• Achtsamkeit – ein Lob der Muße

    Muße ist an sich zweckfrei und ohne ökonomischen Nutzen. Man widmet sich ihr um ihrer selbst Willen – und es ist der Anfang aller Ideen. Denn wirklich schöpferische Einfälle kommen einem am ehesten dann, wenn man sie nicht zu erzwingen versucht und es schafft, den Kopf zu leeren. Doch Zeiten der Muße sind zur bedrohten Ressource in unserer „Beschleunigungsgesellschaft“ geworden. Nicht in diesem Frühjahr, nicht heute: In dieser Auszeit vom permanentem Getriebensein ist es wieder möglich, Herr über seine Zeit zu werden und sich mußevolle Stunden zu erlauben.
  • „Kinder müssen in ihrer eigenen Langeweile versinken, damit die Welt um sie herum so still wird, dass sie sich selbst hören können“, sagt die amerikanische Psychologin Vanessa Lapointe. Wer jemals mit einem Kind durch die Natur spazierte, welches sich eine geschlagene Viertelstunde am Anblick eines krabbelnden Käfers still vergnügte und darüber die Welt um sich herum vergaß, weiß, was Muße ist.

    Doch nicht nur Kinder brauchen Muße und Langeweile: Viele erwachsene Menschen sehnen sich danach, mehr Zeit für sich zu haben. Sie würden gerne wieder einmal durchatmen, sich einfach treiben lassen und ihre innere Ruhe finden.

    Kurzum: Jeder Mensch braucht Auszeiten vom permanentem Getriebensein. Stunden oder auch nur Momente der Muße und des Nichtstuns sind wichtig, um sich zu erholen, Einsichten zu gewinnen, Perspektiven zu entwickeln, Energie zu sammeln, gesund zu bleiben und sich wohl zu fühlen. Es ist eine wertvolle Zeit, in der wir unserer Kreativität und Fantasie freien Lauf lassen und uns auf uns Selbst besinnen können.
  • Schon berühmte Philosophen wussten: Muße ist wertvoll

    Im Sinne eines schöpferischen Aktes begegnet uns die Muße – lat. otium – bereits in der Antike: als Gegenpol zur produktiven Arbeit – negotium. Die Bedeutung von otium reichte von Muße und Ruhe über Studium und Schule bis zu Verzögerung und Langsamkeit.

    Der römische Philosoph Cicero prägte den Begriff otium cum dignitate und meinte damit eine mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung in Zurückgezogenheit verbrachte „würdevolle Muße“. Für Ciceros Fachkollegen Seneca war Muße „ein Lebenszustand ohne politische Tätigkeiten“.

    Daraus lernen wir: Für die Philosophen der Antike bedeutete Muße nicht, gar nichts zu tun. Sie erachteten die Muße mit ihren charakterbildenden und kreativen Möglichkeiten für wertvoll. Entsprechend hoch angesehen waren „Lebenskünstler“ wie etwa Epikur oder die Stoiker.
    • Bedeutung der Muße im Mittelalter

      Im Gegensatz dazu setzte man später in der katholischen Kirche und im mittelalterlichen europäischen Mönchtum die Muße mit Trägheit gleich. Diese gilt bis heute als eine der sieben „Hauptsünden“. Kaum besser wurden Muße und Müßiggang im Protestantismus bewertet: Der Reformator Johannes Calvin etwa verstand beruflichen Erfolg als Zeichen göttlicher Erwählung. Muße musste vermieden werden, sie galt als Faulheit. Ausdruck dieser Einschätzung ist das berühmte Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“.
      Dem allerdings widersprach der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard (1813-1855): „An sich ist Müßiggang durchaus nicht die Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“ Auch Lord Melbourne, britischer Premierminister unter Queen Victoria, lobte die „Tugend des meisterhaften Nichtstuns“.
    • Langeweile ist für Kinder gut, sagen Psychologen

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      „Langeweile ist kein Defizit, sondern eine Gelegenheit. Nur so kann der Geist eines Kindes flanieren lernen. Und nur mit einem vom ständigen Bombardement der Außenwelt geschützten Geist können sich soziale Fähigkeiten und selbstständiges Vorstellungsvermögen entwickeln“, so die britische Entwicklungspsychologin Teresa Belton von der University of East Anglia.

      Nach jahrelanger Forschung war Belton zum Ergebnis gekommen, dass es einen deutlich erkennbaren Zusammenhang zwischen Langeweile bei Kindern und ihrer Vorstellungsgabe und Fähigkeit zur Kreativität gibt. Langeweile sei eine Chance für Kinder, zu ihren eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten zu finden. Psychologen sagen also, dass es Kindern gut tut, sich langweilen zu dürfen. Bloß fällt es den meisten Eltern schwer, diese Langeweile auch zuzulassen ...
    • In der Muße fällt das Müssen weg

      Muße ist jene Zeit abseits von Arbeit, Beruf und Schule, frei von Verpflichtungen jeglicher Art, die der Mensch nach eigenem Willen nutzen und frei gestalten kann. Muße sollte aber nicht mit Freizeit verwechselt werden, denn spätestens mit der Kommerzialisierung und strikten Organisation der Freizeit verschwand die Muße auch aus diesem Lebensbereich.
  • Das Wesen der Muße ist eben, dass sie an sich zweckfrei und ohne ökonomischen Nutzen ist. Dass man sich ihr um ihrer selbst Willen widmet. „In der Muße fällt das Müssen weg. In der Regel ordnen wir all unser Handeln einem Zweck unter. In der Muße fällt diese Zielorientierung weg. Wir erlauben uns das wunderbare Gefühl, nichts leisten oder erreichen zu müssen. Wir dürfen einfach sein“, schreibt Nicole Stern in ihrem Buch „Das Muße-Prinzip“. Muße stünde zwischen Konzentration und Entspannung. Und sie schaffe einen wichtigen Ausgleich zwischen Tun und Sein, der vielen Menschen abhanden gekommen sei.

    Vergessen wir aber nicht: Auch die Pflege der Muße will gekonnt sein. Wie sagte der Schriftsteller, begnadete Müßiggänger – und gerade deshalb so kreative? – Oscar Wilde: „Gar nichts tun ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.“
  • Manchmal reicht es, nichts zu tun ...

    Wann, wenn nicht jetzt? Für viele von uns hat sich das Leben in den letzten Wochen grundlegend geändert. Wir verbringen den Großteil unserer Zeit zuhause. Wir kommunizieren vermehrt digital, nehmen eine Vielzahl an Informationen auf. Es gibt unzählige Listen und Tipps, die Zeit zuhause sinnvoll zu nutzen – vom Frühjahrsputz, Sport im Wohnzimmer bis hin zum Lernen einer neuen Sprache.

    Für jeden von uns bringt die neue Situation individuelle Herausforderungen mit sich. Unsere Aufgaben haben sich verändert, unser Tagesablauf ist anders. Unsere eigenen vier Wände sind plötzlich nicht nur der Ort, an dem wir entspannen, sondern auch der Arbeitsplatz oder die Schule der Kinder. Seien Sie deshalb nachsichtig mit sich: die aktuelle Situation ist herausfordernd genug. Wir müssen unsere Zeit zuhause nun nicht auch noch zwangsläufig optimieren. Manchmal reicht es auch, einfach nichts zu tun. Es ist mitnichten keine verlorene Zeit.

    In diesem Sinne: Nehmen Sie sich bewusst – und ohne Reue – die Zeit, die „Muße zu pflegen“, so wie es in früheren, langsameren Zeiten einmal hieß.
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    • Sivia Hoppe meint
      Frieden in meiner Seele :))
      Ich arbeite im Gesundheitswesen und lebe allein ! Habe seit März 2 wichtige Personen in meinem Leben verloren. Und weiss diese ruhige Zeiten in Muße zu geniessen. Bin dankbar für jeden Tag. ! Auch wenn mir meine Familie in Berlin fast tgl. fehlt. Wir bekommen die Chance neu auf unser Leben zu schauen. Um das Wichtigste zu erkennen. Das "Wir und Miteinander". Oder was meint Ihr dazu? Herz. Grüße Silvia und einen friedlichen 3. Advent 2020 :))
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      Grüne Erde antwortet
      Vielen Dank für Ihre Gedanken!
      Liebe Frau Hoppe, vielen Dank für Ihre Gedanken und dass Sie diese mit uns teilen. Besonders Personen wie Sie, die einen so wertvollen sozialen Beitrag im Arbeitsleben leisten, gebührt unser ganzer Dank, nicht nur in Zeiten wie diesen. Das Leben und unsere Gesundheit ist unser wichtigstes Gut. Menschlichkeit, Liebe und Respekt füreinander und unsere einmalige Umwelt verdienen mehr unsere Aufmerksamkeit, die im Trubel und der alltäglichen Hektik leider oft zu kurz kommen. So herausfordernd die Zeit aktuell auch ist, so zeigt sie uns doch, was wirklich wichtig im Leben ist. Liebe Grüße, Ihr Grüne Erde-Team
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    • Heidrun Weiss meint
      Muße tötet
      Leider bin ich unfähig dazu und muss mir ständig etwas einfallen lassen - der Schlaf wird dadurch unterbrochen - aber dafür kann man länger liegen
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      Grüne Erde antwortet
      Vielen Dank für Ihre Nachricht
      Liebe Frau Weiss, die aktuelle Lage stellt eine große Herausforderung in vielen Lebensbereichen dar. Wir hoffen, dass Sie erholsamen Schlaf finden können. Herzliche Grüße, Ihr Grüne Erde-Team
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    • Ulli meint
      In der Ruhe und im Alleinsein liegt die Kraft
      Gerade in der derzeitigen Situation ist es für mich sehr schwer mir Inseln im Alltag zu schaffen, Homeoffice und homeschooling sind eine große Herausforderung. Doch eine halbe Stunde nach dem Mittagessen ist MEINE Zeit, ich ziehe mich zurück und meditiere, spiele Klavier und/oder mache Yoga (10 min in der früh, wenn mein Kind noch schläft). Mir geht die Zeit alleine Zuhause schon sehr ab, so schön es ist, die Familie um sich zu haben, so wohltuend ist es auch, alleine Zuhause zu sein. Ich wünsche uns allen, dass wir gerade in dieser schweren Zeit Oasen für uns ganz alleine finden und diese später auch mehr schätzen lernen.
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      Grüne Erde antwortet
      Vielen Dank für Ihre Nachricht
      Verständlich, dass dies derzeit nicht einfach ist. Umso mehr freut es uns, dass Sie in dieser herausfordernden Zeit Wege gefunden haben sich zwischen Home-Office und Home-Schooling kleine "Inseln der Ruhe" zu schaffen. Wir wünschen Ihnen alles Liebe. Herzliche Grüße, Ihr Grüne Erde-Team
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    • Angela Ott meint
      Muße
      Zweckfreies Tun stärkt das individuelle Potential unseres Freigeist! Ja, es hilft geradezu diesen zu entfalten. - Im medialen Zeitalter kommt dem freiheitlich gesinnten Geist, eine unschätzbar wertvolle Bedeutung zu, die der ganzheitlichen Gesundheit dient.
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      Grüne Erde antwortet
      Liebe Frau Ott, danke für Ihre Nachricht. Wie Philosophen schon wussten, dass Geist und Seele schöpferische Pausen benötigen, haben auch wissenschaftliche Studien bewiesen: Muße und geistreiches Nichtstun fördern den kreativen Denkprozess sowie Einfallsreichtum und verhelfen zu Ideen. Freundliche Grüße, das Grüne Erde-Team
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    • Irene Pink meint
      Ich habe eine interessante Beobachtung an mir selbst gemacht: LAngeweile mit mir selbst kenne ich nicht. im Gegenteil, es ist ein Genuss, allein zu entscheiden, ob und was ich tue - Hobbys habe ich einige, meist Kreatives - oder eben nicht. Auch wenn diese Hobbys durchaus zielorientiert sind, empfinde ich sie als Muße. Ich kenne dieses Gefühl aber in Gesellschaft, meist von größeren Gruppen, in denen nur oberflächlich dahinplätschernde Gespräche über irrelevante Themen geführt werden. Das empfinde ich als verlorene Zeit, da bin ich lieber mit mir allein und verabschiede mich nach möglichst rasch nach Einhaltung der Höflichkeitsdauer.
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      Grüne Erde antwortet
      Liebe Frau Pink, Danke für Ihre Gedanken zum Thema Langeweile und Muße. Liebe Grüße, das Grüne Erde-Team
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    • Astrid meint
      Muße vs. Langeweile
      In unserer schnelllebigen Zeit ist es äußerst schwierig sich der Langeweile hinzugeben. Man muss sich regelrecht bemühen sich zu fadisieren, denn schließlich gehört es sich doch in der Freizeut möglichst viel zu erleben, um dann den Kollegen am nächsten Arbeitstag über den erfolgreich ausgeübten Freizeitstress zu berichten. Sich mit Muße der Langeweile hinzugeben. Dazusitzen und ins "Narrenkasterl" zu starren, wird wieder modern werden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Ich genieße Langeweile und die Muße mich ihr hinzugeben. Es steigert die Kreaitivtät enorm, wenn man dann wieder in Schwung gekommen ist ;)
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    • Sylvia Preuß meint
      SEIN
      Ich übe mich im Sein. Einfach nur SEIN, atmen, schauen, sonst nichts. Das ist für mich Muße.
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      Grüne Erde antwortet
      Liebe Frau Preuß, vielen Dank für Ihre inspirierenden Worte zum Thema Muße. Freundlich grüßt Sie das Grüne Erde-Team
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