Was bedeutet Nachhaltigkeit?

  • “Der Begriff der Nachhaltigkeit hat einen Siegeszug um die Welt angetreten. Muss man befürchten, dass er sich abnützt?”
  • Der Begriff der Nachhaltigkeit ist international anerkannt und auch bekannt als „sustainable development“, „sostenibilità“, oder „développement durable“. Er stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und wurde exakt vor 300 Jahren, 1713, vom sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz geprägt. Die Dynamik der frühindustriellen Entwicklung hatte damals zu einem Holzmangel geführt. Daher musste man in dieser Krisensituation über eine andere Art der Forstbewirtschaftung nachdenken. Nachhaltig zu wirtschaften, bezeichnete im ursprünglichen Sinn das verantwortungsvolle und zukunftsträchtige Handeln, dem Wald nicht mehr Holz zu entnehmen, als nachwachsen kann.
  • Umdenken ist notwendig

    Heute wird der Begriff der Nachhaltigkeit viel umfassender angewendet, da inzwischen deutlich geworden ist, dass grenzenloses Wirtschaftswachstum in einer begrenzten Welt nicht möglich ist. Es geht heute nicht mehr „nur“ um einen zu hohen Holzverbrauch: Die Menschheit verbraucht von allen Rohstoffen zu viel. Würden alle Erdenbewohner heute so leben wie die Europäer, bräuchte man fast drei Planeten von der Qualität der Erde. Würden alle gar so leben wollen wie die US-Amerikaner, dann bräuchte man mehr als fünf Planeten Erde (siehe www.footprint.at).

    Nachhaltig zu agieren, würde nach dieser erweiterten Definition bedeuten, dass man den Raubbau am Planeten Erde beendet und Zerstörungen – so gut es geht –
repariert. Mit dem aktuellen Lebensstil der „entwickelten“ Länder lässt sich das allerdings schwer vereinbaren. Daher ist es unausweichlich, das herrschende Wirtschafts- und Konsumsystem grundlegend zu hinterfragen, radikal umzudenken und das Wirtschaften nach den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit auszurichten.

  • Trittbrettfahrer und grüne Tarnmäntel

    Wie unterscheidet man nun wirklich verantwortungsvoll agierende Unternehmen von grünen Trittbrettfahrern, die den Begriff „Nachhaltigkeit“ vor allem benützen, um ihren Umsatz zu steigern?
 Zwar ist jedes Projekt zur Verbesserung des ökologischen Fußabdrucks oder zur Verringerung des Ressourcenverbrauchs wichtig und begrüßenswert. Wenn aber hinter punktuellen Verbesserungen kein grundsätzliches Umdenken steht, wird sich an der Gesamtsituation kaum etwas ändern.

    Viele Unternehmen, die ökologisch rücksichtslos agieren, mit ihrer Produktion in Länder mit niedrigen sozialen Standards und schwachen Umweltvorschriften ausweichen, um billig zu produzieren, ziehen sich gerne einen grünen Tarnmantel in Form von punktuell „nachhaltigen“ Projekten an. Sie stellen diese Projekte dann in ihrer Werbung in den Vordergrund, geben sich ein grünes Image, um Umsätze zu steigern und von ihren sonstigen, ganz und gar nicht nachhaltigen Praktiken abzulenken. Und der Raubbau an den Ressourcen geht ungehindert weiter.

  • Alles nachhaltig, nichts mehr nachhaltig

    Kann man den Begriff „Nachhaltigkeit“ vor Missbrauch schützen? Der Kulturhistoriker Ulrich Grober, Autor des im März 2013 erschienenen Buches „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines Begriffs“ meint in einem ZEIT-Interview: „Ich finde es erst einmal großartig, dass der Begriff in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist ….. Die Gefahr liegt eher im Etikettenschwindel. Wo alles nachhaltig wird, ist am Ende nichts mehr nachhaltig.“

    Auch Grober verweist auf Carlowitz, der eine „nachhaltende Nutzung“ der Wälder forderte. Schon beim Berghauptmann treffen die Polaritäten aufeinander: Ökologie (nachwachsen) und Ökonomie (nutzen). Und schon für Carlowitz war Nachhaltigkeit das Gegenteil von Kollaps, so Grober. Der Kulturhistoriker fordert, dass das Subsystem Ökonomie wieder in ein größeres System, die Biosphäre, eingebettet werden müsse.
 Wie erkennt man nun grüne Etikettenschwindler? Ist das Ziel des konkreten Handelns eines vermeintlich
 „grünen“ Unternehmens doch wieder nur die Steigerung des Profits? Oder bettet sich das Unternehmen in die Bedürfnisse des Ökosystems ein? Ist das Handeln des Unternehmens ingesamt danach ausgerichtet, die Umwelt ökologisch und die Welt sozial besser zu machen?
 Bei Grüne Erde ist die Einhaltung sozialer und ökologischer Grundsätze gleichrangig mit betriebswirtschaftlichen Zielen. Diese Werthaltung durchdringt 
jeden Bereich des Unternehmens und jede
 Entscheidung, die getroffen wird.

  • BUCHTIPP

    Ulrich Grober
    Die Entdeckung der Nachhaltigkeit – Kulturgeschichte eines Begriffs

    Nachhaltig ist heutzutage alles, von der Diät bis zum Ausbau der Kapitalkraft. Nachhaltigkeit ist aber unser ursprünglichstes Weltkulturerbe, ein Begriff, der tief in unserer Kultur verwurzelt ist und den es vor inflationärem Gebrauch zu retten gilt. Das von Joachim Heinrich Campe 1807 herausgegebene Wörterbuch der deutschen Sprache definiert das Wort
 „Nachhalt“ als das, „woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält“. Woran kann man sich also halten? Was bedeutet Nachhaltigkeit?

    In Ulrich Grobers anschaulich geschriebenem Buch wird der Begriff
 „Nachhaltigkeit“ neu vermessen. Vor fast 250 Jahren avancierte er zum Leitbegriff des deutschen Forstwesens und bezeichnet seitdem die Verpflichtung, Reserven für künftige Generationen nachzuhalten.
 Das von Hans Carl von Carlowitz 
1713 erstmals beschriebene Dreieck der Nachhaltigkeit – ökologisches Gleichgewicht, ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit – ist heute als „sustainable development“ in aller Munde.

    Die Idee dieses Begriffs reicht aber noch weiter zurück. Sie findet sich im „Sonnengesang“ des Franz von Assisi ebenso wie bei den Philosophen der griechischen Antike und der Aufklärung. Ulrich Grobers spannende (Zeit)Reise führt uns an den Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. und in die deutschen Fürstenstaaten, erzählt vom sächsischen Silberbergbau und vom Holzmangel. Und davon, dass die Nachhaltigkeitsidee überall, wo sie auftaucht, ein Kind der Krise ist, aber auch die Entstehung eines neuen Bewusstseins markiert. Des Bewusstseins, dass der Planet, auf dem wir leben, erhalten und bewahrt werden muss.

    300 Seiten
    erschienen im März 2013
    ISBN 978-3-88897-824-1
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