• Vom Glück eines Eisbads

    Man muss – will man Besonderes entdecken – auch Dinge tun, die ungewöhnlich sind, im ersten Moment vielleicht sogar verrückt erscheinen. Eva Lackerbauer, viel gereiste, sympathische Online-Marketing Managerin bei Grüne Erde, hat irgendwo zwischen Norwegen und Neuseeland das Eisbaden für sich entdeckt. Hier erzählt sie, wie alles angefangen hat und warum sie auf keinen Fall mehr darauf verzichten möchte.
  • Schwimmen gilt als ein beliebtes Erlebnis in den milden Sommermonaten, wenn die Sonne an der Wasseroberfläche bricht und die Temperaturen angenehm-warm sind. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit und Freiheit nimmt Einzug. So kam auch der Zeitpunkt – womöglich durch das Reisen und meine Liebe zu den Bergen – an welchem ich begonnen hatte, unabhängig von der Jahreszeit ins kühle Nass zu springen. Zuerst gab es diese Momente des unbekümmerten Glücks nur vereinzelt: nach einer eindrucksvollen Wanderung, einem Spaziergang oder einem besonderen Augenblick in der Natur. Die ersten Erinnerungen gehören dem Wildensee im Toten Gebirge und einigen namenlosen Wasserfällen, die ich nur dem Zufall, dem Regen der vergangenen Tage oder dem in der Sonne frisch geschmolzenen Schnee zu verdanken hatte. Diese wenigen eindrucksvollen Momente, in denen ich mich vollkommen verbunden fühlte mit meinem Innersten, aber auch mit der unberührten Natur um mich herum, wurden schnell zu einem beliebten Ritual für mich.

    Eine besonder schöne Eisbaden-Erfahrungen machte ich während meiner Ausbildung zur Skilehrerin. Vor einer für mich schwierigen Prüfung vereinbarten wir – im Falle des Bestehens – gemeinsam in den Traunsee zu springen. Für meine Erleichterung, für die Energie, die plötzlich frei wurde, gab es tatsächlich keinen besseren und schöneren Ort, als das vom Schneesturm aufgepeitschte Wasser. Kalt, frisch und klar wusch es mir die Anspannung, den Stress der vergangenen Stunden von der Seele. Viel später, in einem Wintersport-Ort in Neuseeland, habe ich erfahren und erlebt, dass Eisbaden hier für alle frisch gebackenen Skilehrerinnen und Skilehrer ein übliches Ritual ist. Warum also diesen Moment tiefer Verbundenheit nicht zu etwas ganz Normalem werden lassen?

  • Ist Eisbaden auch was für mich?

    Eisbaden, Eisschwimmen, Winterschwimmen, Kaltbaden, Wim-Hof-Methode – unter unterschiedlichen Begriffen entdecken immer mehr Menschen die positive Wirkung vom regelmäßigen, eiskalten Baden für sich. Hier ein paar nützliche Tipps für alle, die es ausprobieren möchten.
    • Alles zu seiner Zeit

      Mitten im kalten Winter zu beginnen ist schwierig und kostet sehr viel Überwindung. Fangen Sie lieber im Sommer an und machen Sie einfach Tag für Tag weiter. So werden Sie sich über den Herbst mit den sinkenden Temperaturen nach und nach an das Eisbaden gewöhnen.
    • Aufgewärmt ins kalte Nass

      Wer schon friert, hat ganz bestimmt keine Lust ins eiskalte Wasser zu springen. Körperliche Aktivität – zum Beispiel eine Joggingrunde oder auch ein Saunagang – vorab wärmen den Körper gut auf und sind so eine wunderbare Vorbereitung auf das dann erfrischende Bad.
    • Kühler Kopf und kalte Füße

      Abtrocknen und Anziehen braucht seine Zeit. Wer sich eine kleine Matte mitbringt, muss nach dem Eisbaden nicht mit nassen und kalten Füßen im Schnee stehen. Halten Sie unbedingt auch Ihre Haare trocken, wenn Sie nicht sofort nach dem Bad ins Warme gehen können.
    • Achten Sie auf Ihre Gesundheit

      Eisbaden ist zwar sehr gesund, sollte aber dennoch immer mit dem nötigen Bedacht begonnen werden. Sprechen Sie bei gesundheitlichen Einschränkungen – zum Beispiel mit dem Herzen oder Kreislauf – lieber vorab mit einem Arzt. Sicher ist sicher.
    • Begleitet oder gemeinsam

      Besonders für den Anfang empfiehlt sich eine Begleitung (auch wenn diese selbst nicht baden geht). Es gibt mittlerweile auch Kalt-Bade-Gruppen, so dass man nicht allein gehen muss. Auch wenn sich mit der Zeit eine gewisse Routine und Sicherheit einstellt, macht es zusammen noch mehr Spaß.
    • Warme Kleidung, warm ums Herz

      Achten Sie darauf, dass Ihre Kleidung bei Schnee oder Regen trocken und möglichst warm bleibt. Kalt und nass sollte auf die Zeit des Badens beschränkt bleiben. Danach gibt es nichts Schöneres als kuschelige Kleidung und einen Tee oder ein anderes warmes Getränk zum Aufwärmen.
  • Ein fester Platz im Alltag für Entschleunigung

    Im Sommer 2018 waren mein Freund und ich mehrere Wochen in Norwegen unterwegs. Es gab fast nie eine Dusche, aber immer mindestens ein erfrischendes Gewässer – ein munterer Bach, ein kristallklarer See oder einer der vielen atemberaubenden Fjorde. Jeder Tag nahm seinen Anfang ganz selbstverständlich im kalten, manchmal eiskalten Wasser. Majestätisch schöne Landschaften bildeten einen unvergesslichen Rahmen für unsere oft nur einige Sekunden dauernden Bäder. Jedes einzelne davon löste in mir ein mir bis dahin unbekanntes Gefühl von Glück aus, das mich noch über Stunden hinweg begleitete. Auf dem Heimweg von Norwegen besuchten wir Freunde in ihrem Sommerhäuschen an der schwedischen Küste. Auf meinen Vorschlag hin, gemeinsam bei Wind und Wetter im Meer zu baden, reagierten sie mit der wunderbaren schwedischen Weisheit: „Man ångrar aldrig ett bad“ – Man bereut nie ein Bad. Mit diesem Satz war mein Beschluss geboren, mein skandinavisches Ritual fortzuführen – er ist für mich zum Mantra geworden.

  • Zurück in München – damals unser Zuhause – suchte ich mir ein Badeplatzerl an der Isar, wo ich mich jeden Morgen mit Hund und Handtuch einfand. Täglich ließ ich mich vom Fluss ein kleines Stück mitnehmen. Im Spätsommer war das Wasser noch eine willkommene Erfrischung, ich bemerkte Tag für Tag wie es abkühlte. Dann fielen die ersten Blätter von den Bäumen, die Tage wurden kürzer und wenn ungemütliche Böen den Regen an die Fensterscheibe schlugen, kostete es mich Überwindung, an meinem Ritual festzuhalten. Aber ich hatte mir vorgenommen, jeden Morgen mein Bad zu nehmen – und bis Weihnachten schwamm ich ohne eine einzige Ausnahme jeden Morgen. Egal wie das Wetter war und egal wo. In der Ostsee, wo der Wind mir das Salzwasser ins Gesicht peitschte. In Hamburg in der Elbe, obwohl das Wasser am Hafen eine gute Ausrede gewesen wäre, es nicht zu tun: Es war überall ein zumindest akzeptables Gewässer zu finden – und es waren auch viele schöne, ja sogar magische Momente dabei. In Malmö radelte ich früh morgens ans Meer, und gerade als ich barfuß auf dem Weg zur Badeleiter war, legten sich groß, weiß und sanft die ersten Schneeflocken auf den Holzsteg.
  • Eine Faszination, die sich leichter teilen als erklären lässt

    Nach und nach entdeckte ich, dass auch Menschen in meinem Umfeld ein ähnliches Ritual pflegen – eine ältere Dame in meinem Heimatort am Traunsee geht schon seit vielen Jahren Eisbaden, ein anderes Ehepaar sieht man täglich im Bademantel zum See spazieren, noch vor dem Morgenkaffee. Auch mein Partner hat irgendwann damit angefangen, nach seiner Laufrunde in den See oder den Fluss zu springen und ist mittlerweile von uns beiden der konsistentere Eisschwimmer geworden. Bei mir sind es an eiskalten Wintertagen oft nur zehn Sekunden – manchmal schaffe ich es nicht mal, die Badeleiter loszulassen. Aber die positiven Effekte sind für mich immer gleich. Ich verlasse für einen kurzen Moment meine Komfortzone, ich überwinde mich, starte in jeden Tag mit der Gewissheit und dem Gefühl, dass ich etwas schaffen, mich herausfordern kann.

    Dieser plötzliche Rausch, wenn das kalte Wasser die Haut umspült, du pausierst ein paar Atemzüge, alle Gedanken sind weg und du bist für einen kleinen Augenblick ganz klar, aufgeräumt, nur bei dir und deinem Körper. Du steigst aus dem Wasser, bist innerlich zufrieden und zugleich scheint es als hätten Körper und Geist nun alle Energien bereitgestellt, die sie zur Verfügung haben – als hätte dir die Kälte Kraft gegeben. Das Handtuch nimmt die Wassertropfen von deiner Haut, du schlüpfst in deine Kleidung, ein warmer Wintermantel über deinen Schultern, an den Füßen Schafwollstiefel und du merkst: Man bereut niemals ein Bad.

    Fotos: Eva Lackerbauer, Unsplash