Ayurveda und Schlaf - ein Artikel von Wolfgang Schachinger

  • „Jetzt kann ich endlich wieder schlafen wie ein Baby!“ Ist das ein Wunschtraum, nur für wenige Menschen erfüllbar? Der Ayurveda, die traditionelle Medizin Indiens, hält erholsamen Schlaf für einen wichtigen Aspekt guter Gesundheit und zeigt auch fundierte Wege auf, tiefe Nachtruhe dauerhaft zu erreichen.

    Fast ein Drittel der Bevölkerung leidet hierzulande unter Schlafstörungen. Von„Insomnie“ spricht man, wenn die Einschlafzeit sehr lange ist, wenn man nicht durchschlafen kann, zu früh aufwacht oder sich morgens nicht ausgeruht fühlt. Stress, Hektik, berufliche oder private Belastungssituationen und Einflüsse aus unserer Umgebung tragen dazu bei, dass dieses Krankheitsbild immer häufiger wird.

    Das kann zu einer ernsthaften gesundheitlichen Bedrohung werden, weil man sich durch das Schlafdefizit einfach nie richtig ausgeschlafen fühlt. Der Tag wird dann unerträglich lang, die Energie für sinnvolle Tätigkeiten ist im Keller, und das Gehirn scheint voller Nebel zu sein und keine klaren Gedanken zuzulassen.
  • Wie viel Schlaf braucht der Mensch?

    Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Napoleon meinte, dass nur Narren länger als 4 Stunden schlafen. Von Genies wie Goethe oder Einstein weiß man, dass sie über 10 Stunden schliefen.

    Medizinisch anerkannt ist, dass die benötigte Schlafdauer im Allgemeinen mit dem Alter abnimmt, also bei Babies am längsten, bei Senioren am kürzesten ist. Die meisten Menschen fühlen sich bei einer Schlafdauer von ca. 6 bis 8 Stunden am wohlsten. Und darauf kommt es an: sich morgens ausgeruht, energievoll und gut gelaunt zu fühlen und Energie für den ganzen Tag zu haben.

  • Schlaf im Ayurveda

    Die traditionellen vedische „Wissenschaft vom Leben“, wie Ayurveda wörtlich übersetzt heißt, ist eine alte „Schulmedizin“, die Störungen der Gesundheit ausschließlich nach natürlichen Prinzipien diagnostiziert und behandelt. Dabei sind die bei auch uns im Westen bekannten Ölmassagen nur ein kleiner Teil des therapeutischen Spektrums.

    Ruhe und Aktivität gelten in der Ayurvedamedizin als die Stufen der Evolution. Alles im Universum bewegt sich in Wellen – Licht, Schall, Wasser, Gezeiten, Mikro- und Makroteilchen. Jede Welle hat ein Wellental, das der Ruhe entspricht, und einen Wellenberg, der die Dynamik ausdrückt. Sich wiederholende Wellen empfinden wir als Zyklen: Tag und Nacht, Jahreszeiten, Generationen …

    Unsere technisierte Welt lenkt uns immer mehr von den natürlichen Zyklen und Rhythmen ab und suggeriert uns ein lineares Leben, abgekoppelt vom Auf und Ab des wahren Lebens. Mit den scheinbaren Annehmlichkeiten unserer Zivilisation – Erdbeeren zu Weihnachten, Shoppen in der Nacht etc. – verlieren wir den Kontakt zum Rhythmus der Natur um uns, und leider auch in uns. Der Verlust der Lebensrhythmen führt zwangsläufig dazu, dass bei vielen Menschen der Schlaf gestört ist.

    Schlaf, Traum und die transzendentale Stille der Meditation sind laut Ayurveda die „Wellentäler“, die der Mensch als Gegenpol zum aktiven Alltag, dem „Wellenberg“, braucht, und das im richtigen Rhythmus. „Wie sollten Menschen, die das Einfachste auf der Welt, den Schlaf, nicht richtig zuwege bringen, im Alltag ihr Leben meistern können?“, fragte zu Recht mein spiritueller Lehrer Maharishi Mahesh Yogi.

  • Wissenschaft oder Großmutter-Weisheit

    „Schlaf vor Mitternacht zählt doppelt“, wusste schon meine Großmutter. Als Jugendlicher und Student konnte ich solche Aussagen nur milde belächeln. Aber mit dem Studium der Ayurveda-Medizin eröffnete sich mir eine neue Dimension dieser Aussage: das systematische Wissen der Biorhythmen von Natur und Körper. Die gesamte Erde einschließlich aller Menschen erlebt je einen Durchlauf von Kapha (Erdenergie), Pitta (Feuer) und Vata (Luft und Bewegung) während des Tages und während der Nacht. Und wer klug ist, wählt bewusst seine Schlafenszeit so, dass er während der Kapha-Zeit, in der Geist und Körper müde und schwer werden, einschläft, um während der Pitta-Periode um Mitternacht die Belastungen des Tages in Schlaf und Traum zu verarbeiten und dann gegen Ende der Vata-Zeit vor Sonnenaufgang erfrischt und verjüngt zu erwachen. So einen Tagesablauf, bei dem man spätestens um 22 Uhr zu Bett geht, entgegen unsere modernen Gepflogenheiten durchzuziehen, ist beileibe nicht einfach, aber extrem lohnenswert. Das ist laut Ayurveda das kostengünstigste Verjüngungsmittel.
  • Was tun bei Schlafstörungen?

    Ayurveda ist gesundheitsorientiert, und deswegen geht es nicht darum, gegen Schlafstörungen anzukämpfen, sondern den gestörten Regelkreisen unseres Körpers wieder Klarheit und Ordnung zu geben. Im Gegensatz zur modernen Medizin, die durch süchtig machende Tranquilizer oder die Persönlichkeit verändernde Antidepressiva und Neuroleptika versucht, die zu Grunde liegende Störung zu verschleiern, arbeitet man im Ayurveda daran, die natürlichen Rhythmen und Funktionen wieder herzustellen.
  • Säulen der Gesundheit

    Entspannung und Bewegung, Ernährung und Entschlackung bilden zusammen mit der Klärung der Lebensziele die Säulen der Gesundheit. Dazu kommt die Wahl des optimalen Schlafplatzes und die Gestaltung einer gesunden Schlafumgebung mit natürlichen Textilien, beruhigenden Düften und Abschirmung von Elektrosmog.

    Zur effizienten Entspannung zählen Meditation, Pausen im Alltag und Urlaub. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang auch ein Schlafritual, das je nach Intensität der Schlafstörung schon frühzeitig beginnt: Beendigung des Tagwerks vor 19 Uhr, Abendmeditation, ein frühes und leichtes Abendessen, ein Spaziergang danach und weitgehender Verzicht auf elektronische Medien am Abend. D. h. kein Fernsehen, keine Emails und kein Facebook mehr in den letzten zwei Stunden vor dem Schlafen!

    Und dann ist es wichtig, den Tag auch in Gedanken positiv abzuschließen. Optimal dazu ist ein Tagebuch, in dem Sie vor dem Einschlafen die positiven Emotionen des Tages schriftlich festhalten: „Was habe ich gut gemacht?“, „Was hat mir gut getan?“, „Wofür bin ich dankbar?“ – sind hierfür nützliche Fragen, die im Tagebuch beantwortet werden. Um den Geist von unnötigem Ballast zu befreien, kann ein zweites Buch mit unerledigten Aufgaben sinnvoll sein. Diese belasten und beunruhigen weniger, wenn sie als Vorbereitung für den nächsten Tag in schriftlicher Form vom Gehirn auf Papier ausgelagert werden.

    Zu den anderen Säulen der Gesundheit möchte ich nur ein paar Stichworte geben. Eine häufige Ursache für schlechten Schlaf ist Bewegungsmangel. Ein Abendspaziergang statt der abendlichen Fernsehstunde kann Wunder wirken! Bei der Ernährung ist entscheidend, dass zwei bis drei Stunden vor dem Schlaf nicht mehr gegessen werden sollte. Die Nachtruhe wird umso erholsamer und regenerierender, je weniger Magen und Darm mit Verdauungsarbeit beschäftigt sind.

    Eine Domäne des Ayurveda sind Entschlackungskuren („Pancha Karma“), die alte Belastungen, die den Schlaf stören, ausleiten, und einen wahren Sturm an Glücks- und Energiehormonen hervorrufen. Aus diesem Blickwinkel ist also guter Schlaf nicht etwa ein Privileg für wenige Glückliche, sondern das Geschenk der Natur für jeden, der sich die Schätze der Natur, die die Ayurveda Medizin uns so reichlich anbietet, zu Nutze macht.
  • Dr. med. Wolfgang Schachinger

    • Seit 1983 tätig als Arzt für Allgemeinmedizin in Ried/Innkreis (Oberösterreich), seit 2013 mit Schwerpunkt Ayurveda und Integrative Medizin
    • Gründung des Maharishi Ayurveda Gesundheits- und Seminarzentrums Ried/Innkreis (1993)
    • Gründungs- und Vorstandsmitglied des Ärzteverbandes „Österreichischen Gesellschaft für Ayurvedische Medizin“ (www.ayurveda.at)
    • Vorstandsmitglied der „Deutschen Gesellschaft für Ayurveda“ (www.ayurveda.de)
    Bücher (gemeinsam mit Dr. Ernst Schrott / Regensburg sind folgende Titel im Aurum Verlag, Bielefeld erschienen):
    • Kopfschmerz muss nicht sein
    • Gelenk- und Rückenschmerzen müssen nicht sein
    • Bluthochdruck muss nicht sein
    • Gesundheit aus dem Selbst“ (Kamphausen Verlag, Grünwald)
    • Handbuch Ayurveda (Haug Verlag)
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