Die Nische der Nische – Seidra Textilwerke

  • Qualität, Ökologie, anspruchsvolle Dessins, Glaubwürdigkeit, Flexibilität: wie sich die kleine Kärntner Weberei Seidra auf dem Textilweltmarkt behauptet.
  • “Wir sind in der Nische der Nische.”
      • Michael Pilger meint damit nicht nur den Platz des kleinen Familienbetriebes Seidra in der globalen Textilwirtschaft, sondern wohl auch dessen Standort im entlegenen Oberkärntner Weiler Draschitz im Gailtal, nur wenige Kilometer von der italienischen Grenze entfernt.

        Hier werden Stoffe sowohl für schmucke Uniformen der königlich norwegischen Garde als auch für die Modekollektion der Grünen Erde gewebt – was einerseits die Spezialisierung, andererseits die Internationalität der Weberei Seidra zeigt.

        Der GOTS-zertifizierte Betrieb (Global Organic Textile Standard) ist einer der letzten in Europa mit Weberei und Strickerei unter einem Dach, eine der letzten vier in Österreich verbliebenen Leinenwebereien, und einer der wenigen, die das Verstricken von Leinenfasern beherrschen.
      • Hochwertige, kreative, ökologische Stoffe

        Michael Pilger und seine Lebenspartnerin Martina Isepp, eine ausgebildete Textiltechnikerin, stiegen 2010 in den Familienbetrieb von Martinas Eltern ein und richteten die ehemalige Seidenweberei in Draschitz konsequent in Richtung Top-Qualität, Ökologie, Naturfasern und Nachhaltigkeit aus. Die beiden konzentrieren sich auf hochwertige, kreative, ökologische, einzigartige Stoffe für anspruchsvolle Kunden auf der ganzen Welt.

        Zur umweltfreundlichen Produktion zählt auch die Umstellung der Heizung auf Holzhackschnitzel aus den Wäldern der Umgebung, wodurch jährlich 45.000 Liter Heizöl eingespart werden.

        Seidra entwickelt jährlich eigene Stoffkollektionen und stellt sie auf Messen vor bzw. gestaltet Dessins gemeinsam mit Kunden – wie dies bei Grüne Erde der Fall ist. „Wir sind sehr flexibel und können auch auf ausgefallene Kundenwünsche eingehen“, sagt Martina Isepp. Das heißt etwa, auch Kleinstmengen von nur 50 m eines Stoffes zu weben. Eine Menge, bei der eine Großweberei nicht einmal mit den Ohren zuckt, weil es für sie vielleicht erst bei 5.000 m kommerziell interessant wird. Um auch außergewöhnliche Dessin-Wünsche rasch erfüllen zu können, muss man die entsprechenden Garne in unzähligen verschiedenen Varianten auf Lager haben, bei Seidra sind das ca. 100 Tonnen (!). Dabei kommt dem Betrieb auch zugute, dass man die Zwirnerei im eigenen Haus hat: Dabei werden zwei oder mehr Fäden zu einem Garn verdreht. So lassen sich interessante Farb- bzw. Struktureffekte im Gewebe erzielen und außerdem macht Zwirnen das Garn fester und haltbarer.
      • Tempo ist nicht alles

        Bei Seidra stehen 45 Web- und 18 Strickmaschinen. Die meisten laufen nicht mit maximaler Geschwindigkeit, wie es die Wirtschaftlichkeit gebieten würde. Aber Tempo ist hier nicht das oberste Gebot: „Langsameres Weben schont das Garn und ergibt eine bessere Qualität“, so Pilger. Weitere interessante Beobachtung: „Auf unseren alten, langsameren Webstühlen wird das Leinengewebe schöner als auf den modernen, schnelleren.“ Ebenfalls typisch Seidra: die penible Qualitätskontrolle der fertigen Gewebe per „Augenschein“ und das Ausbessern entdeckter Fehler von Hand. Michael Pilger: „So etwas wird heute fast nirgends mehr gemacht. Dafür ist bei den meisten Großbetrieben keine Zeit mehr.“ In der Branche weiß man: Die interne Qualitätskontrolle bei Seidra ist so streng, dass sich die Wareneingangskontrolle eigentlich erübrigt.

        Für Michael Pilger und Martina Isepp sind Dinge wie Herkunft und Nachvollziehbarkeit wichtig:

      • “Wir wissen bei jeder Garnspule, wo die Faser herkommt, wo und wie sie gesponnen, gefärbt und veredelt wird.”
      • So etwa stammt das bei Seidra verwobene Leinen aus Frankreich und Belgien. Die Spinnereien und Betriebe zur – ausschließlich mechanischen, chemie-freien – Ausrüstung und Veredelung der Gewebe stehen in Deutschland, Österreich und Italien. Es sind, so wie Seidra selbst, hochspezialisierte, in ihrer „Nische“ jeweils einzigartige Betriebe, mit denen jahrzehntelange Kooperationen bestehen.
  • Herzlich, offen, familiär

    Michael Pilger erwähnt häufig Begriffe wie Leidenschaft, Begeisterung, Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Faszination, Freude an der Textilproduktion. Tatsächlich: Wer durch den Betrieb geht und mit den Mitarbeiterinnen – sie stammen alle aus der Region – redet, der spürt das herzliche, freundliche, offene, familiäre Klima. Es wird auffallend viel gelacht, es „menschelt“.

    Und der Sohn von Michael und Martina, der kleine Jonas, darf sich unter den vielen Frauen wie ein „kleiner Prinz“ fühlen. Wird auch er einmal Weber?