Plastik aus der Leitung

  • Gedacht als Material für einfache Lösungen, verursacht Plastik heute unlösbare Probleme.
  • Das Plastik-Problem wird immer offensichtlicher
    Das Plastik-Problem wird immer offensichtlicher
  • Stein, Bronze, Eisen, Kupfer: Materialien haben die frühen Epochen der Menschheitsgeschichte geprägt. Was die Natur zur Verfügung stellt, reichte irgendwann nicht mehr und man suchte nach etwas Neuem, nach Kunststoffen. In den nicht einmal 70 Jahren seit der Erfindung sind über acht Milliarden Tonnen Plastik produziert worden, eine nicht vorstellbare Zahl, und die Tendenz ist steigend! Wir sind im Plastikzeitalter, aber kennen wir auch die Folgen?
  • Plastik wird hoch gelobt ...

    ... als Material mit unbegrenzten Möglichkeiten. Leicht, flexibel, wetterbeständig. Die Begeisterung hat jedoch nachgelassen. Denn mit dem Siegeszug von Kunststoff als Verpackung, Tragetasche, Isoliermaterial, für Gehäuse, in Klamotten und Schuhen – seit Plastik die Welt erobert –, taucht es auch da auf, wo es niemand haben will. Als Müllberge, in Ozeanen, Flüssen, Wäldern und laut einer aktuellen Studie sogar im Leitungswasser. Orb, ein Journalistennetzwerk mit Sitz in Washington, hat auf fünf Kontinenten Leitungswasser in Flaschen abgefüllt. Die Wasserproben wurden an die Universität von Minnesota geschickt, wo Forscher insgesamt 159 Proben untersuchten. Sie fanden im Schnitt 4,34 Mikroplastikteilchen pro Liter. In Europa, das vergleichsweise gut wegkommt, waren in 72 % der Proben Plastikpartikel.
    • Das klingt alarmierend und ist in Anbetracht der weltweit großzügigen Verwendung von Plastik auch plausibel. Allerdings stecken die Forschungen zu Mikroplastik im Wasser noch in den Kinderschuhen. Kein Wunder also, dass es auch Kritik an der Studie gibt. Experten des deutschen Bundesumweltamtes zweifeln die Ergebnisse an, denn das Plastik könnte auch nach der Entnahme in das Leitungswasser geraten sein. Im Prinzip bereits beim Zuschrauben des Behälters, der für die Proben verwendet wurde. Auch existiert derzeit noch kein zuverlässiges Messverfahren. Bei mikroskopischen Methoden, wie in der Studie angewandt, sei auch eine Verwechslung mit Baumwollfasern möglich.

      Die Studie ist also kein unumstößlicher Beweis für eine weltweite Belastung von Leitungswasser mit Plastikteilchen – sie macht aber dennoch auf die Gefahren aufmerksam, die von Kunststoffen ausgehen. Wieviel Plastik verbrannt oder recycliert wird, wieviel im Meer treibt und wieviel auf Halden lagert, beruht letztlich nur auf Schätzungen. Sicher ist aber: Der überwiegende Teil verbleibt in unserer Umwelt. Warum also sollten Mikroteilchen nicht auch ins Leitungswasser gelangt sein?
    • Plastik – Segen oder Fluch?

      Etwa ab 1950 begann der Aufstieg von Kunststoff zum prägenden Material unserer Zeit. Zunächst überwog die Freude über die Vorteile – unzerstörbar, billig, leicht, flexibel. Inzwischen wurden über acht Milliarden Tonnen Plastik produziert, und die Gefahren, die das einst so hoch gelobte Material mit sich bringt, werden immer deutlicher.
    • Wie gelangt Mikroplastik ins Leitungswasser?

    • Die unsichtbaren Plastikteilchen begegnen uns praktisch auf Schritt und Tritt – als sekundäre Plastikteilchen, die durch den Zerfall größerer Plastikteilchen aufgrund von mechanischer Reibung und Sonneneinstrahlung entstehen, zum Beispiel durch den Abrieb von Autoreifen und Schuhsohlen oder in Wäschetrocknern. Aber auch als primäre Plastikteilchen, die für bestimmte Anwendungsbereiche direkt hergestellt werden – zum Beispiel als Zusatz für Kosmetikprodukte wie Peelings, Duschgels, Zahnpasta und Cremes. Beim Duschen, Abschminken und Zähneputzen gelangen die Mikroplastikteilchen über das Abwasser in die Kläranlagen und im Zuge der landwirtschaftlichen Verwertung von Klärschlamm schließlich auf die Felder.
    • “Die Natur bietet nachhaltige Alternativen zu Plastik.”
  • Unabhängig davon, wie man die Orb-Studie bewerten möchte, ist es zumindest denkbar, dass die Plastikteilchen so bis ins Grundwasser und schließlich in unser Leitungswasser gelangen. Aber auch Experten, die an der Studie zweifeln, möchten ihre Kritik nicht als Aufforderung verstanden wissen, Plastik weiter so sorglos zu verwenden wie bisher. Eben jenes Bundesumweltamt, dessen Experten die Glaubwürdigkeit der Studie in Frage stellen, lässt seit drei Jahrzehnten Blut und Urin untersuchen, um zu ermitteln, wie sehr die Bevölkerung in Deutschland mit Schadstoffen belastet ist. Die Daten dokumentieren zum Beispiel, dass seit der Abschaffung des verbleiten Benzins die Belastung durch Schwermetalle zurückgeht. Gleichzeitig sind aber Weichmacher, wie sie häufig in Plastik zu finden sind, ein ernstzunehmender Grund zur Sorge geworden. Denn auch wenn es sehr lange dauert, irgendwann wird auch Plastik zersetzt und die enthaltenen Giftstoffe werden in die Umwelt abgegeben. Die Auswirkungen der bereits produzierten acht Milliarden Tonnen Plastik sind also noch gar nicht ersichtlich.
    • Umweltthema in der darstellenden Kunst

      Musical Wellenreiter Kunststofffasern, sogenannte sekundäre Mikropartikel, gelangen unter anderem bei der Wäsche von Textilien aus Chemiefasern in unsere Gewässer und letztendlich in unsere Meere. Daran ändert auch die Verwendung von recycliertem Polyester mancher Modelabels leider nichts.

      Das Musical „Wellenreiter“ von Christiane Gimkiewicz setzt sich auf künstlerischer Ebene mit der Verschmutzung der Meere auseinander. Nun hat die Performancegruppe Blue Art eine Szene des Musicals als Musikvideo – "Angriff der Sirenen" – inszeniert. Verwoben mit kunstvollem Tanztheater verwandeln Videoinstallationen die Geschehnisse zwischen einem Surfer und Sirenen in ein Live-Kino.
  • Was kann man gegen Mikroplastik tun?

    Recycling und der Verzicht auf Plastiktaschen sind zwar richtig, aber zu wenig, um das Problem in den Griff zu bekommen. Gerade weil es so einfach erscheint, wird zu oft und zu leichtfertig Kunststoff verwendet. Gefordert sind hier alle – Konzerne, Politik und die Forschung, aber auch jeder Einzelne. Wer zum Beispiel auf unnötige Fahrten mit dem Auto verzichtet, beim Einkaufen auf nachhaltige Verpackungen achtet, seinen Müll sorgfältig sortiert, keine Produkte mit Mikroplastik verwendet und auch bei Kleidung und Möbeln auf natürliche Materialien setzt, kann seinen Plastikverbrauch erheblich reduzieren.

    Fotos: shutterstock
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    • Brigitte Höhl meint
      Elasthan in 'Natur'-Kleidung

      Mit Bedauern muss ich immer wieder feststellen, dass auch Hersteller und Händler von Naturkleidung zunehmend diese Mischgewebe im Angebot haben. Es gibt doch gute und überzeugende Argumente für Bio-Anbau/-Tierzucht - spricht das nicht gleichzeitig gegen solche (Bequemlichkeits-)Zusätze?

      Antworten

      Grüne Erde antwortet
      Antwort - Teil I

      Liebe Frau Höhl, mit Ihrer Frage sprechen Sie tatsächlich ein Dilemma an, in dem jedes Unternehmen steckt, das ökologische Kleidung anbietet und gleichzeitig auf die Wünsche seiner Kundinnen eingehen will. Denn einerseits muss das Gewebe/Gewirke aus Naturfasern sein, andererseits wünschen sich die Kundinnen hohen Tragekomfort und Formstabilität, was in unserem Fall nur durch eine (sehr geringe) Elasthan-Beimengung möglich ist. Bei konventioneller Kleidung erreicht man dies u. a. durch chemische Behandlung des Stoffes und/oder Verwendung von reinen Synthetikfasern oder Fasermischungen mit hohem Synthetikanteil. Dies kommt für uns nicht in Frage, weil unsere Bekleidung den strengen ökologischen Regeln des Global Organic Textile Standard entspricht (der übrigens einen Elasthan-Anteil von bis zu 5 % erlaubt). Fakt ist: Elasthan macht die Kleidung formstabiler, damit auch langlebiger, d. h. sie muss nicht so bald durch neue ersetzt werden, was dem Gedanken der Nachhaltigkeit entspricht. Außerdem werden solche Textilien pflegeleichter, energieaufwendiges Bügeln (bei hohen Temperaturen) fällt weg.

      Antworten

      Grüne Erde antwortet
      Antwort - Teil II

      Fakt ist aber auch: Das faserreine Recycling von Baumwoll-Elasthan-Mischgewebe ist ein bislang nicht gelöstes Problem. Eine Entsorgung über den Hausmüll oder eine Weiterverwertung im Rahmen von Altkleidersammlungen ist aber problemlos möglich. Wir bemühen uns, den Elasthan-Anteil in unserer Kleidung so gering wie möglich zu halten bzw. zu senken, ohne dabei den Aspekt der Formstabilität und Passform aus den Augen zu verlieren. Denn: Ist der Elasthan-Anteil zu niedrig, bleibt die erwünschte Wirkung der Formstabilität aus. Der Anteil muss so bemessen sein, dass die Formstabilität auch nach der – in unserem Fall umweltschonenden – Ausrüstung der Textilien, z. B. gewolltes Schrumpfen eines Jerseys nach dem Stricken, noch gegeben ist. Bei vielen Qualitäten, z. B. Jersey-Rippe, bieten wir zum Bio-Baumwoll-Elasthan-Mischgewebe auch Alternativen aus 100 % Bio-Baumwolle an. Liebe Grüße, das Grüne Erde-Team

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    • Bodo Bock meint
      Wir brauchen eine Plastik-Umlage.

      Ähnlich der EEG-Umlage wäre auch eine Plastik-Umlage sehr hilfreich. Jeder produzierte Kunststoff aus Erdöl wird mit dieser Umlage belastet. Die Gelder können dann zweckgebunden verwendet werden. Für folgende Zwecke stünden dann Mittel bereit: - Entfernen des Plastikmülls aus den Weltmeeren - Säuberungen z.B. von Stränden uvm. Die Höhe der Abgabe richtet sich nach dem Bedarf für die oben genannten Zwecke. Vorteile: Transparenz, was Plastik volkswirtschaftlich kostet. Durch die Verteuerung von Plastik werden Alternativen wirtschaftlicher. Da es sich nicht um ungeliebte Steuern handelt, ist eine Umsetzung politisch einfacher. Da sich die Höhe der Umlage aus dem Bedarf ermittelt, gibt es, gerade vor Wahlen, weniger Spielraum für parteipolitische "Spielchen". Es sind also nicht nur Konsumenten, Handel und Industrie gefragt, sondern auch Wähler! Solange die eingeschweißten Bio-Gurken im Dicounter billiger sind als unverpackte Gurken im Bio-Laden, wird sich nicht viel ändern, Umfrage hin oder her. Erweiterbar ist dies noch um eine Umlage für Mikroplastik, damit Kläranlagen nachgerüstet werden können. Ebenso ist eine CO₂-Umlage sinnvol, denn jedes Stück Plastik wird irgendwann verbrannt.

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    • Martin Taitl meint
      Plastik

      Wir haben schon vor Jahren begonnen, Plastik in unserem Haushalt zu reduzieren. Angefangen hat es damit, dass wir alles an Plastikgeschirr hinausgeworfen haben und durch Glas, Holz oder Edelstahl ersetzten. Ist nicht nur besser, sondern sieht auch schöner aus. Zudem sieht man dann erst, wieviel von dem zeug man gar nicht braucht. Bei Kleidung hatten wir schon vorher darauf geachtet, dass sie aus Naturfaser besteht. Wir wollten sowieso keine ‚Plastiksackerl‘ anziehen. Leider kommen wir dem Kunststoff nicht überall aus, z.B. bei Computern oder ähnlichen Dingen. Aber wenn dich das ‚Virus‘ einmal gepackt hat, dann lässt es dich nicht mehr los ;-).

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      Grüne Erde antwortet

      Lieber Herr Taitl, danke für Ihre Schilderung. Schön zu lesen, dass es sogar Spaß macht, Plastik aus dem Haushalt zu verbannen. Und auch wenn es nicht überall gelingt – wenn wir alle dort verzichten, wo es problemlos möglich ist, wäre schon ein großer Schritt getan. Liebe Grüße, das Grüne Erde-Team

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