• Foto: Nasrin Arnold


  • – WAS MEIN LEBEN BEREICHERT –

  • Bella Austria



  • Vom Aus für einen Italienurlaub und der unerwarteten Entdeckung eines neuen Sehnsuchtsorts.

    • Es hätte Sardinien werden sollen. Das Meer, die jahrtausendealte Kultur der Sarden, Olivenhaine, Pecorino und Rotwein im Sonnenuntergang, noch mal richtig Sommer, wenn sich zu Hause an den Bäumen die Blätter schon langsam färben und man morgens auf dem Fahrrad einen Pullover braucht. Doch Mitte September 2020 war Corona zurück – und damit kam alles anders. Zwei Ländergrenzen, eine mehrstündige Fährüberfahrt, täglich neue Verhaltensregeln, neue Risikogebiete, neue Unsicherheiten – wir wollten im Urlaub Ruhe und Erholung, kein Abenteuer, kein permanentes Verfolgen unerfreulicher Nachrichten, kein ständiges Abwägen, ob wir bleiben oder die Zelte im wahrsten Sinne des Wortes abbrechen. Also suchten wir Alternativen zu Sardinien und fanden – Oberösterreich. „War doch schön, der kurze Stopp am Attersee damals“, sage ich. Damals war vor zwei Jahren, aber in dem Moment kam es mir vor, als sei es in einem anderen Leben gewesen. Wir waren in Graz, hatten Freundinnen besucht, waren ihnen um den Hals gefallen, hatten nicht daran gedacht, dass sie oder wir eine ansteckende Krankheit haben könnten. Auf dem Rückweg war es heiß im Auto und als wir durch die staubigen Fenster unseres röhrenden Fiats das glitzernde Wasser sahen, entschlossen wir uns zu einer kurzen Abkühlung. Jetzt, im Sommer 2020, wollten wir also richtig dort Urlaub machen – am Attersee.
    • Und es schifft!

      Es begann als Kompromiss – und es regnete. „Dafür ist es nicht so weit. In zwei Stunden sind wir wieder zu Hause“, sagte meine Frau. „Zum Beispiel, wenn Österreich zum Risikogebiet erklärt wird“, sagte sie nicht, aber wir wussten beide, dass das gemeint war. Einen Regentag am Attersee kann man – genau wie Regentage auf Sardinien – hervorragend mit Lesen verbringen. Die Berge verschwinden im dicken Nebel, der See ist nur ein weiteres Nass zusätzlich zu all der Feuchtigkeit, die auf dem Campingplatz in jedes Kleidungsstück, in den Schlafsack und unter die Haut kriecht. Wir lagen im Auto auf unserer Schlafkonstruktion, die Wassertropfen trommelten auf das Dach, ich dachte an Nächte am Gardasee, in denen es so heiß war, dass ich es im Zelt nicht mehr aushielt und mich lieber in der Hängematte von den Mücken fressen ließ. „Endlich mal nur lesen!“, sagte ich und war nicht sicher, ob ich es so meinte. Irgendwann lies der Regen nach, dafür kam die Begeisterung. Die Berge schälten sich aus der grauen Watte, lockten uns hinauf auf ihre Gipfel, belohnten uns mit weiten Sichten – „Schau, da hinten ist schon der Mondsee!“ Bei strahlendem Sonnenschein kreisten am Himmel die Paraglider, an den Ufern des Attersees lugten Taucher wie Frösche aus dem Wasser, Paddler bestiegen ihre Boote und Stand-Ups. Beim Wandern, Fahrradfahren und Schwimmen erkannten wir, dass wir in einem Paradies für alle jene gelandet waren, die neben sportlichen Aktivitäten in freier Natur gerne Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster genießen, es herrlich finden, wenn sich grüne Hügel und schroffe Felswände in riesigen Wasserflächen spiegeln, und die spontane Begegnungen mit Feuersalamandern mögen.
    • Foto: Nasrin Arnold
    • So viel zu Seen!

      Bevor es fad wird, wechselt man einfach den See: Mondsee oder Wolfgangsee sind nur einen Steinwurf entfernt und doch sind der Blick, das Wasser und die Gäste gleich ganz anders. Wir machten Halt am Traunsee und ließen uns einen Ausflug ins Almtal nicht entgehen. Am späten Nachmittag spazierten wir durch sonnendurchfluteten Wald entlang des glitzernden Almsees, genossen die Stille. Schließlich überquerten wir doch noch eine Grenze und fuhren in die Steiermark. Unseren neuen Campingplatz erreichten wir am Abend und warfen sogleich den Kocher an. Über einen Teller Nudeln gebeugt, schauten wir kurz darauf wilden Rehen beim Äsen zu. Im Hintergrund war einer der Gletscher des Dachsteinmassivs zu erkennen. „50 Jahre vielleicht noch, dann ist das ewige Eis dort oben geschmolzen“, sagte meine Frau. Sie ist Klimaforscherin, weiß, wovon sie redet, aber in dem Satz ging es nicht um Physik. Ich ließ meinen Blick über das Panorama schweifen. Der Urlaub war fast zu Ende. Die Sonne verschwand glutrot in der Senke, die ihr die Berge für ihr allabendliches Abschiedsritual freigelassen hatten. Dann wurde es zu kalt in der Hängematte. Ich blies die Kerze in unserer Laterne aus. Es würde die letzte Nacht im Zelt für diesen Urlaub werden. Aus einem Kompromiss war ein neuer Sehnsuchtsort geworden. Nächstes Jahr kann man vielleicht nach Sardinien fahren, aber in Oberösterreich und der Dachstein-Region will ich so lange campen, solange das Eis in den Alpen nicht gänzlich geschmolzen ist.
    • Autorin Nasrin Arnold, geb. 1983, studierte Südslawistik und Romanistik, promovierte zur Identität der bulgarischen Juden, schreibt seit 2016 als freie Texterin für Grüne Erde, wohnt in München und fühlt sich dort zu Hause, wo ihre Hängematte gespannt ist.
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