Ein Gebäude, das atmet

  • Der Architekt und Landschaftsarchitekt Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Klaus K. Loenhart leitet das Studio für Architektur- und Landschaftsarchitektur terrain: integral designs in München und Graz. Er und sein Team haben das Gesamtkonzept der Grüne Erde-Welt entwickelt. Der renommierte Architekt zeichnete u. a. für den vielfach preisgekrönten Österreich-Pavillon bei der Mailänder Expo 2015 verantwortlich.
    • Redaktion: Wie ist die Leitidee „Grüne Erde wird Landschaft“ entstanden?

      Klaus K. Loenhart: Meine Aufgabe war zunächst, im Team mit dem Bauherrn genau hinzuhören und hinzufühlen, um zu verstehen, was die Grüne Erde überhaupt ist – wo deren hidden treasures liegen. Denn hinter den Grüne Erde-Produkten, ihrer Ökologie, Benutzung, und der Freude, die man damit hat, liegt in meinen Augen eine „ganze Welt“. Und das meine ich wörtlich: Es liegt tatsächlich eine ganze lebendige Welt hinter den Produkten der Grünen Erde. Und dabei handelt es sich nicht nur um natürliche Rohstoffe, die handwerklich geschickt verarbeitet werden, sondern um die Idee einer ganzheitlichen Ökologie von Landschaften und Menschen. Auf dieser Grundlage wollte mein Team verstehen, was die Grüne Erde-Welt eigentlich sein will – im Kontext dieses ganzheitlichen Ansatzes. Daraus entstand die Leitidee, dass die Grüne Erde-Welt eine zu erlebende, aber auch „lebendige“ Landschaft sein soll, in der entwickelt, gearbeitet, besucht und entdeckt wird – und tatsächliche „Lebendigkeit“ integraler Teil ist. Das Erlebnis von Landschaft im Gebäude wird dann auch auf einer Ebene spürbar, welche die Besucher und Mitarbeiter sinnlich, emotional, intuitiv, unbewusst berührt. Es ist ein atmender Innenraum entstanden, dessen reichlich bepflanzte Lichthöfe Luft zum Atmen bereitstellen, dazu Holzstützen – frei stehend wie im Wald, hohe Holzdecken, das wechselnde Lichtspiel, einmal kleinräumiger, dann wieder weiter und offener, sich ständig verändernde Blickbezüge: Ein Rundgang durch die Grüne Erde-Welt erinnert an einen Spaziergang durch den Wald, der Eindrücke ermöglicht, die man nicht großartig analysieren muss, sondern die einfach entstehen, die man fühlt und genießt.
    • Blick von einem der 13 Lichthöfe in die Grüne Erde-Welt
    • Architekt Klaus K. Loenhart
    • “Ein Beispiel für das künftige Wirtschaften auf unserem Planeten. Nichts weniger als das.”
      Architekt und Landschaftsarchitekt Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Klaus K. Loenhart
    • Redaktion: Die meisten Firmenzentralen wollen gesehen werden und sich von der Umgebung abheben. Die Grüne Erde-Welt will „unsichtbar“ sein. Warum?
  • Klaus K. Loenhart: Unsichtbarkeit wäre eine Illusion, doch in der Zurückhaltung liegt die Überzeugung, dass das Erleben der Grüne Erde-Welt im Vordergrund stehen soll – kein architektonisches Zeichen, das man bereits aus der Ferne erkennt. Das wäre ein unangebrachtes Symbol für die Grüne Erde. Und so soll auch dem Landschaftserlebnis und der Annäherung Raum gegeben werden. Durchatmen, riechen und erfühlen der Landschaft nach dem Ankommen und Eintreten in die Grüne Erde-Welt sind gewünscht. Gerade der Weg zum zwischen Bäumen liegenden Gebäude ist ein wichtiger Teil des Besuchserlebnisses, der vielleicht sogar ein bisschen Distanz zum Alltag schafft. So wird die Idee von Landschaft erspürt, die dann auch im Gebäude präsent sein wird.

    Redaktion: Dabei spielt wohl auch der flache, niedrige Baukörper eine Rolle?

    Klaus K. Loenhart: Ja, es geht ganz bewusst um Horizontalität, denn viele Dinge, die wir als horizontal wahrnehmen, sind mit Landschaft verbunden. Oft kann man erleben, dass Landschaft und Horizont untrennbar verbunden sind. Während das Vertikale, etwa ein Kirchturm, als Zeichen von Kultur dient, begreift man das Horizontale eher als Landschaft. Unser Gebäude verhält sich horizontal, also wie Landschaft, und wird daher vom Menschen auch vorzugsweise entsprechend zugeordnet. Das Gebäude ist als Objekt dann schwerer zu fassen.

    Redaktion: Warum wählte man für die Eingangsfassade Spiegelglas und nicht Holz?

    Klaus K. Loenhart: Ein großer Teil der Gebäudefassade besteht aus eigens entwickelten, großformatigen Holzschindeln, nur auf der Zugangsseite haben wir uns für Glas-Schindeln entschieden. Eine Fassade vollständig aus Holz schien uns zu vordergründig, da diese „ein 200 Meter langes großes Haus“ dahinter vermuten lässt. Die Glas-Schindelfassade ist subtiler, überraschender, denn bei der Annäherung beschäftigt man sich eher damit, sinnlich zu verstehen, an welchem Ort man überhaupt ist, weil man zuerst Himmel, Bäume und Landschaft im Spiegel sieht. Ganz überraschend ist diese Fassade dann eben nicht repräsentativ, sondern Teil des Konzepts, das Gebäude mit der Natur als Gesamtes zu erleben. So helfen die verschiedenen Neigungswinkel der Glas-Schindeln, die Lebendigkeit von Natur, Landschaft, Himmel und Wolken bei wechselndem Wetter und verschiedenen Lichtstimmungen zu erleben. Die eigene Bewegung vor den Schindeln macht Landschaft erlebbar und spürbar. Wir hatten also den Mut, eigentlich keine Fassade zu bauen. Denn die spiegelnden Facetten bilden keine Fassade, sondern ein Medium, das uns die Landschaft auf einer anderen Ebene erleben lässt.

    Redaktion: Die Natur ist grundlegender Teil des Konzepts. Welche Rolle spielte der Mensch bei der Planung?

    Klaus K. Loenhart: Ihre Frage spielt offenbar auf das Stereotyp des Architekten an, der auf seinen Entwurf fixiert ist und den Menschen dabei vergisst. Da bringen Sie mich zum Schmunzeln. Doch in all unseren Projekten, und dazu zählt im Besonderen die Grüne Erde-Welt, gibt es nichts und niemanden, den wir von der Gebäudeidee separieren, nicht den Menschen und nicht die natürliche Umwelt. Wir haben uns daher auch bei der Grüne Erde-Welt die zentrale Frage gestellt: Welchen Bezug werden die Menschen zu diesem Gebäude haben? Wie werden es die Besucher erleben, und all jene, die dort arbeiten? Und die Antwort ist: als Bereicherung!
    Es ist stets unser Anspruch, dass die Gebäude, die wir entwerfen, eine Bereicherung sind für die Menschen und für unsere lebendige Umwelt. Insofern, als zum Beispiel die Baumaterialien keine Schadstoffe abgeben dürfen. Das kommt Mitarbeitern und Besuchern genauso wie der Umwelt zugute. Ich möchte sogar noch weiter gehen und sagen: Der Anspruch, für den Menschen zu bauen, muss immer beeinhalten, auch für die Umwelt zu bauen.
  • Redaktion: Was hat es mit den 13 Lichthöfen und deren Bepflanzung auf sich?

    Klaus K. Loenhart: Diese Lichthöfe mit ihren Pflanzengemeinschaften sind ein Alleinstellungsmerkmal der Grüne Erde-Welt. Nicht nur im räumlichen, ästhetischen Sinn, sondern auch in Bezug auf die – und jetzt benütze ich bewusst das Wort – Performanz der Lichthöfe. Damit meine ich, was die Höfe und ihre Vegetation aktiv machen, welches Mikroklima sie erzeugen, wie sie für natürliches, lebendiges Licht sorgen und die gesamte natürliche Belüftung übernehmen, wie die Höfe miteinander kommunizieren, indem die Außenluft in einen Hof ein- und bei einem anderen ausströmt. Die Lichthöfe ermöglichen auf diese Weise tatsächlich ein organisches Ein- und Ausatmen des Gebäudes. Anstatt Klimaanlagen einzusetzen, produzieren unsere Höfe in ihrer Klimaperformanz die benötigte Kühle, und Sauerstoff zum Atmen!

    Redaktion: Nach welchem Prinzip wurden die Lichthöfe angeordnet?

    Klaus K. Loenhart: Die Höfe stehen zueinander in einem bestimmten Verhältnis. Die Abstände ergeben sich aus dem Raum, den jeder Hof beatmen kann. So einfach ist das im Prinzip. Zusammen mit Klimatechnikern wurde dann über Simulation ermittelt, wieviel Raum jeder Hof beatmen kann, und daraus ergaben sich die Größe, Anzahl und Dichte der Lichthöfe.

    Redaktion: In den einzelnen Höfen finden sich spezifische Pflanzengemeinschaften, vom Ahorn-Eschen-Schluchtwald bis zum Zirben-Lärchenwald. Warum wurden so viele unterschiedliche Pflanzengemeinschaften gewählt?

    Klaus K. Loenhart: Diese verschiedenen Pflanzengemeinschaften repräsentieren die Vielfalt des österreichischen Waldes, lassen uns die Fülle erleben, die die Ökosysteme unserer Wälder bieten. Sie weisen auch auf die Vielfalt des natürlichen Rohstoffes Holz hin, mit dem die Grüne Erde arbeitet. Und sie zeigen, dass in diesem Gebäude viel Platz für natürliche Fülle und Vielfalt ist, und dass beim ökologischen Bauen mit der Natur Innovation gefragt ist.

    Redaktion: Die Pflanzengemeinschaften in den Lichthöfen bestehen jeweils aus bis zu 20 Arten. Wie wählt man diese Pflanzen aus?

    Klaus K. Loenhart: So komplex das Zusammenspiel der Pflanzen ist, so einfach ist es auch. Denn wir beobachten lediglich ganz genau, wie es die Natur macht, wie sich Pflanzengemeinschaften in der Natur in einer bestimmten Umgebung, mit einem bestimmten Klima und Boden zusammensetzen. Also, wie bestimmte Pflanzen von Natur aus zusammenfinden und sogar miteinander kommunizieren, um ihren Lebensraum zu stärken. Die größte Inspiration für diese grünen Höfe und deren Performanz war also die Natur selbst. Sie war unsere Co-Designerin.
    Das Gute am komplexen System dieser Pflanzengemeinschaften – Boden, Mikroorganismen, Moos, Gras, Farne, Stauden, Bäume – ist: Man muss lediglich auf die exakten Voraussetzungen in den Lichthöfen bedacht sein, sodass dieses natürliche Miteinander auch auf kleinem Raum funktionieren kann, und eine gute Performanz der Pflanzengemeinschaft ermöglicht.

    Redaktion: Lässt sich das Prinzip einer funktionierenden Pflanzengemeinschaft aus der freien Natur ohne Weiteres auf die 30 m2 große Fläche eines Lichthofes übertragen?

    Klaus K. Loenhart: Natürlich funktionieren solche Pflanzengemeinschaften, wie wir sie in den Lichthöfen haben, in der Landschaft in viel größeren klimatischen und organischen Zusammenhängen. Bei den Pflanzengemeinschaften in unseren Höfen kann es Veränderungen geben, vielleicht entwickeln sich manche Pflanzen sogar besser. Wir haben aber auch Vorkehrungen getroffen, wenn es zu trocken oder zu warm werden sollte. Dann wird über ein Düsensystem feinster Wassernebel eingeblasen, um die Luftfeuchtigkeit und Temperatur in den Lichthöfen an besonders heißen und trockenen Tagen anzupassen. Wir setzen hier bewusst Technik im Wissen um das organische Miteinander der Pflanzen ein. Sehr sorgsam, zurückhaltend und ergänzend. Alles Andere überlassen wir der Natur.

    Redaktion: Wie passen die Außenanlagen der Grüne Erde-Welt ins Grundkonzept?

    Klaus K. Loenhart: Bei unseren Projekten denken wir niemals das Gebäude separiert von seiner Umgebung. Dabei spielen auch die Außenanlagen eine bedeutende Rolle. Im unmittelbaren Umfeld wurde deshalb sehr naturnahe Kulturlandschaft geschaffen, hunderte Bäume gepflanzt, Wiesen, Obstgärten und ökologisch bewirtschaftete Gemüsefelder angelegt, die miteinander ein kleines Ökosystem bilden und nicht bloße Dekoration bleiben. Wir haben damit aber auch ein Stück Kulturlandschaft neu definiert, weil so etwa die Gemüsegärtnerei das Bild einer idealen künftigen Landwirtschaft erlebbar macht. Und dies nicht museal als Schaugärtnerei, sondern als aktiv produzierende Landwirtschaft, deren biologische Produkte dann gleich im Bistro der Grüne Ede-Welt verkostet werden können. Wir stellen den Anspruch, mit diesem Ort ein Stück Zukunft zu präsentieren, wie wir ökologisch wirtschaften und gesunde Nahrungsmittel regional produzieren können, ohne die Böden zu zerstören. Wir sind an einem Punkt auf diesem Planeten angelangt, wo solche Lösungen dringend erforderlich sind.

    Redaktion: Was bedeutet das Projekt Grüne Erde-Welt generell für künftiges Handeln?

    Klaus K. Loenhart: Wie wir alle gerade verstärkt erleben, hat der Mensch durch sein tägliches, individuelles Handeln Umwelt und Natur bereits stark verändert. So kann es nicht weitergehen. Ich sehe zwei Wege: Wir reduzieren unseren Konsum, schränken unsere Mobilität ein, verzichten auf Vieles, schaffen uns damit quasi selbst ab. Das ist eine passive Strategie. In unserem Fall hätte das bedeutet zu sagen: Vom ökologischen Standpunkt aus ist das beste Gebäude gar kein Gebäude. Also bauen wir gar nichts. Oder – meine Präferenz – wir erfinden unsere Art zu produzieren, zu konsumieren und zu leben im Bezug zur Umwelt neu. Auch im Wissen und Vertrauen, dass wir etwas positiv verändern können. Also statt passivem Verzicht ein aktives, kreatives Gestalten – mit dem Fokus auf Natur, Umwelt, Nachhaltigkeit und sozialem Miteinander. Die Grüne Erde-Welt ist ein gutes Beispiel dafür: Sie zeigt den ernsthaften, gleichzeitig auch fröhlichen, spielerischen Zugang zum Thema. Sie ist kreativ und innovativ, wirkt gleichzeitig positiv auf die Umwelt.

    Redaktion: Inwieweit ist die Grüne Erde-Welt ein Pilotprojekt?

    Klaus K. Loenhart: Wir kommen mit diesem Projekt einem Handeln näher, welches das weitere Leben auf unserem Planeten weniger gefährdet als es die Menschheit derzeit tut. Die Grüne Erde-Welt ist – und das ist meine Präferenz – plant based, beruht also auf pflanzlichen, nachwachsenden Rohstoffen: vom Baumaterial Holz über die gesamte Produktpalette der Grünen Erde und die Bio-Landwirtschaft rund um das Gebäude bis hin zum vegetarisch-biologischen Bistro. Dazu kommt die ökologische Energieversorgung durch Erdwärme und Sonne. Das alles verbindet sich an diesem Ort untrennbar mit der Gesundheit und Lebendigkeit des Planeten Erde. Mit pflanzlichen Rohstoffen und erneuerbarer Energie zu arbeiten heißt, den Anspruch der Nachhaltigkeit zu erfüllen. Gemeinsam mit Regionalität, Qualität und sozialer Fairness entsteht daraus mit der Grüne Erde-Welt etwas Beispielhaftes für das künftige Wirtschaften auf unserem Planeten. Nichts weniger als das.