeug parkt selbständig. Klingt verlockend, und kombiniert die Vorteile des Individualverkehrs mit den Annehmlichkeiten des Zugfahrens. Aber gerade mit dieser Perspektive vor Augen sollten wir uns langsam von dem Gedanken verabschieden, unbedingt unser eigenes Fahrzeug zu brauchen.

    • Von meinem Auto zu unseren Autos

      Die ursprüngliche Idee des Autos ist, bequem und schnell von A nach B zu kommen. Heute spielen auch Status und Prestige tragende Rollen – was sich als Hindernis auf dem Weg zu besseren ökologischen Lösungen erweist. Denn Flexibilität und Freiheit lassen sich mit innovativen Technologien und Ansätzen besser verwirklichen, als Milliarden von Menschen mit einem eigenen, tonnenschweren Gefährt auszustatten.
      In den USA und in Europa werden private Pkws im Schnitt zwischen ein und zwei Stunden am Tag bewegt, den Rest der Zeit stehen sie herum. Viele landen mit viel zu niedriger Laufleistung auf dem Schrottplatz, die für Herstellung und Auslieferung eingesetzten Ressourcen werden bei weitem nicht ausgeschöpft. Wenn wir als Gesellschaft anfangen, uns die Fahrzeuge zu teilen – so wie wir uns auch Tische in Restaurants, Einkaufswägen, Hotelzimmer oder Sportplätze teilen – könnte sich die Zahl der Fahrzeuge signifikant verringern – dennoch hätte jeder bei Bedarf ein passendes Gefährt zur Verfügung.
      Funktionieren kann das nur im größeren Stil, mit vielen Pkws in einem gut vernetzten System – eine intelligente App, die nicht nur alle Fahrzeuge aufzeigt, sondern sogar alle Möglichkeiten, ans Ziel zu kommen – auch Leihfahrräder oder öffentliche Verkehrsmittel. Zugegeben, vielleicht muss man in der Übergangszeit hin und wieder ein paar Minuten laufen – das ist jedoch gesünder und weniger aufregend, als ständig nach einem Parkplatz zu suchen.

      Bei allen Hürden, flächendeckendes Carsharing zu etablieren – es lohnt sich, und die Vorteile liegen auf der Hand: Man kann sich spontan ein Auto nehmen, da wo man gerade ist, und man kann es irgendwo stehen lassen, wenn man es nicht mehr braucht. Man findet wieder leichter Parkplätze, weil es weniger Autos gibt – Fußgänger haben wieder mehr Platz und Fahrradfahren wird attraktiver, da auf freigewordenen Parkflächen E-Bikes ohne Furcht vor Hundeleinen oder sich öffnenden Autotüren zügig dahinsurren könnten. Man muss sich nicht um Wartung und Reinigung kümmern, und letztlich verfügt man nicht nur über das immer gleiche, eigene Auto, sondern man nimmt sich für den Umzug einen Bus, fährt sportlich oder mit offenem Verdeck in die Berge oder mit vielen Sitzplätzen zum Auswärtsspiel.

    • Foto: Rahim Arnold
    • Mobilität braucht Visionen

      Spätestens wenn man anfängt, visionär zu denken, wird es richtig interessant. Denn irgendwann bewegen sich Autos fahrerlos durch die Städte. Wir gehen nicht mehr zum Auto – das Auto kommt zu uns – per App bestellt, in Größe und Ausstattung so, wie man es braucht: mit Kindersitzen und großem Kofferraum, oder lieber klein und wendig, mit bequemen Schlafsitzen, oder mit Konferenztisch, weil man mit den Kollegen unterwegs noch einen Termin vorbereiten möchte.

      Auch die Autohersteller hätten in einem gesunden Wettbewerb eine Zukunftsperspektive – nicht mehr als Verkäufer von Autos, sondern als Anbieter von intelligenten Mobilitätsdienstleistungen: Man bucht bestimmte Fahrzeuge für bestimmte Zwecke – weil man sich unterwegs die neuesten Kinofilme ansehen kann, weil man die Möglichkeit hat sich hinzulegen, weil man Einkäufe gleich mitbestellen kann, weil es einen Kühlschrank gibt, weil es günstiger, sauberer oder leiser ist. Nachts, wenn die Straßen leerer sind, könnten diese Fahrzeuge in großen Anhängern Waren transportieren und so noch effizienter ausgelastet werden. Sie müssen die Strecken auch gar nicht ohne Ladung zurückfahren, denn bestimmt braucht sie dort, wo sie hin sollen, auch jemand. Mit einigen Millionen Kilometern auf dem Tacho endet dann eines Tages ein Autoleben, ausgefüllter, sinnvoller, ohne tagelanges Herumstehen. Einiges mag noch in ferner Zukunft liegen, aber es hilft, eine Idee zu haben, wo es hingehen könnte. Mit dem Umstieg auf alternative Antriebe alleine jedenfalls werden nicht alle Probleme verschwinden.
    • Ein ständiges Nehmen und Geben

      Während wir uns bei Autos noch schwertun, teilen wir andere Dinge schon sehr lange – Pfandflaschen zum Beispiel! Mehrwegflaschen aus Glas können bei einer durchschnittlichen Lebensdauer bis zu 50 Mal wieder befüllt und dann recycelt werden. Einwegbecher für Heißgetränke hingegen produzieren laut einer Studie des Umweltbundesamtes allein in Deutschland jährlich 28.000 Tonnen Müll. Ab 3. Juli 2021 ist damit allerdings Schluss! Dann tritt EU-weit ein Verbot von Wegwerfprodukten in Kraft. Spätestens im Sommer brauchen wir also eine ökologische Verpackungsalternative für den Asia-Snack zum Mitnehmen und den Kaffee für unterwegs. Diese politische Entscheidung für mehr Nachhaltigkeit lädt dazu sein, sich die Verpackungsfrage grundsätzlich zu stellen. Wie viel weniger ist möglich und wie viel mehr haben wir davon?

      Der Coffee-To-Go-Becher ist in den letzten Jahren ein regelrechtes Sinnbild der Wegwerfkultur geworden. Mit dem Problembewusstsein entstanden private und öffentliche Initiativen, die entweder Pfandsysteme entwickeln – beispielsweise reCup, FreiburgCup, Mehrweg fürs Meer auf der Insel Fehmarn und Cup Solutions für Wien – oder Anreize schaffen, einen eigenen Becher mitzubringen, wie das Projekt „BecherBonus“ des Hessischen Umweltministeriums. Mit Getränken, die wir für zu Hause kaufen, verhält es sich ähnlich: Einerseits sind wir auf einem guten Weg, andererseits ist noch viel Luft nach oben. Zwar gibt es Wasser, Saft, Limonade und Bier in Mehrwegflaschen, doch die Formate sind sehr unterschiedlich, das Rückgabesystem komplex. Zum einen können – sehr zum Unmut der Kundinnen und Kunden – nicht alle Flaschen an allen Verkaufsstellen abgegeben werden. Zum anderen müssen individuelle Flaschen zu ihrem Hersteller zurücktransportiert werden. Sind die Wege weit, ist für die Natur nichts gewonnen. Sowohl beim Pfand für den Kaffeebecher als auch bei den Mehrwegflaschen gilt: Die Idee ist gut, sie muss nur besser umgesetzt werden! Wenige verschiedene Flaschenpools, ein einheitliches Pfandsystem für To-Go-Becher, eine intelligente Logistik, bequeme Rückgabemöglichkeiten, am besten über Landesgrenzen hinweg: Das reduziert nicht nur unsere Müllberge. Statt unterwegs auf den Kaffee zu verzichten, trinken wir ihn mit umso größerem Genuss, wenn wir uns weniger Gedanken um die Konsequenzen für die Umwelt machen müssen.
    • Innen hui, außen – wiederverwendbar

      Statt Pfand für Transportbehältnisse zu verlangen, können Waren auch lose angeboten werden. Das Prinzip „Unverpackt“ erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Einerseits haben selbst große Discounter wiederverwendbare Obstnetze oder Brotbeutel aus Leinen und Baumwolle im Sortiment. Andererseits entstehen mehr und mehr Unverpackt- Läden, in denen Kundinnen und Kunden die Waren – zumeist bio und regional – in selbst mitgebrachte Dosen abfüllen. Viele dieser Läden bieten auch Produkte aus dem Waschmittel- und Kosmetikbereich an: vom Spülmaschinentap über den Universalreiniger bis zum Shampoo-Bar. Wer auf die Verpackung verzichtet, genießt dabei ganz praktische Vorteile: Die Waren können exakt in der benötigten Menge erworben werden, kein Wegwerfen oder Ansammeln von Lebensmittelresten mehr – das schont den Geldbeutel – und das regelmäßige Müllentsorgen beschränkt sich auf einen Gang zum Komposthaufen. Aber was wäre, wenn alle Läden Unverpackt-Läden wären, mit einheitlichen Pfand-Behältern, in denen alle Produkte abgefüllt und mit nach Hause genommen werden? Während bei Getränken und durch das Angebot der Unverpackt-Läden zumindest Konzepte existieren, die ausgebaut werden können, mangelt es in anderen Bereichen noch an Lösungsstrategien: Warum gibt es kaum Möglichkeiten, Essen zu bestellen und in Leih-Geschirr abzuholen oder geliefert zu bekommen? Einheitlich natürlich, sodass es bei der nächsten Bestellung, egal bei welchem Restaurant, oder dem Lokal an der Ecke wieder abgegeben werden kann? Wiederverwertbare Sushi-Boxen, Salatschüsseln und Pizzakartons mit standardisierten Formaten und aus ökologischen Materialen? Und wer würde nicht – für seine eigene Gesundheit und wegen des besseren Geschmacks – das Essen eines Lieferdienstes lieber aus einem Porzellanteller genießen als aus einer Styroporverpackung? Letztlich lässt sich die Idee der Wiederverwendbarkeit auf alle Bereiche übertragen, in denen Verpackungen anfallen, z. B. auch auf Post- und Paketsendungen. Vorstellbar wären wiederverschließbare Versandtaschen und Briefumschläge, stabile faltbare Boxen oder Stoffbeutel. Jedes Mal, wenn ein Paketbote etwas bringt, nimmt er die leeren Boxen und Beutel mit und sie finden ihren Weg zurück in die Logistikzentren. Klar müssten sie gereinigt werden, aber das müssen Getränkekästen und Hotelbettwäsche auch.
    • Kleiner Ansatz, große Wirkung

      Für den Einzelnen gibt es viele Möglichkeiten, Verpackung zu sparen: weniger kaufen, dafür mehr in der Nachbarschaft leihen, reparieren und upcyclen, selbst anbauen, beim Bauern nebenan oder auf dem Wochenmarkt holen statt Großeinkauf bei Lebensmittelketten, einkochen statt abgepacktes Obst und Gemüse vom anderen Ende der Welt, Bienenwachstücher statt Frischhaltefolie und die Zeitung von gestern statt Hochglanz-Geschenkpapier. Aus vielen kleinen Beiträgen entstehen größere Bewegungen, und Bewegungen können ein Umdenken in der Gesellschaft erwirken, das irgendwann in „große“ Lösungen für die Allgemeinheit mündet. Am Ende zeigt sich oft, dass ein Umdenken vor allem für einen selbst einen großen Gewinn bedeutet. Dort, wo das Pfandsystem nicht ausreichend gut funktioniert, kann ich auf den Kaffee unterwegs ganz verzichten oder meinen eigenen Becher mitbringen – oder ich nehme mir eine Viertelstunde Zeit und setzte mich in ein Café meiner Wahl, um den Cappuccino vor Ort aus einer Porzellantasse zu trinken. Dann wird aus dem Verzicht auf einen Wegwerfbecher ein Moment voller Lebensqualität. Die Art, das Bewusstsein, wie man etwas genießt und was man genießt, ist für ein ökologisch achtsames Verhalten letztlich nicht weniger relevant, als wie man es verpackt.
      • Foto: Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag
      • Foto: Nici Schwab Fotografie
      • Foto: Nici Schwab Fotografie
    • Mit Messer und Gabel für ein besseres Klima

      Die Entscheidung für eine saubere Umwelt, mehr soziale Fairness und mehr Tierwohl treffen wir immer auch dann, wenn wir mit Messer und Gabel in der Hand vor dem Teller sitzen. Dazu ein paar Zahlen: Der Weltklimarat IPCC führt rund ein Drittel der globalen Treibhausgase auf die menschlichen Ernährungsgewohnheiten zurück. Allein die Fleisch- und Milchproduktion verursacht mit rund 15 % genau so viel schädliche Emissionen wie der Verkehr. 70 % der Verluste an tierischer und pflanzlicher Vielfalt, und 80 % der globalen Entwaldung gehen auf das Konto der Nahrungs- und Futtermittelproduktion, z. B. Soja in Brasilien. Pro Jahr essen die Deutschen und Österreicher rund 60 kg Fleisch pro Person. Während die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch 20 kg Treibhausgas verursacht, liegen die Werte für Reis nur bei 2,4 kg und bei Weizen bei 0,4 kg Treibhausgas. Wie bei der Mobilität geht es auch bei den Ernährungsgewohnheiten nicht in erster Linie um eine Wende zum „Weniger“ (in manchen Bereichen wohl auch das, etwa beim Fleischkonsum), sondern vielmehr um eine Wende zum „Anders“. Die französische Philosophin Corine Pelluchon fragt: Wie würden sich Ethik, Politik und unser Verhalten ändern, wenn wir mit unserem Denken vom Körper ausgingen? Das „Wovon wir leben“, also wie wir uns ernähren, führt unmittelbar zur Frage „Wofür wir leben“, also was uns wichtig ist im Leben. Indem wir essen, stehen wir, ob wir wollen oder nicht, in Beziehung zu den Menschen, die die Nahrung produzieren, zu den Tieren, die dafür sterben, zu den Pflanzen, zur Umwelt. Somit wird die Ernährung zu einem zentralen Begriff. Denn beim Essen zeigt sich, für welche Werte wir stehen. Zeigt sich unsere Haltung zu uns selbst (Gesundheit), zur Umwelt, zum Tierwohl und zu jenen Menschen, die die Lebensmittel für uns produzieren, vom Bio-Bauern in der Nachbarschaft bis zum unterbezahlten, illegalen Erntehelfer in Südspanien. Doch wie ist die Wende zum „Anders“ zu schaffen? Einerseits durch wendewillige Bürger, die entsprechend an der Wahlurne abstimmen, und die ihre Marktmacht als Konsumenten einsetzen: Wenn Spargel aus Peru nicht gekauft wird, fliegt er bald aus dem Sortiment. Andererseits durch einen Staat, der mit lenkenden Maßnahmen eingreift. Etwa durch einen Preisaufschlag für umweltbelastend produzierte Lebensmittel. Würden solche Klimafolgen eingepreist, müsste (konventionell produziertes) Fleisch etwa 175 % mehr kosten, also fast dreimal so teuer sein wie jetzt.
    • Der Wert der Seltenheit Wer heute mindestens 60 Jahre alt ist und nicht aus wohlhabendem Haus kommt, kann sich noch erinnern, dass es in der Kindheit meist nur einmal pro Woche Fleisch gab: am Sonntag. Einerseits, weil man es sich nicht mehrmals pro Woche leisten konnte. Andererseits auch deshalb, weil Fleisch-füralle- jeden-Tag schlicht und einfach nicht verfügbar war. So viel konnten die Bauern der Umgebung gar nicht produzieren, Massentierhaltung im heutigen Sinn und lange Tiertransporte gab es noch nicht. Man hatte dennoch nicht das Gefühl, sich sechs Tage pro Woche in Verzicht üben zu müssen. Im Gegenteil: Auf den Sonntagsbraten konnte man sich schon ab Freitag freuen. Man hatte auch nicht das Verlangen nach Erdbeeren zu Weihnachten. Obst und Gemüse gab es je nach Saison, vieles davon wurde in Einmachgläsern für den Winter gelagert. Etwa zu jener Zeit, 1970, sangen die „Kinks“ in ihrem zivilisationskritischen Song „Apeman“: „I think I'm so educated, and I'm so civilized, 'cause I'm a strict vegetarian.“ Tatsächlich sind Vegetarier im Hinblick auf den Klimawandel „wohlerzogen und zivilisiert“, verursachen sie doch mit ihrer Ernährung 30 % weniger, Veganer gar 70 % weniger CO2-Emissionen als Fleischesser. Der WWF hat ausgerechnet: Mit nur einem einzigen fleischfreien Tag pro Woche spart eine vierköpfige Familie jene Menge CO2 ein, die auf einer 3.600 km langen Autofahrt entsteht. Dennoch geht es nicht darum, dass nun alle von uns Vegetarier oder Veganer werden müssen. Es geht darum, die Herkunft und die Produktionsmethoden unserer Lebensmittel grundsätzlich zu hinterfragen. Dabei könnten sich etwa Avocados aus Mexiko als umweltschädlicher herausstellen als das Schnitzel vom Bio-Bauern in der Region.
    • Vibrierende Geschmacksknospen

      Bei der Wende zum „Anders“ müssen wir in Bezug auf die Ernährung buchstäblich über den Tellerrand hinausblicken. Es bedarf eines Kulturwandels, eines Wandels der Esskultur. Wir müssen (wieder) ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es viele Lebensmittel naturbedingt nur saisonal, nicht das ganze Jahr über gibt. Dass man weniger und besseres Fleisch essen, dieses aber bewusster genießen sollte. Dass man sich dabei körperlich sowie seelisch besser fühlen und mehr Lebensqualität gewinnen kann. Psychologen wissen: Mit Zeigefinger, schlechtem Gewissen und Verboten zu arbeiten, zeitigt weniger Erfolg, als die Menschen sanft anzustoßen, sie buchstäblich „über den Bauch“ anzusprechen, etwa durch schmackhaftes vegetarisches Essen – nicht nur in einschlägigen Restaurants, sondern auch in Haushalten, Kantinen, Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern. Die Ausbildung der Köche muss entsprechend gestaltet, mehr „aufklärerische“ Kochbücher müssen geschrieben werden. Da sich Ernährungsgewohnheiten schon im Kleinkindalter etablieren, kommt wie beim (Bücher) Lesen den Eltern eine wichtige Vorbildwirkung zu: Schon Kinder sollten täglich die Erfahrung machen, wie genussreich fleischarme, biologische Kost sein kann. Lange Zeit war „vegetarisch“ das, was neben dem Fleisch auf dem Teller lag. Heute bietet die vegetarisch-vegane Küche vielfach Gaumengenüsse, die man sich vor einigen Jahren nicht einmal hätte träumen lassen. So gelingt es etwa dem Restaurant TIAN in Wien und München – so der von vielen Gästen bestätigte Claim auf der Website – „vegetarisches Essen so zuzubereiten, dass die Geschmacksknospen vibrieren und die Sinne in Aufruhr geraten.“ Na dann: Mahlzeit!
    • Vier Wege, wie jede*r von uns zum notwendigen Kulturwandel und zum Umdenken beitragen kann:

      Niemand soll sich hinter einer – vermeintlichen – individuellen Unzulänglichkeit verstecken: „Ich allein kann ohnehin nichts bewirken.“ Das stimmt nicht. Wir alle sind in unserem Wirkungsbereich Multiplikatoren und können durch unser Verhalten andere anstupsen.

      Die Wende muss von der Zivilgesellschaft ausgehen. Von Politikern, die (wieder)gewählt werden wollen, ist nicht zu erwarten, dass sie uns Beschränkung oder gar Verzicht empfehlen und raten, unseren Lebensstil zu ändern. Eher empfehlen sie ein grün angestrichenes Weiter so, z. B. Elektro-SUVs statt Diesel-SUVs.

      Wenn ausreichend viele – einzelne! – Menschen Parteien wählen, die öko-soziale Interessen vertreten, steigt die Chance, dass Gesetze beschlossen werden, die einen echten Wandel fördern.

      Wir müssen unsere Marktmacht als Konsumenten aktiv nützen: Was niemand kauft, wird nicht mehr produziert. Was viele verstärkt einfordern, wird angeboten werden.
    • “Auch wenn Du Luftschlösser gebaut hast, war Deine Arbeit nicht umsonst. Lege jetzt die Fundamente darunter.”
      Henry David Thoreau (1817-1862)
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    • Senta meint
      Toller Artikel
      Danke für den wunderbaren Artikel, ich habe ihn schon vorab ihn ihrem Magazin gelesen. Mir gefällt der realitätsnahe Ansatz, statt kauft nur noch Bio und esst kein Fleisch mehr, grundsätzliche und vernünftige Entscheidungen zu treffen. Es könnte vieles sehr einfach (umgesetzt) sein, wenn es politischen Willen dafür gäbe. Viele Dinge wären in Industrie und Handel mit einfachsten Gesetzen erreichbar, ohne solche wird es aber nie dazu kommen, weil sie entgegen derzeit gelehrten marktwirtschaftlichen Grundsätzen stehen. Die Möglichkeiten für Konsumenten sind eingeschränkt, vor allem im ländlichen Raum.
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    • Magdalena meint
      Danke
      DANKE DANKE DANKE für eure positiven und bedachten Beträge! Da ich selbst versuche, meinen ökologischen Fußabdruck so gering wie mir möglich zu halten und es als Pflicht sehe, auch andere Menschen auf diesen Weg aufmerksam zu machen, bin ich unendlich dankbar, dass Vorreiter wie ihr, einen so großen Beitrag leisten, indem sie mit genau solchen Artikeln auf die Grundzüge und weitrechenden Konsequenzen des menschlichen Verhaltens aufmerksam machen! Daher ein riesen Danke für eure tolle und motivierende Arbeit. Ich werde euch, besonders wegen eurer Philosophie und Einstellung zum Konsum und Leben, sicher noch öfters als ein riesen Vorbild für uns alle in meinen alltäglichen Diskussionen zum Thema Umwelten mit Freunden und Familien weiterempfehlen!
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    • Karola C. Meyer meint
      Umdenken statt nachbessern
      Hallo und einen schönen guten Morgen liebes Redaktions-Team von goodtimes, ich habe ihr Magazin goodtimes mit Freude und damit verbundener Herzenswärme gelesen. Besonders der erste Artikel über das Thema Umdenken statt nachbessern weckte in mir den starken Wunsch, diesen Text als Beschlussvorlage den zuständigen politischen Gremien vorzulegen. Vielleicht finden Sie eine Möglichkeit. :-) Herzliche Grüße aus Deutschland Karola C. Meyer
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    • Franziska meint
      Bewusstseinswende
      Toller Artikel. Ich glaube, dass es viel mehr „wendewillige Bürger“ ( eine schöne Bezeichnung!) gibt, als sie es selbst wissen. Es beginnt doch immer mit Wissen. Oft weiß man gar nicht, was man nicht weiß. Es gibt so viele Ansätze ohne Erhobenen Zeigefinger und Verbote Wissen zu vermitteln. Allein die Ampel (grün steht für wenig CO2 Ausstoß und rot für viel ) auf Lebensmittel kann einem Wendewilligen Erleichterung verschaffen, weil er neben Kinder und Jon womöglich nicht noch Zeit und Energie aufbringen kann, Artikel und Blogs zu verfolgen. Der Imbiss darf gerne auch 1 Veggi-Gericht anbieten und die Schulkantinen mehr „Ohne Tier-Essen“. Die U-Untersuchungen beim Kinderarzt könnten Ernährung mehr erwähnen, die Krankenkassen könnten statt Masken für Lau zu verschenken vielleicht den wiederverwendbaren Café-to-Go -Becher spendieren... „Dankbar für mein Leben sein“ geht auch nur über Bewusstsein und irgendwie gehört da ja die liebe, liebe Welt dazu.
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    • Sarah meint
      ICH LIEBE UMDENKEN
      Guten Tag, ich möchte mich für den wunderbaren Grüne Erde Goodtimes “Newsletter“ bedanken. Ich finde die Zeitschrift wirklich sehr gelungen!!! Top Themen und alle so toll erklärt und dargestellt (besonders das Kapitel mit der Ernährung hat mir super gefallen :) ) Ich achte ebenfalls sehr auf (m)ein Leben in Nachhaltigkeit - ich lebe Vegan, fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit, kaufe möglichst unverpackt & plastikfrei, nur Bio Lebensmittel dürfen mit (am besten noch fairtrade), … uvm. Bitte weiter so – ich LIEBE es! Alles Schöne und Gute Sarah
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