Die Seele ist langsam – ein Gespräch mit Waldpädagogen Fritz Wolf

  • Die moderne, zunehmend urbane Lebens- und Berufswelt bringt mit sich, dass die Verbindung des Menschen zur Natur schwächer, die Entfremdung von ihr und ihren Rhythmen stärker wird. Zum Glück gibt es Menschen, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen, auch hier bei uns im Almtal in Oberösterreich. In loser Folge stellen wir Ihnen solche Menschen vor. Dieses Mal: den Waldpädagogen Fritz Wolf.
  • Der Waldpädagoge aus dem Almtal in seinem ureigensten Element.
    Der Waldpädagoge aus dem Almtal in seinem ureigensten Element.
  • Das Rauschen der Blätter im Wind, Vogelgezwitscher, der Duft von Walderde und Harz, die Kühle kristallklaren Quellwassers, der Geschmack von wilden Erdbeeren, der Anblick der rotglühend untergehenden Sonne: Die Natur berührt alle Sinne des Menschen. Vieles „da draußen“ erlebt man intuitiv, manchmal aber braucht man einen kundigen Menschen, der einem den Weg zu diesen Naturerfahrungen weist, damit man sie bewusst wahrnimmt. Fritz Wolf ist einer dieser Kundigen, einer dieser Naturversteher und Waldweisen.
  • Der 69-Jährige aus Scharnstein im Almtal ist Natur- und Landschaftsvermittler, Wald-, Alm- und Jagdpädagoge, Sensenmählehrer, Land- und Forstwirt. Gemeinsam mit seinem Sohn Christoph bewirtschaftet er 50 ha Wald „biologisch“. 1994 gründete er die heute gemeinsam mit Christoph geführte „Waldschule Almtal“, in der bereits Tausende Kinder und Erwachsene die Geheimnisse der Natur auf spielerische Art entdeckten.
    „Die Waldpädagogik will die Beziehungen zwischen Mensch und Wald verbessern, für den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur sensibilisieren, aber auch handfestes Wissen über den Wald, seine Pflanzen und Tiere vermitteln“, so Fritz Wolf.
    • Wer einen Nachmittag mit dem pensionierten Oberförster im Wald verbringt, ist von Anfang an auf Entschleunigung gepolt, fühlt sich wie in einem in Zeitlupe ablaufenden Film ohne Schnitt, wie in der Schwerelosigkeit eines grünen Weltalls. Er selbst spricht langsam und leise, bittet darum, die Handys auszuschalten, wartet so lange, bis sich alle gesammelt haben und im Wald „angekommen“ sind, bittet später beim Essen um Schweigen, denn: „Die Seele ist langsamer als der Körper.“
    • Der Mann im grünen Rock ist ein wandelndes Naturkundelexikon, kennt alle Pflanzen und Tiere des Waldes mit offiziellem Namen und im Almtaler Dialekt. So wird aus der Zyklame das „Veigerl no Doi“ (etwa: das Veilchen, dessen Blüte nach unten – ins Tal – zeigt). Er schwärmt von Eiben als wertvolle und wunderbare Geschöpfe des Waldes, weiß, welche Pflanzen und Pilze essbar, welche heilsam, welche giftig sind. Wolf kann anhand der Kriechrichtung des Feuersalamanders – bergauf? bergab? – das Wetter vorhersagen, nennt den Eichelhäher wegen seines typischen, krächzenden Schreis „Waldpagagei“, und bezeichnet sich – er ist auch offizielles Naturwacheorgan – selbstironisch als „Blumerl-Gendarm“. Förster zu werden, war schon als Kind sein Wunsch. Neben diesem Beruf hat Wolf 45 Jahre lang an der Forstlichen Ausbildungsstätte Ort/Gmunden unterrichtet, heute eben an der „Almtaler Waldschule“. Deren „Klassenzimmer“ ist eine mehr als 200 Jahre alte, von Wolf liebevoll restaurierte und gepflegte Holzhütte, mitten auf einer ökologisch wertvollen, selten gewordenen Magerwiese, die mit der Sense gemäht wird.
    • “Der Wald tut dem Menschen einfach gut.”
      Waldpädagoge Fritz Wolf
  • Fritz Wolf lehrt seine großen und kleinen Schüler die Achtsamkeit vor allen Lebenwesen der Natur, er lehrt sie, mit verbundenen Augen Bäume abzutasten und später wieder zu erkennen. Er inspiriert sie, aus Dingen, die der Wald bereithält, Collagen zu gestalten. Er erzählt Geschichten von sagenhaften „Bergmandln“, erörtert aber auch zeitgemäße Themen wie Holzpreise, Sicherheit bei der Forstarbeit, die Rückkehr des Wolfes in die Wälder Mitteleuropas oder die Frage, ob der Wald in Österreich für Mountainbiker geöffnet werden sollte. Wolf ist kein esoterisch verzauberter Märchenonkel. Vielmehr ein tief verwurzelter und geerdeter Praktiker und Realist, nicht zuletzt aufgrund seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Förster. So tritt er auch klar für eine wirtschaftliche Nutzung der Natur und des Waldes ein, für nachhaltige Forstwirtschaft und verantwortungsvolle Jagd.
    • Immer wichtiger werde die Erholungsfunktion des Waldes. „Viele Studien zeigen, dass sich der Aufenthalt im Wald positiv auf das Wohlbefinden und die Gesundheit auswirkt. Menschen, die oft in der Natur sind, gelten als gesünder und zufriedener. Bewusst wahrgenommene Waldspaziergänge bauen Stress ab und entspannen den Geist“, sagt Wolf. Kindern fehle etwas ganz Wichtiges, wenn sie ohne Naturerlebnisse aufwachsen.
      Man wisse, so der Waldpädagoge, dass sich etwa die Symptome bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) durch regelmäßigen Aufenthalt in der Natur deutlich bessern. Oder dass bei psychischen Erkrankungen und Burn Out der Wald eine wichtige Therapiemöglichkeit biete.

      „Man weiß noch nicht genau, wie es wirkt. Möglicherweise sind es gewisse Botenstoffe der Pflanzen“, sagt Fritz Wolf über das in Mode gekommene „Waldbaden“, bei dem sich ein als „Biophilia-Effekt“ bezeichnetes Phänomen einstelle. Eines aber weiß er nach mehr als 60 Jahren im Forst ganz sicher: „Der Wald tut dem Menschen einfach gut.“
  • Fotos: Grüne Erde