Regional oder Bio?

  • Was ist besser: regional oder bio-zertifiziert? Wenn beides nicht möglich ist: Soll man verzichten oder Kompromisse machen? Wenn ja: Wie weit dürfen diese gehen? Versuch einer Antwort am Beispiel der Grünen Erde.
  • Was heißt eigentlich regional?

    Während „bio-zertifiziert“ klar definiert ist, sieht es bei „regional“ schon anders aus. Was heißt überhaupt „regional“? Im Gegensatz zu einer fix auf der Landkarte verankerten Region bezieht sich regional stets auf den jeweiligen eigenen Standort.
    Ein Beispiel: Für einen Tischler in unserer Möbelwerkstätte in Kärnten liegt Slowenien, wo wir einiges an Buchenschnittholz einkaufen, nur wenige Kilometer entfernt. Für eine Grüne Erde-Kundin in Hamburg dagegen liegt Slowenien schon sehr weit im Süden, auf dem Balkan. Wie regional ist daher die Herkunft des Holzes aus Slowenien?
    Und: Wie weit weg vom eigenen Standort reicht regional? 100 km, 500 km, 1.000 km? Heißt regional für die Grüne Erde: oberösterreichisches Almtal, Österreich und Deutschland, ganz Europa? Gehört die Türkei – wo wir einen Teil unserer GOTS-zertifizierten Bekleidungstextilien nähen lassen – auch zu Europa? Oder endet Europa an den EU-Grenzen? Sind demnach unsere Strickpullover aus der Schweiz nicht aus „regionaler“ Produktion?
  • Es gibt kein Rezept

    Wenn von regional die Rede ist, schwingen oft Begriffe mit wie klar, transparent, überschaubar, nachvollziehbar. Um Regionalität in diesem Sinne bemühen wir uns bei Material und Fertigung unserer Produkte täglich.

    In den ökologischen und sozialen Einkaufsrichtlinien der Grünen Erde heißt es:
  • “Materialien, Verarbeitungsmethode und Produktionsort sind – unter Beachtung sozialer, ökologischer und ökonomischer Kriterien – so zu wählen, dass keine unnötigen Transportwege entstehen. Priorität haben Produkte aus den EU-Ländern oder aus Ländern mit vergleichbarem Sozialstandard. Produkte aus Ländern außerhalb Europas kommen nur dann in Frage, wenn deren ökologische Qualität sichergestellt ist (z. B. durch GOTS-Zertifizierung bzw. Rückstandstests) und die Grüne Erde-Sozialstandards gewährleistet sind (durch GOTS- bzw. Fairtrade-Zertifizierung). Länder mit ständigen, gravierenden Menschenrechtsverletzungen sind ausgeschlossen, ...”
  • Jedoch: Richtlinien sind kein allgemein gültiges Rezept, kein „Schema F“, kein Stein der Weisen. Was in der Theorie einleuchtend und klar scheint, steht in der Praxis täglich auf dem Prüfstand. Der Teufel steckt wie immer im Detail. Vor allem, wenn bio-zertifiziert und regional nicht gleichzeitig möglich ist – es sei denn unter völligem Verzicht auf das Produkt – gilt es, viele Argumente gegeneinander abzuwägen, was sehr aufwendig und mühsam sein kann.
  • kbT-Schurwolle für Mode

    Ein Paradebeispiel, wie vielschichtig die Entscheidungsgrundlagen für den Materialeinkauf sein können, ist Schurwolle, einer der wichtigsten Rohstoffe in unserem Unternehmen.
    Für unsere Natur-Mode kommt die Wolle meist aus Neuseeland, Australien, Uruguay und Argentinien. Hier ist zwar der Transportweg lang, dafür aber stammt die Wolle nahezu ausschließlich aus kontrolliert biologischer Tierhaltung, während kbT-Wolle aus Österreich und Deutschland kaum verfügbar ist. Dazu kommt: Für hochwertigen Bekleidungsstoff muss die Schurwolle ganz fein und weich sein.
    Heimische – regionale – Wolle ist für diese Ansprüche ungeeignet, weil österreichische und deutsche Schafe aufgrund des raueren Klimas von Natur aus gröbere, dickere Wollfasern produzieren. Regional ist also nicht immer automatisch auch besser.
  • Regionale Wolle für Matratzen

    Anders liegen die Dinge bei der Schurwolle für unsere Matratzenvliese – jährlich verarbeiten wir davon etwa 20.000 kg. Hier geben wir Wolle aus Österreich den Vorzug. Unser Vlies-Lieferant im Mühlviertel bezieht die Rohwolle von österreichischen Schafzüchterverbänden (nur falls deren Menge nicht ausreicht, auch aus Frankreich und der Schweiz). Heimische Wolle ist zwar gröber als etwa australische Merinowolle, aber eben aus regionaler Herkunft und deutlich preisgünstiger.

    So können wir auch die Preise für unsere Matratzen niedriger halten, als wenn wir feine und teure Merinowolle aus kbT verarbeiten würden. Was also für Bekleidung sinnvoll ist – feinste, weiche Wolle –, wäre für Matratzenvliese überflüssiger Luxus, der das Produkt zwar verteuern, dem Schlafenden aber keinen spürbaren Vorteil bringen würde.

    Dazu kommt: In Österreich und Deutschland werden Schafe nicht primär wegen der Wolle, sondern wegen des Fleisch- und Milchertrages gehalten. Das heißt: Die Wolle ist für die heimischen Bauern ein Nebenprodukt, für das sie nur geringe Preise erzielen. Häufig droht die Wolle sogar weggeworfen oder zu Gartendünger verarbeitet zu werden. Die heimische Wolle zu Matratzenvliesen zu verarbeiten, ist daher die sinnvollste Verwendung, die man sich denken kann.
  • Warum nicht aus kbT?

    Die regional-österreichische Wolle stammt allerdings nicht aus kbT, weil die meisten Bauern kleine, oft nur wenige dutzend Tiere zählende Herden besitzen, die Schafhaltung nur nebenbei betreiben und daher den bürokratischen und finanziellen Aufwand einer Zertifizierung scheuen. Dass wir mit unserem Mühlviertler Schurwollvlies-Hersteller seit 30 Jahren zusammenarbeiten, dieser seine Rohwoll-Lieferanten persönlich kennt – und alle zusammen im Fall von ökologischen „Unregelmäßigkeiten“ einen guten Ruf zu verlieren hätten, sorgt für ein gewisses Maß an Grundvertrauen. Darüber hinaus ist aber eine objektive Sicherung eingebaut: Alle unsere Matratzenmaterialien, also auch die Schurwoll-Vliese, werden jährlich auf Veranlassung des QUL (Qualitätsverband Umweltverträgliche Latexmatratzen, bei dem Grüne Erde Mitglied ist) von unabhängigen Instituten auf Schadstoffe geprüft.

    Sämtliche Argumente ins Kalkül ziehend, haben wir bei der Schurwolle für unsere Matratzen also entschieden, der regionalen Herkunft den Vorzug gegenüber einer Bio-Zertifizierung zu geben.
  • Kompromisse sind nötig

    Drittes anschauliches Beispiel dafür, dass es bei Schurwolle keine einfache Sowohl-regional-als-auch-bio-zertifiziert-Lösung, sondern nur ein ständiges Abwägen aller Faktoren gibt: unsere Sofa-Bezugsstoffe.

    Die Herausforderung beginnt damit, dass in ganz Europa kaum eine Weberei zu finden ist, die hochwertige und leistbare Bezugsstoffe aus reiner, chemisch unbehandelter Schurwolle herstellt – marktüblich sind Synthetik- oder Mischgewebe. Jene Weberei in Deutschland, mit der wir seit Jahren kooperieren, verarbeitete für unsere Sofabezüge bisher regionale, deutsche Schurwolle, war aber nicht GOTS-zertifiziert, weil wir deren einziger Kunde sind, für den dies wichtig ist, und weil wir auch nur einen kleinen Teil der Produktion abnehmen.
    • Nun hat sich diese Weberei auf unser Drängen hin zertifizieren lassen (was einige Tausend Euro gekostet hat). Dafür muss in Kauf genommen werden, dass künftig ein Teil der Wolle nicht mehr aus Deutschland kommt, eben weil es zu wenig kbT-zertifizierte deutsche Wolle gibt. Um aber den Sofabezug als solchen zertifizieren zu können, muss die gesamte Wolle zertifiziert sein. Hört sich kompliziert an, ist es auch – und gehört zum Arbeitsalltag unseres Produktmanagements und Rohstoffeinkaufs.
    • Sozial faire Pullis aus Peru

      Neben Regionalität und Bio spielt bei manchen Produkten auch der soziale Aspekt eine wichtige Rolle bei unserer Entscheidung für einen bestimmten Hersteller – etwa bei unseren Alpaka-Pullovern aus Peru. Zwar kann Alpaka als Faser (derzeit noch) nicht GOTS- zertifiziert werden, dennoch muss die Faser nach den GOTS-Richtlinien ökologisch und sozial fair gewonnen und verarbeitet werden.

      Wir kooperieren seit mehreren Jahren mit einem peruanischen Partner, der diese Kriterien nachweislich erfüllt. Die Entscheidung für Pullis aus Peru fiel trotz langer Transportwege auch deshalb, weil bei diesem Projekt die gesamte Wertschöpfungskette bis zum fertigen Pullover im Herkunftsland der Faser, also Peru, bleibt. Dies kommt der – von den Anden aus gesehen – regionalen Bevölkerung zugute.
  • Über „regional“ hinausgehende Verantwortung

    Der Einzelfall der peruanischen Pullis berührt auch wichtige Grundsatzfragen, die wir intern bei Grüne Erde selbstkritisch diskutieren: Ist die vermeintlich einfache Formel „regional = besser“ tatsächlich immer praktikabel? Ist sie uneingeschränkt die beste, die richtige Lösung? Wenn etwa die Baumwolle in Indien oder Tansania wächst, die Alpakawolle aus Peru stammt: Ist es dann wirklich besser, die Wertschöpfungskette zu durchtrennen und das Material nach Europa zu bringen, um es hier „regional“ zu verarbeiten und zu veredeln? Welche Alternativen gibt es dazu?

    Wir fragen uns:
  • “Hat die Grüne Erde nicht eine soziale Verantwortung, die über das eindimensionale „regional = besser“ hinausgeht? Gibt es nicht Fälle, bei denen es mehr Sinn ergibt, den Rohstoff in seinem Ursprungsland verarbeiten zu lassen, und soziale Projekte und die Menschen vor Ort zu unterstützen?”
  • Vertrauen ist gut, Kontrolle besser

    Ob regional und/oder bio: Wir wollen sicher sein, dass unsere Produkte ökologisch so sauber wie nur irgend möglich sind. Daher lassen wir jährlich etwa 30 stichprobenartig gezogene Artikel aus den Sortimenten Bekleidung, Heimtextilien, Kissen, Matratzen, Decken und Bettwäschen von unabhängigen Instituten auf die Einhaltung von Grenzwerten für Agrar- bzw. Verarbeitungschemikalien prüfen, was im Schnitt pro Produkt rund 600,– bis 700,– Euro kostet. Wenn Grenzwerte überschritten werden, was extrem selten passiert, nehmen wir das Produkt sofort aus der Kollektion, suchen die Ursache, und beheben gemeinsam mit unseren Lieferanten die Fehler.
  • Was man richtig machen kann ...

    Auch unsere Naturkosmetik zeigt die Vereinbarkeit von regional und bio: Sie ist zu 100 % zertifiziert (Austria Bio Garantie bzw. Natrue) und wird zu rund 80 % in unserer eigenen Produktionsstätte im oberösterreichischen Almtal hergestellt, auch der Rest kommt aus Österreich bzw. Deutschland. Schön, wenn es gelingt, „alles richtig zu machen, was man richtig machen kann.“
    • Was ist Ihnen wichtiger beim Kauf? Regionalität oder Zertifizierung?

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