Achtsamkeit – Stille Sehnsucht

  • Der Alltag bewirkt, dass immer mehr Menschen dem Lärm und der Unruhe entfliehen wollen. Vielen gelingt es. Und manche stellen fest, dass akustische Stille nicht das gleiche ist wie Stille in uns selbst.
  • Landschaft: Stille Sehnsucht – Photo by Ales Krivec on Unsplash
  • Vor wenigen Wochen haben wohl viele die Stille besungen: „Still, still, still, weil ́s Kindlein schlafen will", sollte es sein. Und natürlich die „Stille Nacht, heilige Nacht". Aber einmal abgesehen von Weihnachten – wie wichtig ist uns die Stille überhaupt? Die erstaunliche Antwort ist: Je lauter wir unsere Welt gestalten, desto mehr beginnen wir, uns nach der Abwesenheit von Geräuschen, Musik und Stimmen zu sehnen. Der Wunsch nach Stille ist heute größer denn je.
  • Die Umwelt wird immer lauter – die Sehnsucht nach der Stille steigt

    Unsere Umwelt ist immer lauter geworden in den letzten Jahrzehnten. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Der Flugverkehr nimmt zu, Großraumbüros werden immer häufiger und Autos werden ständig mehr – während Elektroautos noch keine so große Rolle spielen, dass es auf den Straßen wirklich ruhiger wird. Hinzu kommt permanente Musikberieselung in Aufzügen, Geschäften und sogar U-Bahnhöfen. Ganz abgesehen von klingelnden Handys in unserer direkten Umgebung. Natürlich wird auf manchen Gebieten etwas verbessert, etwa bei Lärmschutzmaßnahmen auf Baustellen oder entlang von Autobahnen. Aber dies bedeutet keine spürbare Erleichterung für die Mehrzahl der Menschen. Und schließlich spielt auch das subjektive Empfinden eines hektischen Lebens eine Rolle: Wir sind aktiver denn je. Fühlen uns gehetzt und gestresst – dann zehrt Lärm gleich noch mehr an unseren Nerven.
  • Selbst die Medizin sagt: Stille tut gut

    Leider können wir unsere Ohren nicht willentlich verschließen wie die Augen oder den Mund. Wir können uns also oft gar nicht aussuchen, was in unser Ohr dringt. Und das scheint laut Psychologie das eigentliche Problem zu sein: Dass wir unser Leben in dieser Hinsicht nicht selbst gestalten können. Dabei haben Mediziner herausgefunden, wie gut Stille tut: Untersuchungen an Mäusen zeigen, dass Stille das Wachstum von neuen Gehirnzellen fördert, die sich dann zu funktionierenden Nervenzellen weiterentwickeln. Und ein paar Minuten ohne Geräusche machen Menschen sogar gelassener als das Hören von Entspannungsmusik.

    Was also tun? Wo gibt es eigentlich noch Stille? Zurück in den Mutterleib zu schlüpfen, scheint jedenfalls keine Lösung zu sein. Erstens ist das schwer zu bewerkstelligen. Zweitens ist es auch da nicht wirklich still: Bis zu 80 Dezibel dröhnen in der Gebärmutter. Zum Vergleich: 130 Dezibel entsprechen einem Überschallflugzeug im Tiefflug. Dann also vielleicht doch lieber Abkapseln unter Kopfhörern? In diesem Fall kann man zwar selbst aussuchen, was an die Ohren dringt. Doch echte Stille klingt anders.
    • Etwas mehr Achtsamkeit und Ruhe

      Der Rückzug auf eine einsame Alm könnte eine Lösung sein. Es gibt Almen in Österreich, Deutschland und der Schweiz, auf denen man im Sommer anheuern kann, um Tiere wie Kühe oder Ziegen zu hüten. Wer auf der Suche nach einer Auszeit vom Zivilisationslärm ist und eine der begehrten Hütten ergattert hat, lebt dann ganz puristisch: ohne Strom, fließendes Wasser, TV und Handy-Empfang. Auf Ansprache und Nachrichten müssen die ruhesuchenden Städter also verzichten – stattdessen erfahren sie etwas ganz anderes: die Heilsamkeit von Stille. Es tut gut, endlich nicht mehr all die sonst normalen Sätze und Töne verarbeiten zu müssen. Stille erhöht unsere Konzentrationsfähigkeit, weil wir im Gehirn nicht mehr herumspringen zwischen den vielen verschiedenen Eindrücken. Dabei nehmen wir uns selbst stärker wahr.

      Manchmal kann das aber auch zu Problemen führen, wie Psychologen beobachtet haben. Man muss nämlich die Konfrontation mit sich selbst aushalten können. Bekannt ist, dass es eine paradoxe Erscheinung gibt: Wenn Menschen die akustische Stille endlich gefunden haben, dann geht der Lärm in ihrem Inneren los. Und dieser lässt sich noch schwerer abschalten. Es kann vorkommen, dass die Flucht in die Einsamkeit anschließend aufs Sofa eines Therapeuten führt.

      Vielleicht sollten wir also gar nicht die absolute Stille suchen. Sondern etwas mehr Achtsamkeit und Ruhe da anstreben, wo wir gerade sind. In diesem Moment. Zum Beispiel könnten wir eine Tasse Tee oder ein stilles Glas Mineralwasser zelebrieren. Schließlich werden schon Säuglinge beim Trinken still und zufrieden – wie uns das Verb „stillen" verrät.
    • Tee-Rezept für Momente der Stille

      Kamille | Tulsi = indisches Basilikum | Holunderblüten


      Zubereitung: Die getrockneten Zutaten aus zertifiziertem Bio-Anbau je nach Geschmack in einem selbst gewählten Verhältnis mischen. Pro Tasse 1 bis 2 Teelöffel mit kochendem Wasser übergießen. 5 bis 10 Minuten ziehen lassen, abseihen und zur Ruhe kommen.

      Genießen Sie die Ruhe bei einer Tasse Tee; Photo by ORNELLA BINNI on Unsplash
  • Fotos: Landschaftsbild: Photo by Ales Krivec on Unsplash;
    Teerezept: Photo by ORNELLA BINNI on Unsplash