Und wie reisen Sie?

  • Die Urlaubssaison steht bevor: Zu einem umweltbewussten Lebensstil gehört auch, sich selbstkritische Fragen über die persönliche Art des Reisens zu stellen.
    • Ein Pilger, der im Mittelalter zu Fuß von München nach Santiago de Compostela ging, legte etwa 2.000 km zurück. Er reiste langsam und umweltverträglich, sein ökologischer Fußabdruck war sehr klein, die Treibhausgas-Emissionen seiner Reise waren null.

      Ein Münchner, der heute einen Gesundheitsurlaub im Allgäu verbringt und mit der Bahn anreist, verursacht pro Urlaubstag 29,4 kg* Treibhausgase. Fliegt er zum Strandurlaub nach Mallorca, sind es pro Tag 87,2 kg. Unternimmt er eine Mittelmeerkreuzfahrt und reist mit dem Flugzeug an, steigen die Emissionen auf 174,7 kg täglich. Ein All-Inclusive-Urlaub in Mexiko lässt die Treibhausgas-Emissionen auf 515,6 kg pro Tag und Person hinaufschnellen. Hauptverantwortlich: die lange An- und Abreise per Flugzeug.

      Im vorindustriellen Zeitalter verursachte das Reisen noch kaum Problem für die Umwelt, war es doch einigen wenigen vorbehalten und in erster Linie zweckgerichtet: Handels-, Pilger-, Entdeckungs- und Forschungsreisen. Die paar Vergnügungsreisenden fielen nicht ins Gewicht. 1841 bot Thomas Cook die ersten organisierten Reisen an – für Wohlhabende, die sich das leisten konnten. Und schon 1873 beklagte sich Theodor Fontane: „Zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit gehört das Massenreisen. Sonst reisten bevorzugte Individuen, jetzt reist jeder und jede.“

      Und das war, bevor der Tourismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts im richtig großen Stil einsetzte. Ganz abgesehen vom „industriellen“ Massentourismus unserer Tage.
  • Schnell, aber oberflächlich

    Vom WWF Deutschland im Dezember 2015 veröffentliche Zahlen zeigen: 57 % der deutschen Urlauber sind nicht bereit, weniger zu verreisen, 52 % wollen nicht auf Flugreisen verzichten. Damit, so der WWF, würden die dicksten Brocken des CO2-Ausstoßes im Reiseverhalten unangetastet bleiben (Flugfernreisen verursachen zwischen 15 und 20 % der klimaschädlichen Emissionen im Tourismus).

    Der typische Urlauber von heute überwindet zwar die Strecke zum Ziel möglichst schnell, legt aber auf die Vertiefung am Ziel – in Kultur, Geschichte, Sprache, Literatur, Menschen, Essen, Sitten etc. – wenig bis gar keinen Wert. Doch mehr und mehr Menschen empfinden mittlerweile solche „typische“ Urlaubsreisen als zu schnell, zu oberflächlich, zu umweltschädlich. Die Sehnsucht nach langsamem, sanftem, individuellem Reisen nimmt zu. So wie der Wunsch, dabei einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen.
  • Ökologisch reisen

    Das spiegelt sich auch in der von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen für den WWF durchgeführten Untersuchung wider: Immerhin 36 % der Befragten wählen aus Klimagründen ein Urlaubsziel in der Nähe, deutlich mehr als noch 2006 (22 %). Laut Ulf Sonntag von der Forschungsgemeinschaft passt das auch zu den allgemeinen Urlaubstrends: „Wir sehen langfristig ein gewisses Wachstum bei Inlandsreisen und erdgebundenen Urlaubszielen. Egal, ob das am attraktiven Angebot dieser Ziele oder am Klimabewusstsein der Kunden liegt, es könnte sich positiv auf die CO2-Bilanz auswirken.“ Ein weiteres vielversprechendes Ergebnis: Künftig wollen 39 % bei klimafreundlichen Anbietern buchen. „Es wird also auch von der Anbieterseite abhängen, ob sich solche klimaschonenden Trends am Markt festigen“, so Sonntag.

    Wer „ökologisch reisen“ in die Internet-Suchmaschine eingibt, bekommt 428.000 Treffer und findet eine Fülle von alternativen, umweltschonenden Möglichkeiten des Reisens. Statt des Flugzeugs oder des eigenen PKWs kann man etwa auf Frachtschiffen, mit der Eisenbahn, dem Fahrrad, dem Paddelboot und auf dem Pferderücken reisen. Oder noch langsamer und intensiver, zu Fuß. Absolut umweltverträglich, wie ein Pilger im Mittelalter.
  • * berechnet als CO2-Äquivalente; Daten aus dem Bericht „Der touristische Klima- Fußabdruck“, Hgb. WWF Deutschland