• Foto: Bernhard Emerschitz
  • Aput & Sikko



  • Warum sollten ausgerechnet Schnee und Eis das Herz erwärmen?

    • Wer normalerweise, so wie ich, erst um 7 Uhr aufsteht, für den ist 5 Uhr so etwas wie für Katholiken der Limbus. Vor allem im Winter, wenn es um diese Zeit noch stockfinster ist. Dieses frühe Aufstehen ist aber kein Symptom präseniler Bettflucht, sondern der – bescheidene – Preis, den ich gerne zahle, um den Sonnenaufgang auf dem Berg zu erleben. Ich rede von Skitouren. Für unsere mit dieser Materie nicht ganz so vertrauten Leser*innen, etwa aus der Lüneburger Heide oder aus dem Marchfeld: Man klebt Haftfelle an die Ski und geht damit in die schneebedeckten Berge. Was mich betrifft, am liebsten allein, abseits von präparierten Pisten, Liften und Almhütten, auf denen „Griass enk!“ (Grüß euch) geschrieben steht. Vor allem aber abseits von Menschenmassen. Ich hab's einmal gegoogelt: Offenbar leide ich an einer milden Form von „Demophobie“ (Angst vor Menschenmassen und überfüllten Plätzen), begleitet von zarten Anflügen einer „Enochlophobie“ (Angst in Menschenmassen).
    • Im Gehen wird die Welt immer größer

      Den Berg bezwingen? Den Gipfel erobern? Unsinn! Oft genug habe ich wegen Lawinengefahr oder dichten Nebels umgedreht. Manchmal einfach auch deshalb, weil die Lunge zu platzen drohte oder die Oberschenkel brannten wie Hölle. Reinhold Messner, der es ja wissen muss, hat vor kurzem in der ZEIT geschrieben, dass der Berg eine Realität sei, erst der Mensch mache ihn zum Kitsch. Da ist etwas Wahres dran. Und dass es, so Messner, dem Berg völlig egal sei, ob der Mensch auf ihm herumtrampelt, Freude daran hat oder herunterfällt. Er – der Berg – ist einfach da. So oder so. Warum aber tue ich mir die Anstrengung wirklich an? Als Schreibtischarbeiter bewege ich mich wenig und brauche daher körperlichen Ausgleich. Außerdem bin ich in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter gern in der Natur. Aber da ist auch noch dieses schwer definierbare Dritte: kein äußeres, sondern ein inneres Ziel. Eine Zufrieden- und Ausgeglichenheit, eine geistige und – trotz körperlicher Anstrengung – physische Leichtigkeit, die sich jedes Mal aufs Neue einstellt. Eine intensive Verbindung mit der winterlich-schneeig-eisigen Natur, ein in-ihr-Aufgehen. Da kommt mir Christoph Ransmayr in den Sinn. In „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ schreibt er über den Protagonisten seines Romans, dessen Existenz sich in den unendlichen Weiten und Weißen Spitzbergens auflöst wie Schnee in warmem Wasser: „Josef Mazzini reiste oft allein und viel zu Fuß. Im Gehen wurde ihm die Welt nicht kleiner, sondern immer größer, so groß, dass er schließlich in ihr verschwand.“
    • Schhhhhhd, Schhhhhhd, Schhhhhhd Ein alter, erfahrener Tiroler Ski- und Bergführer sagte vor vielen Jahren – als ich jung und schnell war – einmal zu mir: „Du muasch es launksaum ogehn und in oan gleichmäßign Takt kemmen. Heid amol oan Schritt, morgn amol oan Schritt.“ Das ist es: die Langsamkeit! Was sind schon 190 Jahre Eisenbahn, 135 Jahre Automobil und 120 Jahre Flugzeug? Bloß eine Sekunde in der Geschichte des Menschen, der, physisch betrachtet, noch immer ein zu Fuß Gehender ist! Wenn ich langsam im Schnee dahinziehe, sehe ich nur puristische Weiß-, Schwarz-, Grau- und Blautöne, rieche nur Schnee – ja, wie riecht der eigentlich? –, höre nur das gleichmäßige Schhhhhhd, Schhhhhhd, Schhhhhhd des Gleitens der Ski auf dem Schnee. Nach einer kurzen Weile muss ich mich nicht mehr auf das an-nichts-Denken konzentrieren. Es kommt von selbst. So wie die auf jeder Skitour gleiche Melodie in meinem Kopf: „Aujourd'hui c'est toi“ aus dem Film „Un homme et une femme“ von 1966. Eigentlich geht es in diesem Film um ganz andere Dinge zwischen Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant als um Skitouren. Aber dieses zwischen Drama, Mystik, Spannung und Entspannung pendelnde Instrumental trifft meine Stimmung bei der Begegnung mit der Natur auf den Punkt.
    • Die Natur ist unsentimental

      Wer im Winter bei jedem Wetter mit wachen Sinnen draußen unterwegs ist, versteht, warum Inuit rund 100 verschiedene Wörter für ebenso viele exakt definierte Erscheinungsformen von Schnee (Aput) und Eis (Sikko) haben. An Glückstagen wartet bei der Abfahrt vom Berg perfekter Mauja (Pulverschnee). Häufig genug muss ich mich aber mit Mangokpok (feuchter Schnee), Tipvigut (Triebschnee) oder Kukak (krustiger Schnee) herumschlagen. Aber ich bin demütig gegenüber der Natur und nehme an, was sie mir bietet. In einem Moment streichelt sie mich sanft und im nächsten trifft sie mich mit aller Härte. In beiden Fällen liegt die Emotion ausschließlich auf meiner Seite. Denn die Natur selbst ist unsentimental. Manchmal pfeift der Wind, dass ich meine eigenen Gedanken nicht hören kann. Manchmal ist es so still, dass ich glaube, das Landen der Schneeflocken auf dem Boden zu hören. Manchmal sehe ich vor lauter dickem Nebel die Hand vor Augen kaum. Manchmal vermischt sich das Weiß des Schnees mit diffusem Licht zu einem Whiteout, das den Horizont verschwinden lässt. In der prallen, vom Schnee reflektierten Frühlingssonne sähe ich ohne dicke Sonnencremeschicht und Gletscherbrille nach einer halben Stunde aus wie ein gekochter, schneeblinder Hummer. Bei Sturm auf dem Gipfel muss ich mich gebückt bewegen, damit ich nicht fortgeweht werde wie „Der fliegende Robert“ im „Struwwelpeter“. Aber an ruhigen, klaren Tagen kann man von dort oben hundert und mehr Kilometer weit sehen – on a clear day you can see forever. Wie auch immer: Auf einer Skitour fühle ich mich im Einklang mit der Natur und mit mir selbst. Mein Herz wird warm. Trotz oder gerade wegen Aput und Sikko.
    • Autor Bernhard Emerschitz, geb. 1961, freier Texter, studierte Politikwissenschaft u. Publizistik, schreibt seit 1992 für Grüne Erde, wohnt im Almtal, OÖ. Träumt davon, als Eisbär wiedergeboren zu werden.
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