Reiß das Styropor aus der Fassade – nachhaltig durch den Tag

  • Besser Schaum vorm Mund als Schaum ums Haus: Beim Bauen und Wohnen sollten wir uns dringend alter Werte – und Bauwerke – besinnen.
  • Ein Haus wird gerade mit Styroporplatten (EPS) gedämmt
  • Stimmt schon: Imperative mit wütenden Rufzeichen hinten dran wurden in den Jahren seit Stéphane Hessels „Empört euch!“ (2010) dermaßen viele ausformuliert, dass ich Ihnen gerne ein stoisches „Entspannt euch!“ entgegne. Doch wer sich je mit etwas Langweiligem wie den Energieausweisen von Häusern beschäftigt hat, weiß: Wir leben längst in einem System aus Sanktionen und Sanierungspflichten.

    Zurecht prangerte das Magazin Der Spiegel die "Volksverdämmung“ an – das dogmatische Dichtmachen mit Styropor, das es de facto zum alternativlosen Baustandard geschafft hat. Unsere Häuser packen wir mittlerweile rundum in das Industrieprodukt Polystyrol ein, vorschriftsgemäß, gutgläubig, vermeintlich fortschrittlich. Denn dass es sich bei dem Dämmmaterial um energetisch höchst aufwendiges „kaltes Erdöl“ handelt, für das es bislang keinerlei vernünftiges Recycling gibt, wird dabei ignoriert.

    Wenn es „Entdämmt euch!“, die Streitschrift des Architekten Klaus-Jürgen Bauer, nun bereits in die dritte Auflage geschafft hat, ist das also durchaus Anlass zu großer Freude. Denn Bauer fordert in seinem Büchlein einen Paradigmenwechsel der herrschenden Baukultur. Diese habe die 14.000 Jahre zurückreichende Geschichte des menschlichen Bauens in Windeseile verraten und alle ästhetischen Ansprüche geopfert. Bauers Credo: zurück zur Reparaturkultur, auch beim Bauen. Denn während unsere Eltern oft noch in jahrhundertealten Gebäuden aufwuchsen, erscheint heute schon ein 20 Jahre altes Haus in einer veränderten Vorschriftenwelt als „uralt“. „Ein Irrsinn“, ärgert sich der Architekt, „wir können ja nicht alle 30 Jahre alles abreißen!“
    • Thomas Weber ...

      Thomas Weber von biorama bei einer Lesung ... ist Herausgeber des Magazins „Biorama“ sowie Autor der Bücher „Ein guter Tag hat 100 Punkte ... und andere alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt“ und „100 Punkte Tag für Tag. Miethühner, Guerilla-Grafting und weitere alltagstaugliche Ideen für eine bessere Welt“, die beide auf dem Punktesystem www.EinguterTag.org basieren.
  • Fotos: Buchhandlung Hartlieb, Fotolia